La Bête | Kennerspiel | ab 14 Jahren | 2-5 Personen | Antoine Bauza, Dave Neale | teils kooperativ | Koalla Spiele

Es ist Nacht in Gévaudan. Irgendwo zwischen dichten Wäldern, abgelegenen Dörfern und schlecht beleuchteten Wegen knackt ein Ast. Vielleicht war es nur der Wind. Vielleicht aber auch nicht. Denn seit Monaten verschwindet hier immer wieder jemand – Hirtenkinder, Bäuerinnen, Reisende. Die Angst frisst sich tiefer in die Region als jedes Raubtier es könnte. Niemand weiß, was genau dort draußen lauert. Sicher ist nur: Es tötet. Und es wird wiederkommen.
La Bête nimmt uns mit in genau dieses historische Grauen. Zwischen 1764 und 1767 hielt die Bestie von Gévaudan ganz Frankreich in Atem – ein Wesen, über dessen wahre Natur bis heute gestritten wird. Wolf? Hyäne? Dressiertes Monster? Oder doch etwas ganz anderes? Das Spiel macht aus dieser Unsicherheit sein Herzstück. Denn hier geht es nicht darum, ein Monster einzukreisen und festzunehmen. Es geht um Zweifel. Um Spuren, die vielleicht falsch sind. Um die eine entscheidende Frage: Wer – oder was – ist die Bestie wirklich?
Am Tisch übernimmt eine Person die Rolle der Bestie. Alle anderen verkörpern gemeinsam die Ermittelnden – Jäger:innen, Adlige, Geistliche, Soldat:innen. Vier Figuren stehen immer zur Verfügung, egal mit wie vielen Personen gespielt wird. Bei fünf Personen ist jede Rolle einzeln besetzt, bei weniger übernimmt man mehrere Ermittelnde gleichzeitig. Das funktioniert überraschend gut, verlangt aber – gerade zu zweit – ein wenig Organisationsfreude.
Die Partie erstreckt sich über drei Jahre mit jeweils vier Jahreszeiten. Zwölf Runden also, die sich erstaunlich schnell erzählen, aber unglaublich dicht anfühlen. Jede Jahreszeit bringt Ereignisse mit sich, die nicht zufällig verteilt sind: Frühling und Sommer geben den Ermittelnden Rückenwind, Herbst und Winter spielen der Bestie in die Klauen. Allein dieser Rhythmus erzeugt bereits eine spürbare Dramaturgie. Hoffnung, Verzweiflung, Aufatmen – und wieder Angst.
Während die Ermittelnden offen über die Karte ziehen, Orte sichern, Dörfer schützen und Spuren analysieren, agiert die Bestie im Verborgenen. Ihr Standort bleibt vorerst geheim. Sie plant ihre Wege, wägt Risiken ab. Greift sie an, fordert sie Opfer – manchmal wenige, manchmal erschreckend viele. Ziel der Bestie ist klar: 25 Tote, bevor das Spiel endet.
Doch so einfach ist es nicht. Denn jeder Angriff hinterlässt Spuren. War die Bestie in den letzten beiden Jahreszeiten an einem Ort, können Ermittelnden dort Nachforschungen anstellen. Gelingt ihnen das, kommen immer mehr Hinweise auf die wahre Identität der Bestie ans Licht.
Und genau hier lohnt sich der direkte Blick rüber zu den üblichen Verdächtigen dieses Genres. Hidden-Movement-„Jagdspiele“ kennen viele von uns: Scotland Yard ist da der Klassiker – Mr. X huscht verdeckt durch London und wenn die Ermittler ihn auf dem Feld erwischen, ist Feierabend, Handschellen klick und ab in den Polizeiwagen. Fury of Dracula macht daraus die epische Gothic-Variante: Dracula zieht seine Spur quer durch Europa, die Jäger stolpern in Fallen, beißen sich an Begegnungen fest – und wenn sie ihn stellen, wird’s gleich handfest. Letters from Whitechapel spielt das gleiche Katz-und-Maus-Prinzip mit Jack the Ripper: vier Morde, heim zur Höhle, bitte nicht erwischen lassen – und wenn die Polizei dich einkesselt, ist Schluss. Moderner wird’s mit Specter Ops (Agent gegen Söldnertrupp) oder Sniper Elite: The Board Game (Scharfschütze gegen Suchtrupp): auch hier läuft viel über Positionen, Sichtlinien, Eingrenzen – und am Ende muss der Gejagte „gefangen“ bzw. ausgeschaltet werden. Und natürlich gibt’s noch Beast (der/die Jäger:innen hetzen einem Monster hinterher).
La Bête nimmt diese Erwartungshaltung, guckt sie kurz an – und macht dann etwas ziemlich Gemeines: Es gibt keinen „Wir stehen auf demselben Feld und jetzt haben wir dich“-Moment. Du kannst als ermittelnde Person quasi neben der Bestie herlaufen und trotzdem nur in die falsche Richtung zeigen, wenn dir die Beweise fehlen. Das ist ungewohnt, gerade für Menschen, die Scotland Yard & Co. im Muskelgedächtnis haben. Aber genau dadurch wird La Bête so anders: Nicht das Einholen ist der Endgegner, sondern die Wahrheit.
Denn die Bestie muss nicht gefangen werden.
Sie muss enttarnt werden.
Die Bestie kann ihre besonderen Fähigkeiten übrigens nur einsetzen, wenn sie sich offen zeigt. Das erlaubt stärkere Effekte, mehr Bewegung, größere Opferzahlen. Gleichzeitig ist es extrem gefährlich. Denn jede Offenlegung bringt sie der Enttarnung näher. In unserer ersten Partie hat die Bestie genau hier einen klassischen Anfängerfehler gemacht: gleich zu Beginn offen gespielt, mächtig zugeschlagen – und sich damit selbst das Grab geschaufelt. Zwei Runden später war Schluss. Lehrreich. Und genau deshalb empfehle ich dringend: La Bête mindestens zweimal hintereinander spielen. Erst dann entfaltet es seine ganze Tiefe.
Denn das Katz-und-Maus-Spiel ist psychologisch. Die Ermittelnden diskutieren ständig: War das logisch? Kann sie überhaupt so weit gekommen sein? Würde sie hier wirklich zuschlagen? Und die Bestie sitzt daneben, hört alles – schweigt – und lächelt innerlich.
Mechanisch ist das Spiel dabei erstaunlich zugänglich. Das Regelheft ist hervorragend strukturiert, klar formuliert und angenehm kurz. Keine Regelfragen, keine Grauzonen, keine Ausnahmenketten. Der Ablauf sitzt schnell, die Ikonografie ist eindeutig. Selten hatte ich bei einem asymmetrischen Spiel so wenig Regelballast bei gleichzeitig so viel Spannung.
Besonders gelungen ist auch das Material. Der Spielplan transportiert sofort dieses raue, ländliche Frankreich des 18. Jahrhunderts. Die Illustrationen sind düster, ohne effekthascherisch zu sein. Die Charakterporträts sind glaubwürdig, die Karten hochwertig, die Marker angenehm griffig. Nichts wirkt überladen, nichts billig. Thematisch ist La Bête ein Volltreffer.
La Bête ist kein Jagdspiel im klassischen Sinne. Es ist ein Deduktionsspiel mit Zähnen. Ein historischer Thriller am Spieltisch. Kein hektisches Rennen, sondern ein langsames, unaufhaltsames Zusammenziehen der Schlinge – für beide Seiten.

Fazit
La Bête ist eines dieser Spiele, die nicht einfach gespielt, sondern erlebt werden. Thematisch außergewöhnlich dicht, mechanisch elegant und emotional erstaunlich intensiv. Wer Scotland Yard liebt, aber mehr Tiefe sucht, wer Beast mochte, aber weniger Regelwust will, oder wer Deduktion nicht abstrakt, sondern erzählerisch erleben möchte, findet hier ein echtes Highlight. Kein Spiel für zwischendurch – aber eines, das lange im Kopf bleibt.
Bewertung / Test
+ außergewöhnlich starkes Thema mit historischem Bezug
+ völlig neuer Ansatz im Genre (Enttarnen statt Fangen)
+ hohe Spannung und starke Psychologie
+ hervorragend strukturiertes Regelheft
+ sehr hochwertiges, atmosphärisches Material
+ hoher Wiederspielreiz durch variable Identitäten und Ereignisse
– Bestienrolle erfordert etwas Spielerfahrung
– zu zweit etwas mehr Verwaltungsaufwand
(Eine Rezension von Petra Fuchs)

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TRANSPARENZHINWEIS
Für stilistische Überarbeitungsschritte sowie das Lektorat kam nach Erstellung der Rohfassung KI-Unterstützung zum Einsatz. Die Rezension, ihre Argumentation und alle Bewertungen sind eigenständig verfasst.
La Bête (2025)
Spielidee: Antoine Bauza, Dave Neale
Illustrationen: Vincent Dutrait
Verlag: Koalla Spiele
Anzahl der Spielenden: 2–5
Altersempfehlung Verlag: ab 14 Jahren
Spieldauer: ca. 60–90 Minuten
Generationentauglichkeit: Ab 14 Jahre aufgrund des Themas, Material und Regelzugänglichkeit aber auf jeden Fall
Pädagogisch wertvoll: fördert logisches Denken, Deduktion, Kommunikation und das Aushalten von Unsicherheit.




