Spaziergang ins Tal der leisen Wunder – Earthborne Rangers von Frosted Games (Rezension)

Earthborne Rangers | Kennerspiel | Kampagnenspiel | ab 12 Jahren | 1-4 Personen | Andrew Fischer, Brooks Flugaur-Leavitt, Andrew Navaro, Adam & Brady Sadler | kooperativ | Frosted Games

Spielmaterial mit einsortierten Karten

Earthborne Rangers ist eines dieser Spiele, die nicht mit einem Paukenschlag starten, sondern mit einem Einatmen. Wir landen im Valley – einem Tal, das nicht erklärt, sondern empfängt. Kein Weltuntergang, den wir verhindern müssen, keine große Bedrohung, die uns antreibt. Stattdessen: ein Rucksack, ein Weg und ein Gefühl von „Schau dich erstmal um.“ Unsere Ranger:innen entstehen nicht durch Startwerte, sondern durch Entscheidungen, Situationen, Begegnungen. Und dieses „Ich schaue mal, wer ich bin und wie ich handle“ ist die eigentliche Reise.

Die Welt von Earthborne Rangers lebt leise, aber konsequent. Sie vergisst nicht. Wenn wir jemandem helfen, taucht diese Person später wieder auf – verändert, dankbar, fordernd. Orte wachsen weiter, Ereignisse kehren zurück, aber nicht wie Missionstrigger, sondern wie Menschen, die man im Dorf immer wieder trifft. Es entsteht eine Vertrautheit, die selten ist in Kampagnenspielen. Wir merken, wie wir anfangen, rangerisch zu denken. Wir verfolgen nicht Quests. Wir folgen Spuren.

Gespielt wird über Karten, die Fertigkeiten, Handlungen und Besonderheiten darstellen. Mechanisch wirkt das anfangs nüchtern: Werte steigern, Karten abwerfen, testen. Dazu ein Regelwerk, das leider das Talent besitzt, genau dann unklar zu werden, wenn man etwas nachschlagen möchte. Die ersten Runden bestehen oft aus: „Moment, das hatten wir doch… irgendwo.“ Aber dieser Stolperstein ist ein Anfangsberg, der flacher wird. Sobald die Abläufe sitzen, tritt die Mechanik zurück. Dann ist ein Sprung über einen Bach kein +2-Test, sondern ein Moment, bei dem jemand leise „Jawohl“ murmelt, weil man sich erinnert, wie man dort neulich noch im Schlamm lag.

Was Earthborne Rangers wirklich ausmacht, ist seine Ruhe. Keine zähe Stille, sondern Raum zum Erzählen, Raum zum gemeinsamen Überlegen, Raum zum Wandern. Es atmet. Es lässt uns atmen. Am schönsten ist das zu zweit. Da entsteht dieses leise Gespräch zwischen Menschen und Figuren, das Hin und Her zwischen „Ich“ und „mein Ranger“. Zu dritt funktioniert das noch gut, zu viert verliert es an Fokus – nicht schlimm, aber spürbar. Dieses Spiel will nicht übertönt werden.

Über allem liegt ein sanfter Solarpunk-Gedanke. Keine naive Harmonie, sondern eine Welt, in der Heilung möglich ist. Eine Zukunft, in der man nicht gegen die Natur kämpft, sondern mit ihr verhandelt. Es ist nah an unserer Welt – gerade nah genug, um sich danach zu sehnen.

Earthborne Rangers ist kein Spiel, das „passiert“. Es ist ein Spiel, in das man zurückkehrt. Nicht, weil es uns antreibt, sondern weil es uns ruft. Und wenn man einmal verstanden hat, dass es hier nicht um eine sichtbare Fortschrittsspirale geht, sondern um das allmähliche Ankommen im eigenen Charakter, dann versteht man auch, warum dieses Tal nicht wieder verschwindet.

Ausgelegte Karten


Fazit
Earthborne Rangers ist ein Ort zum Wiederkommen. Wer schnelle Belohnungen oder klare Ziele sucht, wird nervös werden. Wer aber gerne hineinhorcht, schaut, wandert, beobachtet — der wird hier etwas finden, das selten geworden ist. Ein Spiel, das nicht lauter wird, um gehört zu werden. Und ja: Es verlangt etwas. Zeit. Aufmerksamkeit. Die Bereitschaft, nicht sofort „zu gewinnen“, sondern erst zu verstehen. Doch wer diesem Anspruch Raum gibt, wird merken: Dieses Spiel vertraut darauf, dass du bleibst, wenn du angekommen bist.

 

Bewertung / Test
+ lebendige, reagierende Welt
+ sehr ruhiges, stimmiges Erzähltempo
+ Entscheidungen tragen Gewicht, ohne zu überfordern
+ besonders stark zu zweit
– Einstieg durch Regelstruktur zäh
– zu viert merklich langsamer
– kein Spiel für „Wir brauchen Action & klare Ziele“-Runden

 

(Eine Rezension von Petra Fuchs)

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TRANSPARENZHINWEIS
Für stilistische Überarbeitungsschritte sowie das Lektorat kam nach Erstellung der Rohfassung KI-Tools zum Einsatz. Die Rezension, ihre Argumentation und alle Bewertungen sind eigenständig verfasst.

Earthborne Rangers (2023)

Spielidee: Andrew Fischer, Brooks Flugaur-Leavitt, Andrew Navaro, Adam & Brady Sadler
Verlag: Frosted Games / Earthborne Games
Spielende: 1–4
Alter: ab 12 Jahren
Dauer: 60–240 Minuten

Generationentauglichkeit: nur bedingt.
Pädagogisch wertvoll: fördert Ruhe, Verantwortung, gemeinsames Erzählen und nachhaltiges Entscheiden.