Wenn Zeitdruck auch mal entspannend ist – Pendulum von Feuerland Spiele (Rezension, Test)

Pendulum | 1-5 Spieler:innen | ab 12 Jahre | 60 – 90 Minuten | Travis P. Jones | Feuerland Spiele | ein Echtzeit-Arbeiter-Einsetz-Spiel ohne Zeitdruck.

„Schneller ist nicht immer besser!“ Das ist eigentlich mein Standard-Spruch, wenn wer mal wieder dringend was von mir will. Und endlich zeigt dieser Spruch auch in einem Brettspiel seine Richtigkeit.

„Pendulum“ ist ein Echtzeit-Brettspiel. Da gibt es keine Zugreihenfolge, kein Warten auf Grübler am Tisch, keine Startspieler-Vorteil-Diskussion. Alle spielen gleichzeitig und die Sanduhren geben den Takt vor. Wir haben vor uns ein Arbeiter-Einsetz-Spiel. Setzen wir einen Arbeiter ein, muss aber erst eine Sanduhr auf den Bereich gesetzt werden, bevor der Arbeiter überhaupt zu arbeiten beginnt. Das kenne ich, ich mach ja auch erst etwas, wenn Zeitdruck aufkommt.

Während die Sanduhr abläuft, kann ich die Aktion ausführen. Vergesse ich es, dann warte ich eben, bis ich oder einer der Mitspieler:innen die Sanduhr wieder in den Bereich stellt. Das klingt nach Hektik, ist es aber gar nicht. Im Gegenteil. Man hat zu Beginn ja nur zwei Arbeiter, die sind schnell auf die benötigten Plätze gestellt und dann … wartet man. Man wartet eigentlich zu lange. Oft genug weiß ich meine nächsten fünf oder sechs Aktionen. Aber ich warte.

Das klingt natürlich für viele auch gut, denn es bleibt wirklich genug Zeit zu planen, auch strategisch in die Zukunft. Aber steht der Weg fest, dann will man ihn schnell gehen. Trotzdem kommt es schon mal vor, dass sich alle vier Spieler:innen ansehen und warten, bis der Sand durchgelaufen ist.

Jetzt aber mal zum eigentlich Spiel. Einfach gesagt versuche ich, über Aktionsfelder Rohstoffe zu erhalten, die ich über Aktionsfelder in Siegpunkte wandle. Außerdem benötige ich Stimmen, um auf der Privilegleiste nach vorne zu kommen. Und mit meinen vier individuellen Kriegslisten hole ich mir einmalige Boni im Spiel. Ratsbelohnungen bringen richtig dicke und Kolonien dauerhafte Vorteile. Alles schön aufeinander abgestimmt und es gibt immer was zu tun und es gibt viele Wege zu vielen Punkten.

Einsetzen kann ich meine Arbeiter in drei Bereichen. Immer dort, wo gerade keine der Sanduhren steht. Die wandern nämlich innerhalb der Bereiche vom oberen zum unteren Teil und wieder zurück. Setze ich oder einer der Mitspieler:innen die Sanduhr um, also in den anderen Teil des Bereiches, beginnt die Zeit zu laufen. Während die Sanduhr in diesem Bereich steht, kann ich den Arbeiter seine Arbeit machen lassen. Ich kann ihn erst wieder verwenden, wenn die Sanduhr aus dem Teilbereich entfernt wurde. Die Uhr versetzen geht natürlich erst, wenn sie komplett abgelaufen ist.

Die Uhren kann jeder versetzen. Und das ist der Kniff bei der Sache. Setze ich einen Arbeiter ein, will ich natürlich, dass der sofort arbeitet, also hole ich die Sanduhr, außer die läuft gerade. Steht die Sanduhr dann in meinem Bereich, ist der für alle anderen Arbeiter gesperrt. Das versucht aber jeder. Also gilt es immer voraus die Felder zu belegen. Das braucht Planung. Denn sehr schnell sind die Arbeiter blockiert und dabei hätte man noch dringend vorher etwas machen müssen. Richtig schlimm wird es, wenn ich die Kosten nicht bezahlen kann für eine Aktion, weil ich den Arbeiter für ebendiese Rohstoffe noch nicht aktivieren kann.

Das klingt nach Hektik, ist es aber nicht. Erst im Laufe des Spiels, wenn ich alle meine vier Arbeiter zur Verfügung habe, wird es etwas brisanter, aber eigentlich auch wieder nicht. Zu dem Zeitpunkt habe ich schon meine Planung im Kopf und weiß, was ich will. Dann warte ich auf das Durchrieseln des Sandes. Aber wenigstens ist das eine feste Zeit, warten auf einen Zugoptimierer ist da schon deutlich nerviger.

Das Spiel benötigt – wie so viele Spiele – mehrere Partien. Man muss den Rhythmus erlernen mit einsetzen, arbeiten lassen, versetzen. Man lernt, welche Rohstoffe man in welchen Mengen braucht, welche der vier Siegleisten auf seinem Tableau man zuerst angehen sollte, welche im Lauf des Spiels einfacher werden. Man legt sich das Spiel zurecht und kann nur noch sein Timing besser optimieren. Dann aber bietet das Spiel nicht mehr viel Neues.

Was das Wichtigste ist: Jeder muss die Regeln gut kennen. Denn es spielt jeder für sich. Mal eben eine Regelunklarheit klären geht zwar (man legt einfach alle Sanduhren auf die Seite), ist aber eher hinderlich. Auch seinen eigenen Zug zu erklären, damit die Neulinge es besser lernen und verstehen, geht natürlich nicht. Darum ist eine gründliche Regelerklärung wichtig.

Zum Glück kann man das Spiel auch ohne Sanduhren und Zeitdruck spielen. Diese Variante ist vorgesehen und für die erste Partie empfohlen. Sollte man tatsächlich auch machen.

Es gibt Spieler:innen, die sogar weiter ohne Uhren spielen wollen. Dann ist es ein solides Arbeiter-Einsetz-Spiel mit vielen gut aufeinander abgestimmten Mechaniken, aber nicht mehr. Das Besondere ist der Echtzeit-Ablauf.

Die Grafiken sind spieleinladend, das Material fast durchgängig hochwertig und perfekt im Tiefziehteil der Schachtel aufgehoben. Dass die Rohstoff-Würfel leider aus Plastik und nicht aus Holz sind, ist nur persönliche Geschmackssache. Aber dass sich die Spielertableaus stark aufbiegen und die darauf liegenden Spielsteine so gar nicht auf dem Platz bleiben wollen, ist sehr störend. Die hätte man aus stabilem Karton machen sollen oder viel dünner. So sind sie kaum zu gebrauchen. Man benötigt irgendwelche schweren Teile, um sie glatt zu halten.

Eine sehr gute und fordernde Solo-Variante ist mit in der Schachtel.

 

 

Fazit
Pendulum ist ein Echtzeit-Arbeiter-Einsetz-Spiel, dass aber nur wenig Hektik aufkommen lässt. Sanduhren bestimmen den Ablauf des Spiels, nicht eine Spielreihenfolge, denn jeder spielt gleichzeitig. Die zu erledigende Aufgabe, nämlich auf den vier Leisten möglichst weit nach vorne zu kommen, ist relativ einfach zu erledigen. Viele Möglichkeiten ergeben vielerlei Siegstrategien. Interaktion ist durch das Versetzen der Sanduhren und damit Blockieren von Einsetz-Feldern vorhanden. Mit etwas Übung kommt eher das Gefühl auf, man steht an der Supermarktkasse in der Schlange als wäre man in einem zeitlich befristeten Wettlauf um die wichtigen Punkte.

Das ist gut, denn so kann sich jeder an das Spiel herantrauen. Das ist schlecht, denn der besondere Reiz von begrenzter Zeit kommt so gut wie nicht auf. Und ohne diese Zeit ist es eben nur ein gutes aber kein besonderes Arbeiter-Einsetz-Spiel.

Meiner Meinung nach sollte jede:r Kennerspieler:in sich darauf einlassen und möglichst zwei Partien spielen. Das gleichzeitige Spielen mit den ablaufenden Uhren ist interessant und es sollte jeder für sich entscheiden, ob er das positiv oder negativ empfindet. Aber ausprobieren sollte man es allemal.

 

Bewertung / Test

+ erfrischend anderer Spielablauf, jeder spielt gleichzeitig
+ viele mögliche Strategien
+ wenig Hektik trotz Echtzeit
+ keine Störung des Spielflusses durch Grübler
+ auch ohne Echtzeit spielbar
+ sehr gute Solo-Variante
– sehr abstraktes Spiel
– Spielertableaus biegen sich
– mehr Wartezeit als Zeitdruck
– Sanduhren stehen nicht besonders stabil

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

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Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kennerspiel“

  • ... Altersgruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe 50 bis 75 Jahre
3.5

Pendulum (2020)

Spielidee: Travis p. Jones
Grafik: Robert Leask
Verlag: Feuerland Spiele
Spieler:innenanzahl: 1-5 Spieler:innen
Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren
Spieldauer: 60-90 Minuten

Generationentauglich: Gut geeiget für Spieler:innen jeden Alters mit gleichen Anforderungen, die anspruchsvoll spielen möchten

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