Das erste Presse-Event für mich war was ganz Besonderes. Ich darf mich ja jetzt „Presse“-Vertreter nennen. Da ich aber überhaupt nicht gewusst habe, was das bedeutet und wie das alles ablaufen würde, bin ich am vergangenen Freitag früh gegen 7 Uhr relativ blauäugig mit Zugticket und Hotelbuchung in Richtung Merseburg (Sachsen-Anhalt) aufgebrochen. Es folgt ein Reisebericht.
Nachdem mir kurz zuvor meine DB-App mitgeteilt hatte, dass mein ICE von München nach Halle einfach ausfällt, hatte ich noch ca. 1,5 Stunden Zeit, mir eine Alternative zu suchen, die dann erstaunlicherweise sogar pünktlich ankam. Dumm nur, dass mein Hotelzimmer erst gegen 15 Uhr bezugsfertig sein würde und ich bereits um 12:15 Uhr in Merseburg angekommen bin. Also erstmal essen und die Stadt ein klein wenig erkunden, ehe ich dann ins Hotel einchecken konnte. Gegen 16:15 Uhr wurde ich dort dann von Roberts „Taxi“ abgeholt, der den ganzen Tag damit beschäftigt war, Leute von der Stadt zur Burgliebenau zu fahren.

Dort angekommen, hab ich mich erstmal meiner Fahrgemeinschaft (Danke Linda, Henry und Matthias) angeschlossen und die Räumlichkeiten erkundet, ehe wir uns gemeinsam an einen Tisch gesetzt und gespielt haben. Trash Poker ist eine von über 50 Neuheiten, die die B-Rex-Verlage in diesem Jahr herausbringen. Die Besonderheit daran: Verlagschef Frank Noack hat dieses Spiel gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Rico Besteher selbst entwickelt. Wir versuchen in dem bei Corax Games erschienenen Spiel, möglichst gute Pokerhände zu gestalten, ohne zu pokern. Sprich kein Bluffen, dafür mehr Kartenmanipulation. Nach der ersten Partie war ich wenig begeistert, da ich aufgrund zufälliger Bekanntschaften am späten Abend noch zu einer zweiten Partie überredet wurde, fing das Spiel an, meinen Ehrgeiz zu kitzeln, weil ich auf einmal gemerkt habe, dass man das vielleicht doch taktischer spielen könnte, als zunächst vermutet. Ich glaube, ich werd’s nochmal spielen.
Einige weitere Spiele an dem Abend waren Joyride bei Corax, ein chaotisches Rennspiel mit Mario-Kart-Anleihen, die neueren Dice Throne-Erweiterungen mit Marvel-Thema bei Grimspire, Psync, ein witziges Assoziationsspiel bei Funbot und Excalibur, ein Spiel bei Mirakulus, mit dem man vor allem eins tut: andere ärgern. Und mit meiner zweiten Partie Trash Poker hab ich dann meinen Abend beendet und musste nicht mehr auf Roberts Fahrservice zurückgreifen, da ich inzwischen einige nette Leute kennengelernt hatte, die mir die Mitfahrt zum Hotel ermöglichten (Danke an Steffen und Daniel von brettspiel-news.de).

Am nächsten Tag wollte ich gleich mal mit einem dicken Brocken starten. Solche Spiele erscheinen ja immer bei Giant Roc und das Spiel meiner Wahl war hier Oranje wird siegen!. Dort versuchen wir, den niederländischen Widerstand gegen die NS-Besatzung im Dritten Reich zu organisieren. Es war ein schwieriges Unterfangen, das mich an den Klassiker Pandemie erinnert. Die Partie endete jedoch mit einem positiven Ausgang für meine beiden Mitkämpfer (Lars und Kai von Ringbote online) und mich, sodass wir gleich im Anschluss mit einem guten Gefühl zum Mittagessen gehen konnten.
Für mich kam dann ein kleines Highlight: Ich durfte in einem Krimidinner (am Nachmittag und leider ohne Essen) mitwirken.

Thematisch ging es um Autorennen, die von einem Pfarrer der Kirchengemeinde St. Bleifrei organisiert wurden, und so hat Maria, die Organisatorin des Krimis, die Gelegenheit genutzt und uns dafür in die burgeigene Kapelle gelotst, wo das Ganze aufgezeichnet wurde, um im Dezember bei der Onlinemesse der Spiele-Offensive ausgestrahlt werden zu können. Daher gibt’s an dieser Stelle keine weiteren Infos mehr, außer dass ich eine wirklich schöne Zeit mit meinen Mitspielenden (Silke vom Würfel&Zucker, den beiden Brettspielbuddies, Felisa von Tillis Spielecafé und einer Mitspielerin, deren Namen ich ergänzen werde, sobald er mir wieder einfällt) hatte.
Nach der ganzen Rätselei wollte ich dann erstmal ein paar lockere Spiele spielen. Dazu zählten die beiden Funbot-Neuheiten Chamälio, eine Art Set-Collection-Spiel mit kleinem Ärgermechanismus, und Pirate King, ein Push-Your-Luck-Spiel mit schönen (und teils auch gemeinen) Interaktionen. Außerdem konnte ich noch Schnick, Schnack und Schmuck von Mirakulus testen, in dem wir als süße Nager (wie z.B. Bernard, Stuart oder Radamaus) allerlei Kleinigkeiten sammeln und mit ihnen dann Gebote für neue Kleinigkeiten abgeben, um am Ende Punkte für die gesammelten Gegenstände zu bekommen. Wirklich schön, auch wenn ich darin sehr schlecht war. Zwischendrin gab’s noch je eine Partie Borealis und Fernweh, beides Spiele, die beim Kobold-Verlag erscheinen.

Am Abend stand dann noch der zweite Brecher für mich auf dem Programm: Yonder, ebenfalls erschienen bei Giant Roc. Yonder ist ein Arbeitereinsatzspiel mit Engine-Building-Anleihen in einer wundersamen Welt, bei dem wir selbst Gebäude bauen, auf denen dann Arbeiter (wie etwa Goblins, Elfen, Zwerge, Oger oder Skelette) eingesetzt werden können. Der Clou daran: Jede Person darf auf jedem Gebäude einsetzen und damit die Plätze wegnehmen, dafür gibt man aber auch seine Arbeiter an die Person, der das Gebäude gehört. Diese Person muss am Ende einer Runde allerdings die Arbeiter ernähren, damit sie sie in der nächsten Runde selbst verwenden darf. Viele Anwesende haben das als ihr Highlight der Veranstaltung empfunden. Auch mir hat es sehr viel Spaß gemacht, leider konnten wir aber die Partie nicht zu Ende spielen, was für einen richtigen Ersteindruck wichtig wäre. Als Absacker kam dann noch Red7 von Corax Games auf den Tisch, ein eigentlich einfaches Ablegespiel, bei dem es darum geht, am Ende seines Zuges die Bedingung in der Mitte mit der eigenen Auslage zu erfüllen. Schafft man das nicht, scheidet man aus. Um das zu verhindern, muss man eine Karte bei sich ablegen oder eben die Regeln ändern, sofern man passende Karten hat. Die Runde gewinnt, wer als Letztes übrig bleibt. Dieses Spiel werd ich mir definitiv auch irgendwann nochmal genauer ansehen.
Nach einer weiteren Nacht im Hotel war der letzte Tag schon angebrochen und begann mit einer Partie Gestern wirst du mich töten, ebenfalls erschienen bei Corax Games. Das ist eine Art Schach-Logik-Rätsel in drei Zeitebenen für zwei Spielende, wofür eine kurze Nacht mit wenig Schlaf definitiv nicht hilfreich ist. Wenn ich wieder etwas wacher bin, werde ich auch das nochmal ansehen, weil es einen wirklich guten Eindruck auf mich gemacht hat. Dann durften wir noch einen Prototypen von Spieleerklärer Gerhard testen, worauf ich auch sehr neugierig war. Aber auch hier werde ich nichts weiter verraten, weil es eben ein Prototyp war.
Ich konnte nicht alle präsentierten Spiele spielen. Bei über 50 Neuheiten wäre das wohl auch mehr als ambitioniert. Was ich aber sagen kann, ist, dass unter den Spielen, die ich testen durfte, auf jeden Fall ein paar Highlights dabei sind. Für kurze Partien mit wenig Regeln sehe ich Pirate King und Schnick, Schnack und Schmuck weit vorne, für länger andauernde Sessions sind Yonder und Oranje wird siegen sicherlich gute Tipps, wenngleich bei Giant Roc wohl die meisten Neuheiten erschienen sind, die ich nicht testen konnte (wie z.B. Thessaloniki, Coming of Age oder Maestro). Trash Poker konnte mich in der zweiten Partie catchen und ist dann eher was für mittellange Partien.
Dass ich sonntags nicht wieder auf die Bahn angewiesen war, verdanke ich Spieleerklärer Mighty: Er vermittelte mir den Kontakt zu Flo von den Brettspielsuchties, der mich dankenswerterweise im Auto direkt mit nach München nahm. So konnte ich nach dem Mittagessen und einer umfassenden Verabschiedungsrunde wieder Richtung Heimat aufbrechen. Umfassend war die Verabschiedungsrunde vor allem deshalb, weil ich auf dem Event mit geschätzt über 100 Beteiligten viele neue Bekannte und auch Freunde kennengelernt habe. Und eine Erkenntnis, die ich für mich auf jeden Fall wieder bestätigt sehe, ist, dass die Spieleszene im Grunde eine riesige Familie ist, in der ich mich gern aufhalte.