Diesmal Toscana, aber auch gut – The Castles of Tuscany von alea (Rezension, Test)

The Castles of Tuscany | Stephan Feld | 2-4 Spieler:innen | ab 10 Jahren | alea, Ravensburger | Ein bis zuletzt spannendes Kartensammel-Plättchenlegespiel für spielerfahrene Gelegenheitsspieler:innen und Familien.

„Gleich hol ich meinen großen Bruder!“ Dieser Verzweiflungsausruf so manch kleiner Geschwister in Notlagen könnte auch dieses Spiel ausrufen, geht man mit zu hohen Erwartungen heran. „Die Burgen von Burgund“ – der große Bruder – erfreut sich immer noch großer Beliebtheit unter den Kennerspielern, ist auf der einen Seite sehr zugänglich, auf der anderen Seite aber trotz Würfelei mit sehr schöner Spieltiefe und wenig Zufallselemenden ausgestattet. Wer glaubt, ein ähnliches Kaliber auf dem Tisch zu haben, wird enttäuscht sein und lieber nach dem komplexeren Spiel rufen.

Wer aber ein ähnliches Spielvergnügen erleben will, nur mit weniger Komplexität, mit weniger Regeln und mit deutlich rundgeschliffenerem Spielablauf, der ist hier richtig.
„The Castles of Tuscany“ – warum eigentlich ein englischer Titel für ein deutschsprachiges Spiel? – bietet gute Unterhaltung auf einfachem Kenner-Niveau, das ideal für Familien und Gelegenheitsspieler mit etwas Spielerfahrung ist. So sammelt man Karten, um mit je zwei gleichen ein Plättchen auf seine Landschaft legen zu können. Dabei muss die Farbe der Karten mit der Farbe der Plättchen übereinstimmen und die Landschaft muss auch diese Farbe zeigen. Die Plättchen muss man sich zuerst in der Auslage holen. Je nach Farbe löst man Aktionen aus. So erhält man zum Beispiel drei Karten auf die Hand, einen Arbeiter, der in einem anderen Zug eine Karte ersetzt, einen Marmorblock, der einen weiteren Zug ermöglicht usw.

Außerdem gibt es Punkte, wenn ein Gebiet abgeschlossen wird, also sich keine gleichfarbige leere Landschaft rings um das gelegte Sechseck befindet. Ein Punkt für eine Landschaft mit einem Feld, drei für Landschaften mit gesamt zwei Feldern und sechs Punkte mit insgesamt drei Feldern.
Da man zu Spielbeginn drei Landschaftsteile mit je 10 Feldern erhält und diese vor Spielbeginn als seine eigenen „Toskana“-Landschaft auslegt, kann man hier schon versuchen, die lukrativen 3er-Felder zusammenzulegen. Was zufällig dem einen besser, dem anderen schlechter gelingt.
Da aber der Punkteunterschied von drei einzeln belegten Landschaften und drei zusammenhängenden Landschaften gesamt nur drei Punkte beträgt, ist das nicht so gravierend. Der Vorteil mit kleineren Landschaften ist, dass die Mitspieler:innen es nicht so einfach haben, die benötigten Plättchen aus der Auslage wegzunehmen.

Das ist der eigentliche Engpass im Spiel: Die Auslage. Hier liegen nur acht Plättchen. Das Plättchen, dass ich unbedingt brauche, ist natürlich nicht dabei, oder gerade vor meiner Nase weggeschnappt worden. Zudem kann man sich von Beginn an nur immer ein Plättchen zum Auslegen reservieren und auf seinem Spielertableau ablegen. Will man ein weiteres, muss man das eine abgeben. Gut dass man diese Ablagemöglichkeit im Lauf des Spiels erweitern kann und zwei, oder sogar mehr Plättchen reservieren kann. Was mehr als wichtig ist, denn nur so ist man flexibel und muss nicht verzweifeln, wenn das eine gesuchte Plättchen nicht vorhanden ist.
Zusatzpunkte gibt es, wenn man alle Felder einer Farbe auf seinem Plan überbaut hat. Aber nur der jeweils erste und zweite erhält ein paar Punkte.
Aber jeder Punkt zählt. In vier Partien mit je vier Personen trennte in drei Spielen die drei Erstplatzierten jeweils nur maximal fünf Punkte. Es war jedes Mal ein sehr knappes Rennen und bis zuletzt spannend und dramatisch. Denn der letzte Zug kann einen die entscheidenden Punkte bringen.

Es gibt im Laufe des Spiels ständig Punkte, nicht viele, aber beständig. Und es kommt auf jeden einzelnen an. Es gilt, seine Aktionen immer so abzustimmen, dass man irgendwie ständig Punkte macht, und möglichst statt einem immer zwei oder drei.
Dieses ständige Punktesammeln macht Spaß, denn man sieht, wie sich die Markierungssteine auf der Punkteleiste immer wieder aneinander vorbeischieben. Das erhöht die Spannung.
Zusatzaktionen sind sehr hilfreich, auch die Arbeiter, die als Karten-Joker einsetzbar sind. Auch gut, dass man zwei gleichfarbige Karten abgeben kann, die dann für eine Karte einer beliebigen anderen Farbe zählen.

Man merkt die große Erfahrung des Spieleautors. Der Spielablauf ist rundgeschliffen und eingängig, es gibt kaum Wartezeit, die Ausgangslage ist sehr ausgeglichen und die Spannung bleibt bis zuletzt hoch. Nur zwei Dinge stören mich etwas. Zum einen die Farben. Bei neun verschiedenen Landschaftsfarben sind manche so ähnlich, dass bei schlechterer Beleuchtung schon mal Verwechslungen auftreten. Auf den Karten sind zusätzlich Symbole. Warum sind diese nicht auch auf den leeren Spielplanteilen oder auf den Farbbonus-Plättchen? Das ist ärgerlich, denn manch Planung ist umsonst, wenn man zu spät merkt, dass das reservierte Plättchen hellgrün und nicht hellgrau ist.

Der zweite Kritikpunkt ist der Spannungsbogen. Zwar bleibt das Spiel in den meisten Fällen bis zuletzt offen, aber es entwickelt sich wenig im Spiel. So ist der erste Zug ähnlich dem letzten, man sammelt Karten, reserviert Plättchen und legt schließlich mit Hilfe gleicher Karten Plättchen auf die Landschaften und führt Aktionen aus. Der Wettlauf um die Farbboni und der Ausbau der eigenen Möglichkeiten mit Hilfe der Bonuskärtchen ist im Vergleich zum Spielablauf zu wenig. Es passiert zu wenig und das Spiel zieht sich etwas dahin.
Das ist aber Jammern auf hohem Niveau. Denn gerade zum Ende hin gewinnt das Spiel wegen dem knappen Punkterennen an Fahrt und wird in den letzten Runden oft genug ein Herzschlagfinale.

 

 

Fazit
„The Castles of Tuscany“ ist ein verdientes kleines Geschwisterchen des großen Vorbilds „BuBu“ (Burgen von Burgund). Es bedient sich ähnlicher Mechaniken, ist aber trotzdem ein eigenständiges Spiel und keineswegs eine vereinfachte Kopie. Die Spielmechanik ist deutlich anders, es spielt sich leichter, weniger komplex und dafür zugänglicher. Das Kartensammeln ist eingängig, das Belegen der Landschaften problemlos, die Aktionen toll auf dem eigenen Tableau beschrieben. Alles in allem leicht und flüssig zu spielen und schnell gelernt.
Meiner Meinung nach ein unterhaltsames Spiel für mehrere spannende Partien. Unbedingt ausprobieren. Und es hat auch auf dem Spieleregal sehr gut Platz neben dem großen Bruder, denn man kann beide Spiele in seiner Sammlung haben. Sie sind ja doch sehr unterschiedlich vom Spielgefühl. Und wer nach ein paar Partien meint, jetzt bietet das Spiel nichts mehr Neues, der ist bei „Burgen von Burgund“ perfekt aufgehoben.

 

Bewertung / Test 
+ sehr zugänglich
+ schnell gespielt ohne Wartezeit
+ oft sehr spannend bis zuletzt
+ ständiges Punktesammeln bringt Spannung ins Spiel
– manche Farben schwer zu unterscheiden
– wenig Spielentwicklung vorhanden

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

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Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Familienspiel“

  • ... Altersgruppe 10 bis 12 Jahre
  • ... Altersgruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe 50 bis 75 Jahre
4

The Castles of Tuscany (2020)

Spielidee: Stephan Feld
Grafik: Antje Stephan und Claus Stephan
Verlag: alea / Ravensburger
Spieler:innenanzahl: 2-4 Spieler:innen
Altersempfehlung Verlag: Ab 10 Jahren
Spieldauer: 45-60 Minuten

Generationentauglich: Geeignet für Spieler:innen jeden Alters mit gleichen Anforderungen, Farben sind nicht leicht zu unterscheiden

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