Unaussprechlicher Name, ausgesprochen gut – Teotihuacan aus dem Schwerkraft-Verlag (Rezension, Test)

Teotihuacan – Die Stadt der Götter | 1-4 Spieler ab 14 Jahren | 120 min | von Daniele Tascini | Grafiken von Odysseas Stemoglou| erschienen im Schwerkraft-Verlag 2018 | ist ein ausgezeichnetes Kennerspiel mit perfekt verwobenen Spielmechaniken, tollem Material und für Intensivspielende perfekte Spieltiefe bei einfachem Regelwerk.

Teotihuacan liegt in Mexico und war irgendwann so um 600 n.Chr. die wohl bedeutendste Stadt in Mittelamerika. Ihren Namen erhielt die Stadt aber erst durch die Azteken, die so um 900 n. Chr. die Stadt bereits verlassen und in Ruinen vorfanden. Sie erkannten in ihr aber einen magischen Ort und nannten ihn Teotihuacan = „Wo man zu einem Gott wird“.

Womit wir beim Brettspiel sind, denn auch hier kann man durch geschicktes Spiel und Siegen zu einem Gott werden. Ok, diese Überleitung war genauso mühsam wie die Aussprache des Spielnamens. Aber steckt in dem gleichnamigen Brettspiel auch ein magischer Ort? Lange Rede (die folgt weiter unten), kurzer Sinn: Absolut. Unaussprechbarer Name aber ausgesprochen gut.

Dann hinein ins Vergnügen. Sehen wir uns das Brettspiel an. Auf dem Tisch ausgebreitet (bitte einen großen Tisch nehmen) wirkt es bereits anziehend durch das hochwertige Material und die tollen haptischen Steine, mit denen wir die Sonnenpyramide errichten werden. An die Grafiken muss man sich gewöhnen, aber sie sehen wirklich stimmungsvoll aus und nach ein paar Spielzügen wird auch die Bedeutung der Icons klar.

Auch für Kenner- und Expertenspieler*innen, an die sich das Spiel eindeutig wendet, wirkt das Spielbrett überladen. Aber vertieft man sich etwas in das Spiel, wird die Struktur klar und es ergibt alles einen Sinn.

Wir haben um das Spielfeld herum ein Rondell mit Aktionsfeldern. Hier setzen wir unsere Arbeiter (Würfel) ein und führen entsprechende Aktionen durch. In der Mitte finden wir nicht nur den Bauplatz der Sonnenpyramide, sondern auch drei Tempel-Leisten, die Straße der Toten, die Kalenderscheibe und einiges mehr.

Teotihuacan ist ein typisches Euro-Spiel. Aktionen bringen Waren, die zum Bau von Dingen benötigt werden, die Siegpunkte bringen. Sehr einfach gesagt. So gibt es Holz, Gold und Stein, und quasi als Währung Kakao. Erwirtschaftete Waren legt man an im Ausbau der Pyramide, Häuser, Masken, Pyramidenstufen und viele andere Dinge. Und dafür erhält man Siegpunkte. Und wer zuletzt die meisten hat, „wird zum Gott“.

Klingt wie viele andere Spiele. Ja, aber! Das war ja nur ein bisschen Spielmechanik. Jetzt wird es richtig interessant. Die Arbeiter. Das sind Würfel, und mit jeder Aktion, die man mit einem Würfel ausführt, dreht man ihn eine Zahl höher. Überschreitet man die „6“, stirbt der Arbeiter, um aber sofort wieder als eine „1“ wiedergeboren zu werden. Damit löst man aber einige wichtige Aktionen aus. Man hat die Auswahl aus diversen sehr guten Boni. Aber auch die Zeitleiste schreitet vorwärts. Strategie-Füchse heben die Augenbrauen. Ja, das ist eine der vielen Möglichkeiten im Spiel. Ich kann dadurch das Spiel beschleunigen und den längerfristigen Strategien das Wasser abgraben.

Aber zurück zu den Arbeitern. Sie bewegen sich im Rondell 1-3 Felder weit und lösen auf dem Zielfeld die jeweilige Aktion aus. Je mehr eigene Würfel auf diesem Feld stehen, desto besser auch die Aktion. Je mehr verschiedene Würfelfarben auf dem Feld stehen, desto teurer wird aber die Aktion. Da muss man schon etwas in die Zukunft planen. Und man kann seinen lieben Mitspielern ganz schön den Zug versalzen. Stell ich mich auf ein Feld, mache ich es damit vielleicht so teuer, dass der Mitspieler sich die Aktion nicht mehr leisten kann. Kleine aber feine Interaktion, davon gibt es nicht allzuviel im Spiel.

Man muss sich entscheiden: Lasse ich meine drei Arbeiter (im Spiel können es bis zu vier werden) zusammen, um die jeweils guten Aktionen, bei denen ich mehrere eigene Arbeiter brauche) zu erhalten, oder verteile ich sie auf dem Rondell und habe damit die Möglichkeit, sich ergebende Chancen zu nutzen.

Denn darauf kommt es letztlich an. Die große Strategie ist wichtig, führt aber nur dann zum Sieg, wenn man auch die kleinen günstigen Möglichkeiten, die sich so bieten, nutzen kann. Wer in diesem Spiel die Kleinigkeiten übersieht, hat in der Regel keine Chance.

Aber gerade das macht das Spiel nicht so einfach. Denn viele Aktionen lösen Folgeaktionen aus, man muss bei jedem Zug einiges beachten, habe ich wirklich alles gemacht oder eine Winzigkeit übersehen, die aber langfristig große Folgen haben kann.

Aufmerksam muss man sein und nicht nur die eigenen Aktionen sorgfältig abzuarbeiten, sondern auch ständig die günstigen Gelegenheiten suchen, die sich durch die Züge der Mitspieler ergeben.

Definitiv kein Spiel für einen gemütlichen Plauderabend oder für weniger erfahrene Spieler*innen. So einfach auf den ersten Blick der Spielzug aussieht, desto verzahnter und komplexer entwickelt er sich im Laufe des Spiels. Ein paar mehr grafische Hilfen oder gar eine Spielübersicht für jeden Spieler wären Gold wert gewesen (Empfehlung, eine Zugübersicht selber basteln).

Wer jetzt meint, wenn ich das Spiel ein- oder zweimal gespielt habe, kann mich nichts mehr verwirren, wird enttäuscht. Die Aktionsfelder werden bei Spielstart beliebig ausgelegt, die Wissenschaftplättchen (die enorme Vorteile im Spiel bieten) wechseln von Spiel zu Spiel, die Tempelplättchen (wichtig!) sind in jedem Spiel anders, und und und. So variabel die Auslage ist, so variabel muss die eigene Strategie sein. Liegen zu Beginn des Spiels viele Masken aus, sollte ich Masken sammeln, die in jeder der drei Zyklen Punkte bringen. Erst am Ende des Spiels gesammelt, sind die so gut wie wertlos.

Jede Partie ist und verläuft anders. Habe ich meine Siegstrategie gefunden, wird diese im nächsten Spiel keinen Stich machen. Es gibt viele Wege zum Sieg, manche einfach, manche komplex und manche nur möglich, wenn die Startaufstellung passt. Das Spiel fordert ohne zu überfordern, es begeistert und es bietet eine angenehme Tiefe für Kenner- und Expertenspieler*innen.

Übrigens, am besten funktioniert es zu viert. Der Dummy-Player bei 2er- oder 3er-Spielen bringt einen ungewünschten Glücksfaktor ins Spiel.

Es gibt soviel zu entdecken im Spiel und wer meint, es ausgelotet zu haben, der darf sich an den zwei bereits erschienenen Erweiterungen versuchen. Und ich verspreche, das ausgesprochen gute und richtig tolle Spiel wird noch einmal um eine Stufe angehoben. Ein wahres Fest und ein wirklich magischer Ort, dieses Teotihuacan.

 

 

Fazit
Teotihuacan – ein ausgesprochen gutes Kennerspiel mit hohem Wiederspielwert, hervorragendem Material und komplexem, aber nicht kompliziertem Spielverlauf. Viele Siegstrategien verlangen nach vielen, niemals langweilig werdenden Partien. Doch nicht nur die große Strategie ist wichtig; auch die vielen Gelegenheiten, die sich während der Partie bieten, wollen genutzt werden. Auch die kleinen aber gemeinen/feinen Interaktionen sind perfekt in das Spiel integriert. Was fehlt, ist eine Spielerhilfe, aber das ist schon der einzige Kritikpunkt. Und eine Warnung vorweg: Dieses Spiel legt die Latte für die Qualität von Kennerspielen sehr hoch … und es warten noch zwei Erweiterungen.

Meiner Meinung nach ein Pflichtkauf für Kenner. Erfahrene Gelegenheitsspieler*innen können sich mit Mut und Ausdauer heranwagen, weniger erfahrenen rate ich eher ab. Es ist nicht kompliziert, aber wunderbar komplex mit vielen verzahnten Mechanismen. Ein Muss für das Kenner-Spieleregal.

 

 

Bewertung /Test
+ Ausstattung und Grafik
+ perfekt verzahnte Spielmechanismen
+ sehr variabler Spielaufbau
+ viele Siegstrategien
+ wenig aber gelungene Interaktionen
+ sehr fordernder Solo-Modus
– keine Spielerhilfe
– auf den ersten Blick fizzelig und unübersichtlich
– manche Folgeaktionen sind leicht zu übersehen (Spielhilfe fehlt)

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kenner-Spiel”

  • ... Altersgruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe 50 bis 75 Jahre
4.8

Teotihuacan - Die Stadt der Götter (2018)

Spielidee: Daniele Tascini
Grafik: Odysseus Stemoglou
Verlag: Schwerkraft-Verlag
Spieler*innenanzahl: 1-4 Spieler*innen
Altersempfehlung Verlag: Ab 14 Jahren
Eigene Altersempfehlung: Ab 14 Jahren
Spieldauer
: 90-150 Minuten

Generationentauglich: geeignet für Kennerspieler jeden Alters, man muss nur mit dem anfangs unübersichtlich erscheinenden Spielplan klar kommen.

 

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