Sind Sie zu einem Urteil gekommen? – Ihr seid die Jury – Zwei Gesichter, ein Schuss von Kosmos (Rezension)

Ihr seid die Jury - Zwei Gesichter, ein Schuss | Krimispiel | ab 14 Jahren | 2-5 Personen | Jacob Berg

Ihr seid die Jury - Spielmaterial

Im Jahr 2003 durfte ich im Rahmen eines Schüleraustauschs in Kalifornien einer Jugendgerichtsverhandlung beiwohnen, in der ich auch Teil der Jury sein durfte. Der angeklagte Jugendliche war vor der Verhandlung schon geständig, es ging letztlich nur darum, zu sehen, ob er einsichtig ist und seine Tat (er hatte eine Softair-Pistole im eigenen Auto liegen lassen und ein kleineres Kind hatte das gesehen und die Polizei alarmiert) bereut. Als Mitglied der Jury durften wir damals das Strafmaß festlegen: Er musste zur Entschuldigung einen 4000-Wörter-Aufsatz schreiben, worüber er ganz und gar nicht erfreut war.

Klar, im Vergleich zu einer Mordanklage ist das Kinderkram. Im Spiel Ihr seid die Jury – Zwei Gesichter, ein Schuss geht es um eine solche. Wir sind Teil der Jury, die darüber entscheidet, ob der Angeklagte schuldig des Mordes an einem 19-jährigen ist. Über eine Zeit von drei Tagen hören wir mithilfe einer App Zeugenvernehmungen, abwechselnd befragt von der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung. Am Ende eines Tages können wir noch Aussagen anderer Mitglieder der Jury lesen und uns daraus ein Bild machen. Zum Schluss der Partie entscheiden wir geheim per Marker, ob wir ihn in beiden Anklagepunkten für schuldig befinden. Am Ende gibt es eine Auflösung des Falls, je nachdem, wie wir abgestimmt haben.

So nüchtern das alles klingt, die Produktionsqualität des Hörspiels ist wirklich gut. Man fühlt sich in eine typische amerikanische Krimiserie versetzt, wo Staatsanwaltschaft und Verteidigung immer wieder auf die Jury einreden und versuchen, ihren Standpunkt klarzumachen. Die Jury wird direkt angesprochen und so baut man auch schnell eine Beziehung zu den Charakteren auf. Die Geschichte ist von vorne bis hinten spannend erzählt und man ertappt sich selbst immer wieder dabei, vorzeitig ein Urteil zu fällen, obwohl noch nicht alle Fakten auf dem Tisch sind. Natürlich kann auch ein vorschnelles Urteil das richtige sein, vielleicht hat man schließlich ein gutes Bauchgefühl. Nicht zuletzt wird dieses Bauchgefühl aber auch sehr gezielt und gekonnt provoziert. Besser ist es aber in jedem Fall, zunächst sachlich nüchtern ranzugehen und alle Aussagen zu dokumentieren, bevor man sich darüber Gedanken macht, welche dieser Aussagen tatsächlich wahr und welche gelogen sind oder vielleicht überhaupt nichts mit der Sache zu tun haben.

„Wo bleibt eigentlich die Beschreibung des Spiels?“ mag sich der ein oder die andere fragen. Im Prinzip ist alles die Spielbeschreibung. Das Spiel besteht aus einigen Karten, ein paar sogenannten Einschätzprotokollen, auf denen man sich was notieren kann (aber laut Anleitung gar nicht soll), und aus Abstimmungsplättchen. Und natürlich der App, die das Hörspiel vorspielt. Man greift quasi nicht ins Spielgeschehen ein, außer am Ende eines Verhandlungstages, wo man sich entscheiden muss, mit welchen Geschworenen man spricht. Leider ist das vom Spiel auch nicht besonders geschickt gelöst. Wenn ich zu fünft spiele, darf jede Person einen anderen Geschworenen befragen und man erhält in der Summe alle Infos (auch wenn man darüber nur beschränkt sprechen darf). Wenn ich aber nur zu zweit spiele, gilt das Gleiche. Wir sprechen also dann mit drei Geschworenen nicht. Das wirkt auf mich recht unstimmig. Nimmt man es genau, würde ein Spiel zu zweit ja bedeuten, dass es mehr andere Geschworene gibt, mit denen ich reden könnte. Wenn meine Spielendenjury aus fünf Personen besteht, sind die anderen entsprechend weniger. Für uns haben wir das auch so gedeutet, dass wir von allen fünf die Infos gelesen haben.

Letztlich ist Ihr seid die Jury – Zwei Gesichter, ein Schuss ein langes Hörspiel, bei dem wir am Ende genau zwei Entscheidungen treffen. Und wie bei jedem Krimispiel kann es sein, dass es die Falschen sind. Ohne zu viel zu spoilern: Eine unserer Entscheidungen war richtig, eine falsch. Wir sind aber durchaus der Überzeugung, dass man die richtige Entscheidung hätte treffen können. Insofern kann man dem Spiel nicht vorwerfen, unlogisch zu sein.

Fazit: Gerichtssendungen wie Richterin Barbara Salesch oder Richter Ulrich Wetzel erleben im linearen TV gerade ein Revival und meine Frau und ich sind Fans der ersten Stunde. So ist es nicht verwunderlich, dass wir auch an diesem (Hör-)Spiel unsere Freude hatten. Insbesondere gefiel uns die Spannung, die sich durch den gesamten Fall zieht. Und so kann ich jedem, der Spaß am Entwirren verschiedener Zeugenaussagen empfindet, das Spiel auf jeden Fall empfehlen – wenn man sich darauf einlässt, dass man quasi nicht spielt, sondern vor allem zuhört.

 

Bewertung / Test
+ spannende Geschichte
+ Audio sehr gut produziert
+ nicht von vornherein offensichtlich
– Weniger Spiel, mehr Hörspiel

(Eine Rezension von Marco Schanzer)

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Ihr seid die Jury - Zwei Gesichter, ein Schuss

Spielidee: Berg, Jacob
Verlag: Kosmos
Anzahl der Spielenden: 2-5
Altersempfehlung Verlag: ab 14 Jahre
Spieldauer: ca. 120 Minuten

Generationentauglichkeit: Das Spiel ist eher nicht für Kinder geeignet, schließlich geht es um Mord. Wenn die Thematik nicht abschreckt, können Personen jeden Alters daran teilnehmen, weil es letztlich keine Regeln außer Zuhören gibt.