Perfekt für lange Spielabende – “Orleans Stories” von dlp für Experten (Rezension)

“Orleans Stories” von Reiner Stockhausen, illustriert von Klemens Franz, für 2-4 Spieler ab 12, ab 2 Stunden und deutlich länger, erschienen 2019 bei dlp games, ist ein Expertenspiel mit toller Ausstattung und mit zwei Spielmodulen. Bag-Building und verzahnte Mechanismen fordern Einsatz und Zeit

 

Hallo, habt ihr etwas Zeit? Schön, denn ich hab da ein Leckerli, das Zeit braucht. Vier Stunden sind mal gar nichts zu viert. Aber soll ich euch was sagen? Die Zeit vergeht wie im Flug. Also die ersten Dreiviertel. Denn zu diesem Zeitpunkt ist meist ein Spieler den anderen davongezogen. Und dann wird’s eher zäh. Für beide Seiten. Die einen können nichts mehr machen, die anderen können aber das Spiel auch nicht schneller zu Ende bringen.

Also ich würd dieses Spiel nur noch zu zweit spielen. Denn da ist es perfekt. Ja wirklich, dann ist das Spiel jede Minute wert und man plant den nächsten Abend für die Revanche. Oder gleich allein spielen. Auch wenn dabei die kleine, feine Konfrontation ausbleibt, die das Spiel wenig aber doch angenehm beeinflusst.

Achja. Das Spiel ist eigentlich nur das Grundgerüst für verschiedene Szenarien, für verschiedene Stories. Zwei dieser Stories sind im Grundspiel enthalten und sind so verschieden, wie das Spielprinzip hergeben kann. Sie fühlen sich fast nach zwei unterschiedlichen Spielen mit dem selben Spielprinzip an. Und es sind weitere Stories angedacht. Das wird spannend.

So, aber jetzt mal zur Sache. Wer kennt nicht „Orleans“? Das erste Spiel mit „Bagbuilding“, also mit „Ich bestücke meinen Beutel und ziehe daraus Aktionssteine“. In meinem Beutel sind dabei verschiedene Personen mit unterschiedlichen Farben. Ich ziehe eine bestimmte Anzahl heraus und muss jetzt mit den gezogenen und evtl. aus der vorhergehenden Runde noch aufgesparten Personen Aktionsfelder bestücken. Diese Felder verlangen unterschiedliche Farbkombinationen. Das macht es manchmal richtig knifflig. Denn ziehe ich die falschen Steine, kann ich den eingeschlagenen Strategieweg nicht weitergehen. Es gilt also, rechtzeitig vorzuarbeiten und meinen Beutel mit den richtigen Farben zu füllen. So schlage ich dem Zufall schon ein Schnippchen. Nicht immer, denn sind zuviel Steine im Beutel, ziehe ich ja doch nicht die richtigen.

Das ist ein oft ärgerlicher Glücksfaktor. Aber gerade darum geht es. Wie kann ich mein Spiel so anlegen, dass ich trotz dieses Zufalls möglichst optimal voran komme? Das ist das Spiel. Es geht nicht darum, eine optimale Siegstrategie festzulegen und dann zu hoffen, die gezogenen Steine passen dazu, Nein. Ich muss dafür sorgen, dass ich, so ziemlich – egal was kommt – vorwärts komme. Wenn man das begriffen hat, ist der Zufall der Gegner, den es zu schlagen gilt und es gelingt immer besser.

Denn die Aktionsfelder werden im Lauf der Partie immer mehr. Ich kann auch gezielt neue Felder wählen, möglichst vor den Mitspielern. Denn viele der Felder gibt es nur einmal. Das ist blöd und doch wieder nicht. Denn auch wenn alle Spieler mit den gleichen Aktionen starten, entwickelt sich das Spiel so, dass jeder Spieler anders spielt und andere Schwerpunkte setzt. Einfach nur perfekt.

Was kann ich mit den Aktionen machen? Ich kann mir weitere Personen/Farben in meinen Beutel legen, ich kann mich auf dem Spielplan ausbreiten, um Rohstoffe zu erzeugen, die ich auf dem Markt handeln kann, ich kann weitere Aktionsfelder (Gebäude) bauen, ich kann Waren oder Personen abgeben und auf spezielle Felder schicken, um mir Boni zu holen, und und und. Die Möglichkeiten sind vielfältig und müssen gut bedacht werden. Leider für Zugoptimierer eine große Verlockung. Und schon stockt das Spiel und – gerade zu viert – wird die Downtime manchmal sehr lang.

Auf diesem Grundgerüst bauen nun die Stories auf. Sie erweitern das Spiel, auch die Siegbedingung. Sie geben vor, welche Rohstoffe oder Personen zur Verfügung stehen, wann welche Gebäude verfügbar sind. Sie geben auch vor, welche Aktionen in einer bestimmten Phase belohnt oder gar erst möglich sind. Oder gar, was bestraft wird. Das ist sehr abwechslungsreich und richtig fordernd. Für Kenner ein Fest, für Gelegenheitsspieler ist das nix. Da braucht man Erfahrung und auch die nötige Leidensfähigkeit, wenn man sich durch langwierige Regelerklärungen kämpfen muss. Kenner mögen das, sie brauchen das. Und aus ihrer Sicht ist Orleans Stories einfach genial.

Orleans Stories bietet perfektes Spielerlebnis für Kenner. Es fordert, nicht nur Spielzeit. Viele Möglichkeiten, eng verzahnte Mechanismen und der ständige Kampf gegen den Zufall und die Anforderungen der jeweils gespielten Story. Mit sehr viel sehr schönem Material, das man in einer Deluxe-Version mit vielen Holzteilen noch phantastisch pimpen könnte. Spieler warten darauf. Bei Orleans hat das auch geklappt mit einem Fan-Pack. Bin gespannt, ob der dlp-Verlag uns so etwas gönnt. Aber ob das in der eh schon übergroßen Spielschachtel Platz hat?

Apropos Schachtel. Ja das Spiel ist teuer, weil es jede Menge Material mitbringt. Aber hallo, ist das alles toll sortiert. Und das herausnehmbare Tiefziehteil sorgt auch am Spieltisch für Ordnung und der Aufbau geht deutlich schneller von der Hand. Und man bekommt richtig viel Spiel für sein Geld.

Und die Grafiken sind gelungen, stimmungsvoll und zugleich klar strukturiert, sehr spielfähig und spieleinladend. So kommt man schnell ins Spiel und muss nicht erst mit Grafiken und Icons kämpfen. Perfekt gemacht.

 

FAZIT

Orleans Stories bietet in der Schachtel zwei sehr unterschiedliche Geschichten, die allein oder mit bis zu vier KennerspielerInnen erspielt werden können. Dabei steht das „Bag-Building“ im Vordergrund, also die Zusammenstellung des Inhalts eines Beutels, aus dem ich zufällig ziehe und mit den gezogenen Markern anschließend bestimmte Aktionen machen kann. Von denen gibt es sehr viele und ich habe immer Möglichkeiten. Trotzdem sollte ich sorgfältig planen, wie ich meinen Beutel im Lauf des Spiels bestücke, um meiner großen Strategie folgen zu können. Es sind immer wieder viele Entscheidungen nötig. Breite ich mich auf der Landkarte aus, um Waren zu erwirtschaften – erweitere ich meine Aktionsfelder um weitere Ausbauten – schicke ich Waren oder Personen in die offen ausliegenden Plätze – konzentriere ich mich auf Geld oder guten Handel? Es gibt soviel zu tun und zu planen, es ist eine wahre Freude.

Vorsicht ist aber auch geboten. Denn in der ersten Story kann man sich tatsächlich vorzeitig um den Sieg bringen. Wenn man nicht aufpasst und nicht rechtzeitig die knappen Ressourcen holt, kann man das zum Sieg dringend benötigte Gebäude nicht bauen. Theoretisch könnte das sogar allen beteiligten Spielern passieren. Das ist nicht wirklich gut. Aber, man weiß es vorher. Und das Spiel ist nunmal kein Ponyhof. Auf diesem Niveau muss das Spiel nicht jeden Fehler der Spieler verzeihen. Das gehört nunmal auch zum Anspruch des Spiels. Umso intensiver ist das Spielerlebnis, wenn Fehler tatsächlich Fehler sind. Und ist das Spiel zu hart, bist du zu weich.

Das Wichtigste im Spiel ist aber stets der Kampf gegen den Zufall. Ich muss hier ein sehr geschicktes Zufalls-Management hinlegen, damit mich der Glücksfaktor nicht völlig aus der Bahn wirft. Das ist die tatsächliche Herausforderung. Dass die MitspielerInnen hier und da auch Nadelstiche setzen können, ist dabei fast zu vernachlässigen.

Orleans Stories bietet intensive fordernde Unterhaltung auf hohem Kennerniveau, komplex und mit Tiefgang. Trotzdem bleibt der einzelne Zug einfach und klar strukturiert. Mit hohem Wiederspielwert und bereits jetzt mit zwei sehr unterschiedlichen Spielen in einer Schachtel. Mehr Stories werden kommen.

Meiner Meinung nach ein Schwergewicht, in vielerlei Hinsicht, das in jedes Kennerspielregal gehört und – wenn es die Zeit erlaubt – auch auf den. Wer also gern die langen Spielabende mit einem Spiel verbringt – hier ist das richtige Futter dafür.

 

BEWERTUNG/TEST

+ tolles und umfangreiches Material
+ wunderschön, spielbar und zweckmäßig illustriert
+ bewährter, genialer Bag-Building-Mechanismus aus „Orleans“
+ viele Möglichkeiten und Siegstrategien
+ einfacher Zugmechanismus
+ zwei sehr unterschiedliche Stories bereits enthalten
+ soll mit weiteren Stories fortgesetzt werden
– braucht viel Platz und noch mehr Zeit

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kenner- und Experten-Spiel” 

  • ... Altersgruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe 50 bis 75 Jahre
5

Orleans Stories

Autor: Reiner Stockhausen
Grafik: Klemens Franz
Verlag: dlp games
Spieleranzahl: 2-4 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren
Eigene Altersempfehlung: Ab 14 Jahren. Spieldauer: ab 2 Stunden

Generationentauglich: nur für 14 bis 65

 

Kommentare sind geschlossen.