Spiel hui, Titel pfui – “Die Würfelsiedler” aus dem Schwerkraft-Verlag (Rezension, Test)

(“Die Würfelsiedler” von David Turczi für 1-4 Spieler ab 14, ca. 90 Minuten, erschien 2018 im Schwerkraft-Verlag ist ein gut ausgestattetes Kennerspiel)

Die „Saure Zitrone“ für den schlechtesten Spieletitel verleihe ich an das Spiel „Die Würfelsiedler“. Soll mich der Titel ansprechen? Ich dachte schon, es regt mich auf, dass jedes zweite Spiel nach einer Stadt benannt wird. Aber jetzt dieser Name!

Lassen wir uns nicht ablenken von etwas, das man sicher besser hätte machen können. Da mach ich auch dem deutschen Schwerkraft-Verlag keinen Vorwurf, die haben „Dice Settlers“ einfach nur übersetzt. Also, was steckt in dieser Schachtel?

Ein Spiel um das Besiedeln von Land, gesteuert durch Würfel. Also rein technisch stimmt der Titel (ob er aber dadurch ansprechender wird?). Im Grunde steckt ein Bag-Building-Mechanismus dahinter. Wir haben einen Beutel, in dem befinden sich farbige Würfel. Zu Beginn jeder Runde ziehe ich zufällig eine bestimmte Anzahl davon, würfle sie und mit den jetzt gezeigten Symbolen muss ich meine beiden Aktionen in dieser Runde ausführen.

Die Würfel haben, je nach Farbe, unterschiedliche Symbole in unterschiedlicher Häufigkeit. Durch eine meiner möglichen Aktionen kann ich weitere Würfel in meinen Beutel legen. Hier ist es notwendig, dass ich auf einem entsprechend farbigen Feld ein Zelt oder gar ein Haus stehen habe. Beim Erkunden oder Siedeln kann ich neue Plättchen zu der langsam entstehenden Welt dazulegen und/oder mich ausbreiten und auf benachbarte Plättchen Zelte legen und dieses Land somit für mich beanspruchen. Die Plättchen geben mir oft verschiedene Vorteile. So bekomme ich einen Bonus, wenn ich es lege, ich kann mit Hilfe einer Fabrik auf diesem Plättchen Zelte gegen verschiedene Dinge eintauschen oder ich erhalte Punkte am Ende des Spiels, wenn ich die Mehrheit an Zelten oder gar ein Häuschen darauf habe.

Es gilt, sich geschickt auszubreiten, den Kampf um die punkteträchtigsten Plättchen aufzunehmen, Rohstoffe zu ernten und diese gegen Siegpunkte zu handeln und vor allem – die Sammlung an farbigen Würfeln in seinem Beutel perfekt zusammenzustellen.

Gezogenene Würfel bleiben solange als „verbraucht“ liegen, bis der Beutel komplett leer ist, erst dann wird wieder aufgefüllt. Das hat den großen Vorteil, dass tatsächlich alle Würfel herauskommen. Das hat aber auch den Nachteil, dass ein Würfel, den ich in meiner Strategie nicht mehr brauchen kann, eben auch immer wieder kommt. Würfel aus dem Spiel nehmen geht aber auch. Und so kann ich meinen Beutel klein und effektiv halten und dann muss ich nur noch auf mein Würfelglück vertrauen. Das ist in dem Spiel durchaus vorhanden, wenngleich ich auch die geworfenen Würfel immer wieder manipulieren und auf die gewünschte Seite drehen kann.

Anfangs mag das Spiel zu viel Glück aufweisen. Aber schnell lernt man, worauf man achten muss. Das kommt auf die Strategie an, die man fährt. Schnell ausbreiten und viele Punkte machen durch die ausliegenden Plättchen, immer nur Rohstoffe sammeln und in Punkte wandeln, die Gegner immer wieder empfindlich stören durch die Aktion Angreifen. Das Besondere, was das Spiel spannend macht ist, dass zu Beginn eine bestimmte Anzahl an Siegpunkten ausliegt. Sind sie vergeben, läutet es das Ende des Spiels ein. Schnell Punkte machen setzt also die Mitspieler gehörig unter Druck. Spielen alle auf Ausbreiten, kann das Spiel schon mal lange werden.

Die Ausstattung ist sehr gut, die Würfel sehr hochwertig, die Grafiken darauf hätten etwas klarer sein können. Die Regeln sind klar und mit den nötigen Beispielen beschrieben. Die Icons sind anfangs etwas verwirrend (dafür gibt es für jedes Plättchen eine ausführliche Erklärung im Regelheft), aber man gewöhnt sich daran und mit der zweiten Partie läuft es rund.

Wenn jeder Spieler weiß, was er will, laufen die Runden sehr schnell und das Spiel dauert keine Stunde. Mit Grüblern am Tisch zieht es sich aber dann doch.

Nicht außer acht lassen sollte man die Errungenschaften, davon sind neun im Spiel. Manche sind schwach, andere sind immens wichtig. Gut dass jeder diese Karten “erforschen” kann und somit stehen die Vorteile jedem zur Verfügung, wenn er denn rechtzeitig die Voraussetzungen dafür schaffen kann. Mitgeliefert werden 55 solcher Karten. Das ergibt eine große Varianz und es stellt jedesmal einen neuen Reiz dar, diese Karten und ihre dauerhaften teils großen Boni in sein Spielverhalten zu integrieren. Da wird es nicht so schnell langweilig.

 

FAZIT

Das Bag-Building, das Zusammensetzen des Würfel-Sortiments im eigenen Beutel ist ein toller Mechanismus, der hier geschickt etwas aufgeweicht wird, da ich die gezogenen Würfel ja auch würfeln muss, und so nicht immer genau mein erhofftes Ergebnis angezeigt wird. Das entschärft ein sonst rein strategisches Spiel und macht es kurzweiliger und spannender, da ich viele taktische Entscheidungen treffen muss, und nicht nur stur meiner großen Strategie folgen kann.

Man ist stets gefordert durch das, was die anderen Spieler machen und muss immer wieder seinen eingeschlagenen Weg anpassen.

Das gelingt in diesem Spiel sehr gut und es unterhält Kennerspieler vortrefflich, erfahrene Gelegenheitsspieler finden sich auch in das Spiel, wenngleich es mit der Menge an Informationen auf dem Spieltisch durchaus fordernd ist.

Meiner Meinung nach ein gelungenes Bag-Building-Spiel mit gutem Thema, vielen Siegstrategien und einem schrecklichen Titel. Trotzdem wird es öfters auf den Tisch kommen, da man ein paar Spiele braucht, um die Möglichkeiten, die in diesem Spiel stecken, auszuprobieren und zu einer effektiven Strategie zusammenzubringen. Unbedingt anspielen.

Wer mehr vom Gleichen und eine breitere Streuung der taktischen Entscheidungen will, dem sei die Erweiterung “Die Würfelsiedler: Westküste” wärmstens an Herzen gelegt.

Und wer mal keine Mitspieler hat: Der Solo-Modus ist mit anpassbarer Schwierigkeit sehr fordernd. Ich weiß gar nicht, ob mir das Spiel solo oder in der Gruppe mehr Spaß macht.

 

BEWERTUNG

+ tolle Ausstattung
+ strategisch mit vielen taktischen Entscheidungen
+ viel Interaktion
+ sehr große Wiederspielbarkeit
+ sehr guter Solo-Modus
+ Erweiterung erhältlich mit noch mehr taktischen Möglichkeiten
– mit der Zeit etwas unübersichtlich

 

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form verwendet wurde.

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kennerspiel” 

  • ... Altersgruppe 14 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe50 bis 75 Jahre
4.8

Die Würfelsiedler

Autor: David Turczi
Grafik: Mihajlo Dimitrievski
Verlag: Schwerkraft-Verlag
Spieleranzahl: 1-4 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 14Jahren
Spieldauer: 60-90 Minuten

Generationentauglich: wenig geeignet, wird mit Spieldauer unübersichtlich und fummelig

 

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