Tag 25: #nähengegenCorona: Seelenstreichler

Gemeinsam sind wir stark: #nähengegenCorona

Von Sabine Weichmann:
Die Tage vergehen, unsere NäherInnen sind fleißig und das Feedback, das wir bekommen, ist durchwegs positiv!

Heute darf ich meine persönlichen Beweggründe, meine Sicht auf die Dinge und die Situation schildern. Corona. Erst war es weit weg, in China, ach, das wird nicht so wild… das dachte ich noch im Dezember… Die Zeit verging, es wurde Februar und die Berichterstattungen zeigten, dass diese Krankheit nicht mehr all zu weit weg war von uns.

Im März wurde es dann heftig. Als Rezeptionistin im Bäderdreieck kamen herausfordernde Tage auf mich und meine KollegInnen zu. Die Meldungen in der Presse stimmten nicht mit den schriftlichen Meldungen des bayerischen Staatsministeriums und der DEHOGA (Deutscher Hotel- & Gaststättenverband) überein, Gäste, Kunden, Mitmenschen – wir alle waren verunsichert und die Situation hat sich gefühlt stündlich verändert.

Es kam wie es kam, der Tag der Tage war da, und die Hotels mussten den Betrieb einstellen. Reisen aus touristischen Zwecken waren verboten. Uns wurde mitgeteilt, dass wir auf Kurzarbeit umstellen müssen. Das war uns schon klar, bevor es offiziell ausgesprochen war. Weh tat es trotzdem. Plötzlich war der geregelte Alltag weg. Es kamen die Ausgangsbeschränkungen.

Ich bin verheiratet, lebe mit meinem Mann und den Schwiegereltern auf einem kleinen Hof im Landkreis Passau. Meine Eltern, Schwestern und die restliche Familie lebt im Landkreis Rottal-Inn, wo ich aufgewachsen bin. Dass ich diese Menschen, die mir so am Herzen liegen, die aber teilweise auch zur Risikogruppe gehören, lange Zeit nicht mehr sehen werde, war klar. Dass mir aber allein daheim am Hof (mein Mann arbeitet in einem systemrelevanten Beruf) bald die Decke auf den Kopf fallen wird, das war ebenfalls von Anfang an klar. Eine Aufgabe musste her. Wir renovieren zwar gerade, sehr viel in Eigenleistung, doch ich alleine kann da unter tags nicht viel ausrichten. Eine sinnvolle Beschäftigung sollte es daher sein.

Auf Facebook wurde ich auf die Aktion vom Spielecafé der Generationen aufmerksam. Ich kann unterschiedlichste Dinge, was ich aber nicht kann, ist nähen! Trotzdem wollte ich mich gerne einbringen, denn irgendwas muss man doch machen. Irgendwas. Daher mache ich nun das, was ich kann: Telefonieren!

Telefondienst zu machen mag für manche anstrengend oder nervenzehrend klingen, ist es aber nicht, zumindest nicht für mich. Man hat Kontakt zu unterschiedlichsten Menschen, zu Privatpersonen, Mitarbeitern im sozialen Bereich aber auch Führungskräften in großen Firmen der Region, die Mundmasken für ihre Teams benötigen und zu ganz vielen Menschen, denen es teilweise ähnlich ging wie mir. Sie mussten plötzlich daheim bleiben und suchten nach einer Aufgabe. Die meisten, mit denen ich bisher Kontakt hatte, haben mir etwas voraus: Sie können nähen! Und das machen sie auch! In jeder freien Minute, ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit (obwohl wir hier immer wieder sagen, dass Pausen und die eigene Gesundheit am wichtigsten sind) und mit so wahnsinnig viel Leidenschaft!

Jeden Tag haben wir alle Kontakt in unseren Whatsapp-Gruppen. Motivieren uns gegenseitig, geben Tipps und Tricks weiter. Gut, ich geb keine Tipps, ich kann nicht nähen. Aber ich darf neue Mitglieder in der Whatsappgruppe begrüßen, darf mich beteiligen. Und ich habe tatsächlich das Gefühl, dass ich etwas sinnvolles mache. Denn ich bekomme soooooo viel Feedback. Von den NäherInnen, von den AnruferInnen, privat aus dem Freundeskreis, von Menschen, die unsere Aktion toll finden.

Wir leben momentan in einer sehr besonderen Zeit. Besondere Herausforderungen, besondere Vorsichtsmaßnahmen, besondere Berichterstattungen und besonderes Feedback! Immer wieder höre ich “Danke, dass ihr das macht”, “Ein Wahnsinn, was ihr hier auf die Füße gestellt habt”, “Ich hab vorher noch nie von Eurem Verein gehört, aber was ihr da macht und zwar nicht nur mit den Masken, das ist großartig und das möchte ich unterstützen!”, “Eure Masken sind so toll, danke, dass ihr das macht!”, “Ich kann zwar nicht nähen, aber ich hab ganz viel Baumwollstoff und möchte euch damit unterstützen.”. Dieses Feedback ist der Seelenstreichler, den wir TelefonistInnen bekommen, der uns motiviert, weiter zu machen, der Seelenstreichler, der uns durchhalten und zuversichtlich nach vorne blicken lässt.

Durch meine Aufgabe, die ich für die Aktion #nähengegenCorona gefunden habe, haben meine Tage wieder Struktur und sind sinnvoll. Petra Fuchs hat über das Spielecafé der Generationen ein Projekt gestartet, das mittlerweile weit über den Landkreis hinaus Anerkennung findet. Es kommen Anfragen aus Mühldorf, München, ganz Bayern und sogar Hessen. Nicht alle Anfragen konnten wir am Anfang gleich gut abdecken, doch mittlerweile sind so viele engagierte Leute dabei, es wird zugeschnitten, genäht, gefahren, gebracht, gepackt… jeder packt mit an. Und Petra koordiniert uns alle. Und wir TelefonistInnen dürfen ihr bei der Koordinierung helfen. Durch all dieses Engagement von so vielen Leuten erfährt das Spielecafé eine neue Aufmerksamkeit und bekommt hoffentlich noch mehr Unterstützer, Freunde uns Mitspieler aus allen Generationen, damit nach Corona wieder ordentlich gespielt werden kann.

Ich habe das Gefühl, dass die Region wieder mehr zusammenwächst, dass die gegenseitige Unterstützung zunimmt, man mehr Rücksicht auf andere nimmt, die Bedürfnisse anderer wichtiger nimmt. Das finde ich persönlich sehr schön und positiv. Schade ist allerdings, dass es dafür Corona gebraucht hat. Ich hoffe innständig, dass sich die Zeiten bald wieder ändern. Aber es soll bitte nicht alles sein wie früher. Die Aufmerksamkeit, die wir einander gegenseitig schenken, der Zusammenhalt, obwohl man sich nicht sieht, die Fürsorge in der Nachbarschaft. All das darf und soll bitte bleiben, wenn dieser ganze Wahnsinn vorbei ist.

Durch alles, was im vergangenen Monat passiert ist, wurde ich persönlich “entschleunigt” wie man so schön sagt. Viele andere – gerade in den pflegerischen Berufen – machen gerade die gegenteilige Erfahrung. Sie kämpfen sich in größter Verantwortung, Fürsorge und Pflichtbewusstsein durch die Tage, sind ausgelaugt und überlastet. Diese Menschen haben meinen größten Respekt und vor allem für sie wünsche ich uns, dass Corona bald nur noch eine schlechte Erinnerung ist. Um das zu erreichen, ist jeder einzelne von uns gefragt: Wenn jeder von uns, der sich im öffentlichen Raum bewegt, eine Mundmaske (auch wenn es “nur” eine selbst genähte ist) trägt, schützt jeder von uns jeden anderen und wenn alle das so machen, sind wir auch selbst wieder geschützt. Selbstverständlich sollte man trotz diesem “Schutz” das regelmäßige Händewaschen, die Körperhygiene nicht vernachlässigen. Nur so kann aktuell diese Krankheit eingedämmt werden und nur so können wir alle dazu beitragen, dass die MitarbeiterInnen der systemrelevanten Berufe, speziell der Pflege und im Einzelhandel, geschützt und somit auch bald wieder entlastet werden.

Ich freue mich immer, wenn ich jemanden mit einer selbst genähten Mundmaske sehe. Es zeigt mir, dass dieser Mensch nicht nur Verantwortung für sich, sondern für andere übernimmt. Dass die Gesellschaft besser zusammenrückt, dass das, was ich mache, sinnvoll ist – in diesen Momenten wird meine Seele wieder gestreichelt. Eine Mundmaske ist für mich mittlerweile ein Seelenstreichler geworden…

 

Ihr wollt wissen, wie Ihr helfen könnt, wo die Verteilstationen sind oder wie Ihr an Masken kommt? Dann lest bitte dies:

Der Wichtigste Artikel, mit allen Infos, ist aber nach wie vor dieser hier (Klick) Egal ob Einrichtung, SpenderInnen oder NäherInnen, hier steht alles, was Ihr wissen müsst.

Gemeinsam sind wir stark: #nähengegenCorona

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