Intensiver Zweikampf – „Pagan: Fate of Roanoke“ von Wyrmgold (Rezension, Test)

Pagan: Fate of Roanoke | Kartenspiel | ab 12 Jahren | 2 Spieler:innen | Kaspar Kjaer Christiansen und Kare Werner Storgaard | Wyrmgold

Diese Rezension beruht auf einem englischen Prototyp des Spiels.

Pagan (Prototyp) - Spielbox

Pagan (Prototyp) – Spielbox

 

Das Spiel
Pagan: Fate of Roanoke ist ein Kartenspiel von Kaspar Kjaer Christiansen und Kare Storgaard und bei Wyrmgold erschienen. Es ist für 2 Spieler:innen geeignet und kann ab 12 Jahren gespielt werden.

Pagan (Prototyp) - Auslage zum Spielstart

Pagan (Prototyp) – Auslage zum Spielstart

Vermutlich hätte ich dieses Spiel nicht aus dem Regal genommen. Die düstere Grafik, das Thema Hexenjagd und die direkte Konfrontation in diesem Spiel – nichts, was mich als Spieler wirklich begeistert. So waren meine Erwartungen nicht sehr hoch. Und hätte deswegen beinahe dieses Juwel verpasst.

Schauen wir uns die Grafik an. Düster, unheimlich, typisch für „Comic noir“. Lockt nicht auf den ersten Blick, aber fängt die Stimmung des Spiels perfekt ein. Selten hat mich eine Grafik so in das Thema hineingezogen. Und dank der Schlichtheit der vielen Zeichnungen lenken sie vom Gameplay nicht ab sondern unterstützen die Atmosphäre.

Pagan (Prototyp) - Dorfbewohner-Karten

Pagan (Prototyp) – Dorfbewohner-Karten

Apropos Thema. Es geht um Hexen und Hexenjagd und deren Exekutierung. Ein schwieriges Thema. Da wären sicher ein paar andere Hintergründe für dieses Spiel denkbar gewesen. Ich für mich kann sehr wohl unterscheiden zwischen Spiel und Realität, Ich weiß, dass im Schachspiel ein Bauernopfer nicht mit dem Hinscheiden eines Landwirts zu tun hat. Ich kann auch sehr gut Kriegsspiele spielen ohne dabei meinen Respekt vor den unzähligen Opfern zu verlieren. Nur finde ich es schade, wenn ein Spiel auf den Tisch kommt und vor dem Spiel eine längere Diskussion stattfindet, warum gerade dieses Thema. Gut, der Verlag dementiert gleich auf Seite 1 der Regeln und distanziert sich deutlich von „Gewalt gegen Menschen, Hexen und Tiere …“ – aber hätte man dann nicht ein anderes Thema finden können?

Aber jetzt zurück zum SPIEL und nichts anderes ist es, was wir hier vor uns haben. Da spielt ein:e Spieler:in die Hexe, der oder die andere den Hexenjäger. Das Duell der beiden findet in einem Dorf statt, das durch neun Dorfbewohner dargestellt wird – einer von ihnen ist die Hexe. Zwei Rollen mit zwei ganz unterschiedlichen Zielen. Die Hexe versucht Geheimnisse zu verteilen, um ein großes Ritual zu vollziehen. Dann gewinnt sie nicht nur die Herrschaft über das Dorf sondern auch das Spiel. Der Hexenjäger hingegen sammelt Verbündete und Einfluss und versucht, die Hexe zu enttarnen.

Pagan (Prototyp) - Einige der Spielkarten

Pagan (Prototyp) – Einige der Spielkarten

Gesteuert wird das Spiel zum einen über Karten, die Hexe und der Hexenjäger haben jeweils ein eigenes Deck, zum anderen über einen Art „Arbeiter-Einsetz“-Mechanismus. So aktiviert man bestimmte Fähigkeiten auf den Karten oder seinem eigenen Spielertableau. Die Regeln sind zunächst etwas verwirrend, da man eine Menge an Möglichkeiten zur Verfügung hat. Man braucht eine Partie, um eine Struktur in die Möglichkeiten zu bekommen und auch deren Auswirkungen kennenzulernen. In der zweiten Partie ist der Blick ins Regelheft dann schon nicht mehr so oft nötig und es beginnt sich ein guter Spielfluss zu entwickeln. Wenn man dann nicht mehr so sehr mit Regeln kämpft, konzentriert man sich auf das Spiel und seine Rolle.

Denn das ist nötig, um dem oder der Mitspieler:in Paroli bieten zu können. Das Spiel ist eine direkte Konfrontation. Man spielt direkt gegeneinander. Hier baut man nicht langsam eine Spiel-Maschine auf oder hortet zunächst Waren oder Ressourcen für das Endspiel – nein, hier geht es mit dem ersten Zug zur Sache. Man muss sowohl auf den anderen reagieren als auch selbst Druck machen. Wie einem dabei die vom Nachziehstapel gezogenen Karten helfen, spiegelt sich direkt im Spielverlauf wider. Mal hat der eine Spieler Vorteile, dann wieder der andere. So verschiebt sich der Vorteil im Spiel eigentlich ständig. Wer glaubt, jetzt ist alles verloren, ist eine Runde später wieder dran. Das macht es sehr spannend, sehr intensiv.

Pagan (Prototyp) - Spielertableau der Hexe

Pagan (Prototyp) – Spielertableau der Hexe

Die Aufgabe der Hexe scheint etwas leichter zu sein. Sie verteilt Geheimnisse und muss nur irgendwann genug verteilt haben, um das gewinnbringende Ritual zu beenden. Der Hexenjäger muss die Hexe enttarnen und trifft er seine Wahl, sollte er sehr sicher sein, denn mit dem dritten Fehlversuch verliert er das Spiel. So ist es die Aufgabe der Hexe, durch gezielte Falschinformationen den Jäger in die Irre zu führen. Was natürlich bedeutet, auch mal nicht dem Ritual dienliche Züge zu machen. Was gefährlich ist, denn je länger das Spiel dauert, desto mehr hilft es dem Jäger, denn er kann umso länger das Verhalten der Hexe studieren und erkennen, hinter welchem der neun Dorfbewohner die Hexe steckt.

Für das Spiel braucht man Spielerfahrung. Gerade die vielen Möglichkeiten, die sehr unterschiedlichen Karten, die zwei sehr verschieden zu spielenden Rollen – das ist deutlich im Kennerbereich angesiedelt. Aber es ist kein Strategiespiel, kein Spiel, das man mit einem Masterplan angeht und mit Hilfe mehrerer Partien daran feilt. Es ist fast rein taktisch angelegt. Man ist auf die Karten in der Hand angewiesen, muss auf die Aktionen des Gegenübers reagieren und schwache Züge durch möglichst starke Züge ausnutzen. Natürlich kommt einem dabei das Wissen um die Möglichkeiten der beiden Rollen entgegen. Man braucht nicht nur ein oder zwei Partien, um ins Spiel zu kommen, sondern noch eine Handvoll mehr, um die Fähigkeiten des Gegenübers einschätzen zu können.

Und zudem ist es von Vorteil, den oder die Mitspieler:in zu kennen. Ohne entsprechendes Pokergesicht wird dem Jäger schnell klar, welcher Zug nur als Ablenkung gedacht war. Hier ist der Jäger dann doch wieder klar im Vorteil.

Pagan (Prototyp) - Spielsteine

Pagan (Prototyp) – Spielsteine

Wie ist die Balance im Spiel bei zwei so ungleichen Rollen? Schwer zu sagen, denn es kommt auf die Spielweise an. Das einfachere Spiel hat nach den Eindrücken der ersten Partien die Hexe, wohingegen der Jäger ein etwas komplizierteres Spiel aber die besseren Möglichkeiten hat. In den Testpartien hat sich aber keine Seite als zu stark gezeigt und ein Ungleichgewicht hat sich nicht negativ auf das Spielgefühl ausgewirkt. Man hatte stets den Eindruck, man läge hinten und hätte gegen den anderen keine Chance. Aber das gilt eben für beide Seiten!

Pagan (Prototyp) - Spielkarten mit Tokens

Pagan (Prototyp) – Spielkarten mit Tokens

 

 

Fazit
„Pagan: Fate of Roanoke“ bietet ein spannendes und intensives Konfrontationsspiel für Zwei. Beide Spieler:innen schlüpfen dabei in zwei völlig verschiedene Rollen und verfolgen ihre eigenen Pläne. Die Grafik sorgt für viel Spielatmosphäre und die zu jeder Rolle gehörenden Kartendecks vermitteln die Geschichte der jeweiligen Rolle sehr gut. Man wird in das Spiel hineingezogen und merkt wenig, wie die Zeit vergeht. So kann das Spiel schon mal eineinhalb Stunden – für die ersten Partien auch mehr – dauern.

Das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt am Spiel. Man überlegt sich tatsächlich, ob man noch einmal spielen will, weil es doch sehr lange dauert, dafür, dass das Spiel zwar spannend, aber letztlich doch auf gleichmäßigem Niveau läuft. Man hat nicht das Gefühl, es steuert einem Höhepunkt entgegen, dem großen Showdown. Auch entscheidet sich ein Spiel nicht in einer entscheidenden Runde, sondern die Entscheidung schleicht sich langsam heran.

Wenn nach einem großen Spiel hinterher darüber diskutiert wird, wird bei anderen Spielen die Siegstrategie hinterfragt, die gemachten Fehler und die Verbesserungen der eigenen Taktik besprochen. Bei diesem Spiel schiebt man das Ergebnis auf die zufällig gezogenen Karten und gibt zu Bedenken, dass man das Spiel eigentlich hätte gewonnen, wenn man genau in dem Zug diese Karte zur Verfügung gehabt hätte. Für die Länge des Spiels bleibt dabei zu wenig hängen.

Dass eine:r der Spieler:innen die Kartentexte immer auf dem Kopf lesen muss, ist schade, gerade bei den ersten Partien, wo man die Karten noch nicht gut kennt, etwas störend. Für den schnellen Überblick über die Möglichkeiten ist es einfacher, die Texte schnell lesen und erfassen zu können. Aber das gibt sich mit der Zeit, wenn man die Karten erst einmal kennt.

Meiner Meinung nach ein Kartenspiel, das konfrontative Kennerspieler:innen, die gerne zu zweit spielen, im Regal haben sollten. Man braucht Zeit dafür, sowohl beim Kennenlernen der Regeln als auch beim Spielen, aber man erhält viel Gegenwert und gute Spielunterhaltung.

Und auch wenn die düsterschwarze Grafik nicht zum Kauf einlädt, das Thema am Tisch für so manch aufgeregte Diskussion sorgt und direkte Konfrontation nicht jederspielers Sache ist, sollte sich kein:e Kennerspieler:in dieses Kartenspiel entgehen lassen. Leider entfaltet sich das Spielpotenzial nicht in einer Partie, also braucht es schon etwas Durchhaltevermögen. Aber das ist doch irgendwie bei jedem Kennerspiel der Fall. Anspielen – unbedingt mehrmals!

Pagan (Prototyp) - viele Spielkarten

Pagan (Prototyp) – viele Spielkarten

 

Das Spiel ist übrigens ab 28.02. auf Kickstarter erhältlich: Pagan: Fate of Roanoke — Kickstarter

 

Bewertung / Test
+ stimmige Atmosphäre dank toller Grafik
+ zwei sehr unterschiedliche gut ausbalancierte Rollen
+ intensives Spiel, da sich Vorteile stets verändern
+ Wettstreit vom ersten Zug an
– Einstieg dauert mehr als eine Partie
– lange Spieldauer
– hohe Spannung ohne richtigen Höhepunkte

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kennerspiel”

  • ... Altersgruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe 50 bis 75 Jahre
3.8

Pagan: Fate of Roanoke (2021)

Spielidee: Kaspar CHristiansen und Kare Stoorgard
Grafik: Maren Gutt
Verlag:  Wyrmgold
Spieler:innenanzahl: 2 Spieler:innen
Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren
Spieldauer: 60-90 Minuten

Generationentauglich: bedingt tauglich, hohes Kennerniveau stellt hohe Ansprüche an Spielerfahrung, mit Spieldauer wird Übersicht schwierig.

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