Whitechapel kommt einfach nicht zur Ruhe – Crime Scene: London 1892 von Piatnik (Rezension)

Crime Scene: London 1892 | Rätselkrimi | ab 18 Jahren | 1 bis 4 Spielende | Richard Heayes, Markku Heljakka, Petter Ilander | Piatnik

Whitechapel ist ein Stadtteil des Londoner East Ends, der 1888 traurige Berümtheit erlangte, als ein Serienmörder mit Pseudonym Jack the Ripper sein Unwesen trieb. Bekanntermaßen wurde er nie gefasst, und so baut „Crime Scene: London 1892“ einen Spannungsbogen, der das Schlimmste befürchten lässt: Es geht wieder los und wir sind mittendrin, statt nur dabei!

Spielmaterial, Karten und Anleitung liegen nebeneinander auf dem Tisch.
Vorrangig durch Karten vorangetrieben entfaltet sich die Geschichte im Londoner Stadtteil Whitechapel.

 

Das Spiel
Crime Scene: London 1892
ist ein Rätselkrimi von Richard Heayes, Markku Heljakka, Petter Ilander und bei Piatnik erschienen. Es ist für 1-4 Spielende geeignet und kann ab 18 Jahren gespielt werden.

„Crime Scene: London 1892“ bringt uns 4 Jahre nach den Greueltaten von Jack the Ripper mit einem mysteriösen Mord wieder mitten ins Geschehen nach London. Gleich eins vorweg: Das wird der vermutlich letzte inhaltliche Spoiler für diesen Beitrag sein, sofern es denn überhaupt einer ist. Lediglich das letzte Beitragsbild lässt Textfragmente erkennen, die jedoch mit dem Aufdecken der ersten Karte sofort für jeden ersichtlich werden. Sollte das für dich auch bereits eine inhaltliche Vorwegnahme darstellen, dann gehe direkt zum garantiert spoilerfreiem Fazit.

Spielmaterial ausgebreitet
Das gesamte Spielmaterial: Indizien und Dokumente werden für Rätsel benötigt. Gehen uns die Ideen aus, helfen Hinweise, die wir mit Reputation bezahlen. Je mehr Reputation wir am Spielende noch besitzen, desto einfacher die finale Entscheidung.

 

In „Crime Scene: London 1892“ starten wir, wie es für sämtliche Rätselspiele üblich ist, mit einer sehr kurzen Spielanleitung und stehen sofort in der Handlung. Das Spiel erschließt sich den geübten Spielenden tatsächlich im Verlauf sehr gut selbst. Hier lag allerdings einer unserer entscheidenden Fehler, der den Spielspaß kurzfristig etwas trübte: Es war uns an einer Stelle möglich, durch falsche Interpretation der Hinweise eine gültige Indizienkarte zu ziehen und das Rätsel an einer Stelle fortzusetzen, die nicht so richtig passte. Das sorgte für einen Moment lang für Fragezeichen bis wir unseren Fehler aufdecken konnten.

Deshalb kurz zum Spielablauf: Es gibt Indizienkarten, die die Geschichte vorantreiben oder mit Rätseln bedruckte Indizienkarten. Welche davon zu auszuwählen sind, wird mittels einer stimmungsvollen und detaillierten Spielszene auf einem spielplanähnlichen Karton herausgefunden. Durchgerastert mit den Zahlen von 1 – 30 werden Hinweise gesucht und dadurch die zu wählenden Karten ermittelt. Zeigt eine Indizienkarte einen Buchstaben in der linken unteren Ecke, so gilt es die dazugehörige Karte aus dem Stapel der Dokumente zu wählen.

Lösen wir das Rätsel richtig, so gibt uns ein chiffrierter Code im Dokument eine Textstelle vor, die wir genau untersuchen müssen. So werden wir über Objekte in der Spielszenerie zum nächsten Rätsel auf einer Indizienkarte geführt oder die Geschichte entwickelt sich weiter. Passt die Indizienkarte, so wird der buchstäblich rote Faden von einer Karte auf die nächste fortgesetzt. Ok er ist nicht immer rot. Eine gute Art der eigenen Erfolgskontrolle und ein roter Faden durch die Geschichte.

So rätseln wir uns mal mehr mal weniger schnell durch die Geschehnisse. Finden wir mal so gar keinen Lösungsweg, so gibt es im Spiel Hinweise – zu jedem Rätsel genau eine Karte. Benötigen wir diese Hinweiskarte, so verlieren wir dafür eine unserer noch verbleibenden Reputationskarten, und zwar die mit dem niedrigsten Wert. Diese Reputationskarten sind wichtig für die richtige Entscheidung im Showdown zum Spielende, denn wir können das Spiel tatsächlich auch verlieren, wenn wir uns am Spielende falsch verhalten.

Ein Wort zu den Hinweiskarten: Hier wird Personen, die die berühmten Exit Spiele von Inka und Markus Brand mögen, schnell ein ernüchterndes „Mehr nicht?“ entweichen – denn die Hinweise geben tatsächlich den Start ins Rätsel vor und lassen uns dann mit dem Rätsel allein. Mehrstufige Hinweise wären hier toll gewesen.

Detailaufnahme einer Karte, die mit einem grünen Faden mit der nachfolgenden verbunden ist.
Gut gelöst – die Indizien werden mit einem Faden verbunden, stimmt er – geht die Geschichte weiter. Stimmt er nicht, muss weiter ermittelt und gerätselt werden.

 

Das Thema „Exit Spiele“ bietet auch einen weiteren Anlass zum Vergleich denen sich Spiele des Genres immer wieder stellen müssen: das Spielmaterial! Es wird weder eine App benötigt noch wird Spielmaterial zerstört und das verdient Erwähnung weil es doch nicht mehr selbstverständlich ist. Dafür gilt – und das haben dann doch fast alle Escapespiele gemeinsam – einmal gespielt, kenne ich es eben und werde es nicht erneut spielen, allenfalls weiterempfehlen. Alternative Handlungsverläufe gibt es in „Crime Scene: 1892 London“ nicht – von 3 verschiedenen Spielausgängen mal abgesehen.

 

Fazit
„Crime Scene: 1892 London“ hält, was es verspricht! Solide Rätsel im mittleren Schwierigkeitsgrad treffen auf eine schön geschriebene Geschichte. Dazu kommt ein guter Mechanismus und das Gefühl stets voranzukommen – so unterhält ein Rätselkrimi hervorragend. Stellt sich mir als aufmerksamer Beobachter und Freund von Oberflächen- und Tiefenstruktur die Frage: Darf ein so kompatibles Spieldesign mit intuitivem Ratedesign auch ein anderes Setting als Mord bedienen? Würde sich nicht auch die Suche nach einem archäologischem Artefakt anbieten oder die Entdeckung und Erkundung eines Dings, was in einer dünn besiedelten Landschaft gefunden wurde? Ideen für Rätsel und deren Handlungsstränge hätte ich eine ganze Menge.

Ein echter Spannungsbogen, der sich mit der Geschichte aufbaut, wollte beim Testen nicht so recht aufkommen. Ursachen können hier im Setting liegen oder in den Rätseln, die sich gut in die Handlung einfügen und der Geschichte doch immer wieder eine Pause verleihen. Das haben andere Rätselkrimis besser geschafft, sei es durch mitlaufende Zeit, oder durch Handlungsscheiben wie beispielweise bei den Escape Tales aus dem Hause Kosmos. Das Gefühl unter Druck zu entscheiden wird dadurch besser wahrnehmbar.

Generationentauglichkeit? Schwer zu sagen, es müssen viele kleine Dinge gefunden werden, bei denen ein gutes Auge von Vorteil ist. Der Handlung selbst ist es wohl zu verdanken, dass es ab 18 Jahren ist, die Rätsel selbst spiegeln diese Altersfreigabe nicht wider. Kurzum – wer Freude an Krimis hat und gern rätselt und im Team am besten ist, der spielt hier auch gut generationenübergreifend – allerdings wirklich erst ab18!

Mir macht eine Partie Crime Scene auf jeden Fall Interesse an weiteren erschienenen Fällen, gehöre ich doch sehr der Spielerfraktion an, die von einer Handlung und einem Thema profitieren! Du kennst keinen der Crime-Scene Titel? Das solltest du schleunigst ändern!

 

Bewertung / Test
+ einfacher und intuitiver Rätselmechanismus
+ es wird kein Material zerstört, das Spiel bleibt vollständig erhalten
+/- Rätsel (für regelmäßige Exit- und Escape-Room-Spielende) streckenweise recht einfach
– trotz spannender Story bleibt (zumindest im Londoner Fall) eine gewisse Distanz zum Plot
– Hinweiskarten helfen beim Einstieg in das Rätsel, geben jedoch keine weitere Hilfe wenn es dann (immer)noch nicht weitergeht, eine mehrstufige Hilfe wäre wünschenswert

 

(Eine Rezension von Tobias Mallock)

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Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Escape”

  • ... Altersgruppe 18 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 bis 70 Jahre
  • ... Altersgruppe ab 71 Jahre

Crime Scene: London 1892 (2021)

Spielidee: Richard Heayes, Markku Heljakka, Petter Ilander
Grafik: Stevan Antonijević
Verlag: Piatnik
Anzahl der Spielenden: 1 – 4 Personen
Altersempfehlung Verlag: Ab 18 Jahren
Spieldauer: 120 Minuten

Generationentauglichkeit:  Mitunter müssen kleine Objekte gefunden werden und das immer wieder – daher allenfalls bedingt generationentauglich.