Geschichtsunterricht oder Turnierepos? – Medieval: Jan Žižka von Albi (Rezension)

Medieval: Jan Žižka | Kennerspiel | ab 12 Jahren | 1 bis 4 Spielende | Jindřich Pavlásek & Petr Vojtěch | Albi 

Kämpfe zwischen Geschwistern? Die Menschheitsgeschichte inklusive der Bibel ist voll davon! Das Spiel „Medieval: Jan Žižka“ lässt uns einen weiteren erleben – das klingt für dich nach böhmischen Dörfern? Dann liegst du absolut richtig! Ins südliche Böhmen des 15. Jahrhunderts, wo die Königsbrüder Wenzel und Sigismund ihre Fehde austragen, verschlägt es uns als Söldner. Wie sich diese Lebensaufgabe spielt? Lies weiter!

Die Charaktere in der näheren Betrachtung

Das Spiel
Medieval: Jan Žižka ist ein Kennerspiel von Jindřich Pavlásek & Petr Vojtěch und bei Albi erschienen. Es ist für 1-4 Spielende geeignet und kann ab 12 Jahren gespielt werden.

Jede Person am Spieltisch schlüpft in die Rolle einer der 4 Söldner. Zur Auswahl stehen: der gewandte Torak, der kluge Boreš, der kriegerische Žižka oder die gerissene Kateřina. Die zugehörigen Farben finden sich auf dem Hintergrund der jeweiligen Rollenkarte. „Medieval: Jan Žižka“ Spiel bietet 2 Varianten an – in einer sind alle Charaktere gleich, in der asymmetrischen Variante machen sich die eben genannten Adjektive auch bemerkbar, zum Beispiel schon durch unterschiedliche Startaufstellungen – sie werden komplettiert durch Münzen und Gefolgsleute – zum Schluss wird die eigene Miniatur des Anführers auf eines der beiden Startfelder gestellt. Schon kann der Wettbewerb um die meisten Siegpunkte beginnen – wer zuerst die goldene 20 überschreitet löst das Spielende aus und hat gut Chancen auf den Sieg der Partie.

Zwei der vielen Gefolgsleute liegen am unteren Rand des Spielbrettes

Pro Spielzug stehen mir 2 Aktionen zur Verfügung – häufig wird hier die „Fortbewegung“ genutzt. Ich darf so viele Felder weiterziehen, wie es die Symbole meines Anführers und Gefolgsleute erlauben. Eine weitere Aktion besteht darin, in einer Taverne neue Gefolgsleute anzuheuern. Das kostet Geld und bedarf manchmal einer bestimmten Gesinnung. Sind wir mehr den Tugenden oder dem Laster verfallen? Je nachdem lässt das andere Personen in unseren Trupp eintreten, doch Vorsicht, ich darf maximal 3 Gefolgsleute haben, d.h. mein Trupp ist ständig im Umbau. Mit diesem Trupp und den dadurch verstärkenden Symbolen kann ich in einer weitern Aktionsmöglichkeit versuchen das Ereignis des besuchten Ortes aufzudecken und durchzuführen. Ziel aller Bestrebungen sind stets Geld und Siegpunkte.

Der Spielablauf ist dabei relativ einfach: Im Uhrzeigersinn führt jede Person ihre 2 Aktionen aus, schon ist der nächste Charakter an der Reihe usw. Die Spannung entsteht durch die Ereignisse an den Orten. In Runden scheiben liegen diese zunächst verdeckt auf dem Plan. Die Rückseite verrät, um welche Aktivität es sich handeln wird und dabei gibt es gar viele. Das ist deshalb nicht unerheblich, weil es Gefolgsleute gibt, die uns in der Jagd mehr nützen als im Taschendiebstahl, Mönchen können wir ebenso zu Hilfe eilen wie ein Camp der Wegelagerer besuchen. All unsere Aktionen beeinflussen dabei unsere Gesinnung und heben uns möglicherweise auch in der Gunst einer der beiden, oder gar beider Brüder (Wenzel und Sigismund) – wem gilt die Loyalität eines Söldners?

6 Würfel liegen auf dem Tisch, daneben die Gefolgsleute.

Jetzt kommen wir zum Kern des Spiels: Sämtliche Ereignisse werden durch Würfel ausgeführt – egal ob ich im Wald jage, an einem Turnier teilnehme oder gar eine Festung erobere – alles geschieht durch Würfel. Ich sage das so bewusst, weil hier ausnahmsweise mal „Mehr ist Mehr“ gilt. Viele Würfel zu haben ist von Vorteil, Gefolgsleute, die mir eines der gewünschten Symbole direkt liefern jedoch ebenso.

Jedes aufgedeckte Ereignis hat unterschiedliche Bedingungen um es erfolgreich abzuhandeln, sowie zusätzliche optionale Bedingungen um weitere Belohnungen zu erhalten. Dabei darf ich nur selten Würfel neu werfen und auch nur so viele bzw. einen Würfel so oft, wie ich das „Neu-Werfen“ Symbol in meinem Trupp habe. Bin ich in der Gunst von Wenzel und / oder Sigismund am höchsten angesehen, erhalte ich auch deren farbige Würfel zusätzlich. Diesen grünen oder roten Würfel darf ich so lange mit verwenden, bis ein anderer Charakter im Ansehen der Brüder steigt. Gelingt es mal nicht, ein Ereignis zu bestehen, so erhält die erfolglose Person ein Kleeblatt – dieses Symbol für Glück stellt einen Joker dar und kann schon im nächsten Ereignis als beliebiges Symbol verwendet werden.

Um jetzt hier nicht in eine Nacherzählung der Spielregel abzudriften sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, auch Kämpfe unter den Charakteren kann es geben und zwar immer dann, wenn per Haftbefehl nach ihnen gesucht wird. Ähnlich einem Kopfgeld lagern da Münzen drauf und schaffen einen zusätzlichen Anreiz für die Verfolgung. Ferner gibt es ebenfalls noch Turniere wo alle am Tisch im Wettstreit antreten können – hier geben die unterschiedlichen Würfelsymbole unterschiedlich viele Punkte. Wie bei Kniffel wird hier gewürfelt und mindestens ein Würfel herausgelegt – jedoch nicht nur 3x sondern so lange, bis alle Würfel herausgelegt wurden. Die siegreiche Person erhält dann eine gute Menge an Punkten und ist der 20 wieder ein großes Stück näher gekommen.

Ein Ereignis an einem Ort - hier ist ein Turnier dargestellt.

Im Grunde ist es ein ziemlich mächtig aufgewertetes kniffel-ähnliches Würfelspiel. Vor allem in den Turnieren wird das ziemlich deutlich. Die Symbole auf den Plättchen aus Pappe sind ziemlich klein und im Laufe der ersten Partie komplett verinnerlicht. Es fehlt eine komprimierte Form der Übersicht, im Sinne einer kleinen Karte zum Beispiel oder eines weiteren Plättchens um hier schnell übersetzen zu können, was das eine oder andere Symbol bedeutet. Die Spielanleitung schafft das zwar, jedoch benötigt sie dafür etwas mehr Text als üblich. Wenn das kein Hindernis darstellt, so kann die Punktejagd im böhmischen Wald auch generationenübergreifend gespielt werden.

Übersicht über das Spiel bei Spielende.
Ende der Partie – Rot (der Charakter Žižka) ist davongezogen, siegreich in Turnieren und mit dem Würfelglück an seiner Seite fiel das Ergebnis ziemlich deutlich aus.


Fazit
Wann immer Würfel im Spiel sind, fällt bei mir der Vergleich zu anderen Würfelspiele schnell auf „Kniffel“, „Heckmeck am Bratwurmeck“ und beispielsweise „High Score“ – ich könnte noch unzählige weitere Spiele nennen und merke wie häufig der Name Dr. Reiner Knizia unter den Autoren vertreten ist. Seine Spiele bestechen vor allem durch einfache Regeln in leicht zu erfassender Spielumgebung – beides trifft auf „Medieval: Jan Žižka“ nur bedingt zu – die Regeln sind nicht komplex, doch die Spielanleitung ist mehrere Seiten lang und die Spielumgebung recht umfangreich aufgezogen. So habe ich immer wieder verschiedene Ereignisse, die in Anforderung an das Würfelergebnis und in ihrer Belohnung leicht variieren – jedoch ist es stets das gleiche: Wir werfen Würfel – in den Ereignissen etwas anders als im Turnier und doch gewinne ich bei beiden mit den meisten der geforderten Symbolen.

Das macht Spaß und ist auch hübsch anzuschauen, wird aber einen Gelegenheitsspieler nicht unbedingt auf sich aufmerksam machen. Zu groß ist da die Konkurrenz vieler anderer Titel, bei denen Würfel über Sieg und Niederlage entscheiden. Dass „Medieval: Jan Žižka“ den Film „Medieval“ von Petr Jákl als Vorlage hat dürfte dann wohl auch Fans der Vorlage und generell der geschichtsinteressierten Personen ansprechen. Egal wie du zum Spiel kommst, eine Partie macht Spaß, auch wenn Würfel eher nicht zu deinen beliebten Spielelementen gehören. Wenn alle am Tisch die Symbole und den Ablauf eines Zuges verstanden haben und das geht erfahrungsgemäß recht schnell, dann ist eine Partie in 60 Minuten Spielzeit auch realistisch gespielt.

Bewertung / Test
+ Schönes und belastbares Spielmaterial
+ Einfache Symbolik und relativ schnell zu verstehende Ikonographie
+ Klare Struktur in den Zügen
+/- Hoher Glücksfaktor
– Gefühl immer das Gleiche zu tun in einem Spiel, das dafür dann etwas zu lange dauert

 

(Eine Rezension von Tobias Mallock)

 

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Medieval: Jan Žižka (2023)

Spielidee: Jindřich Pavlásek, Petr Vojtěch
Grafik: N/A
Verlag: Albi
Anzahl der Spielenden: 1 – 4 Personen
Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren
Eigene Altersempfehlung: Ab 10 Jahren
Spieldauer: 60 Minuten

Generationentauglichkeit: Ein Würfelspiel mit viel Geschichte drumherum. Evtl. verhindern die kleinen Symbole das generationenübergreifende Spiel, die Spielmechanik und das Regelwerk machen es jedoch grundsätzlich möglich.