Kämpfen, Plündern und Erobern – Reavers of Midgard von Corax Games (Rezension)

Reavers of Midgard – Kennerspiel – ab 10 Jahren – 2 bis 4 SpielerInnen – 60 bis 120 Minuten – Corax Games

2019 durfte sich, Dank des Verlages Corax Games, endlich auch der deutschsprachige Raum über eine lokalisierte Version des in den USA bereits 2015 bei Grey Fox Games erschienenen Champions of Midgard freuen. Die gelungene und einsteigerfreundliche Mischung aus Eurogame und Ameritrash erfreut sich mit seinen zwei mittlerweile ebenfalls auf deutsch erschienenen Erweiterungen ungebrochen großer Beliebtheit. Umso gespannter war die Brettspielwelt, als mit Reavers of Midgard der geistige Nachfolger angekündigt wurde. Ich durfte mir das Kennerspiel um Ruhm und Ehre ansehen und ausgiebig testen.

 

Das Spiel:

Hinweis: Die Abbildungen zeigen Inhalte der Deluxe-Version von  Reavers of Midgard, die von der Ausstattung der im Einzelhandel erhältlichen Version abweichen. Spielerisch besteht jedoch kein Unterschied.

Puh. Wenn man das Spielbrett mit fertigem Aufbau das erste Mal in seiner vollen Pracht zu Gesicht bekommt, fühlt man sich leicht eingeschüchtert. Würfel, Karten, Tokens. Die knallbunte Auslage strotzt geradezu vor Möglichkeiten und Informationen. Die Spielbrett-Seite für 2 Spieler wirkt deutlich aufgeräumter und lässt den wunderschönen Illustrationen etwas mehr Raum. Dazu kommt für jede Spielerin/jeden Spieler ein eigenes Tableau, welches das Langboot ihres/seines Wikingerstammes repräsentiert, mit dem man zu (hoffentlich) ruhmreichen Raubzügen aufbricht.

Doch das sehr gut strukturierte Regelheft nimmt dem Spiel zum Glück sehr schnell den anfänglichen Schrecken. Im Kern ist Reavers of Midgard ein Arbeitereinsatz- und Sammel-Spiel mit Würfeln. Die Spielerin/der Spieler sucht sich einen freien der 6 verfügbaren Orte auf dem Spielbrett aus und platziert dort ihre/seine Spielfigur. Sie/Er bezahlt die dort angegebenen Kosten und erhält den entsprechenden Bonus. Alle anderen MitspielerInnen können sich nun im Uhrzeigersinn entscheiden, ob sie der führenden Spielerin/dem führenden Spieler folgen möchten. D.h. sie können die gleichen Kosten bezahlen um eine abgeschwächte Form des Bonus zu erhalten.

Ziel des Spiels ist es, nach 6 Runden die meisten Ruhmespunkte ergattert zu haben, die man traditionell auf einer Punkteleiste am Spielbrettrand abzählt. Die Boni der Einsatzorte bieten unterschiedliche Möglichkeiten, um an diese Ruhmespunkte zu gelangen. So kann man z.B. mit Dörfern handeln um an neue Ressourcen zu gelangen oder neue Räuber (Karten) anheuern um zusätzliche Würfel zu erhalten. Ressourcen und Würfel werden wiederum benötigt, um Gebiete zu erobern, auf See zu kämpfen oder Dörfer und Festungen zu plündern.

Sämtliche Aktionen sind thematisch wundervoll in die Welt der Wikinger eingebettet. Aber im Grunde genommen versucht jede Spielerin/jeder Spieler möglichst wertvolle Sammlungen anzuhäufen oder selbige so zu kombinieren, dass sie am Ende viele Ruhmespunkte einbringen. Reavers of Midgard bietet dabei eine ganze Reihe von Mechaniken, in deren Kern der Einsatz der unterschiedlichen Würfel steht. Erhält man neue Würfel, werden sie auf dem eigenen Spielertableau platziert. Manchmal müssen sie dabei gewürfelt werden, manchmal darf man sich das Symbol aussuchen. Viele der gesammelten Boni bieten Möglichkeiten, die Würfel bzw. deren Symbole zu manipulieren. Werden die Würfel “verbraucht”, wandern sie zurück in den allgemeinen Vorrat.

Interessant ist auch die Mechanik beim Anheuern neuer Räuber (Karten). Diese kann man entweder sammeln (für spätere Boni), spezialisieren (um von den Aktionen anderer SpielerInnen zusätzlich zu profitieren) oder befördern (um das eigene Clansymbol auf den Würfeln zu einem Joker zu machen).

Mit zunehmender Spieldauer füllt sich der Platz auf und um das Tableau der SpielerInnen massiv. Reavers of Midgard ist daher kein Spiel für kleine Beistelltische. Das ohnehin sehr stattliche Spielbrett gepaart mit den Sammlungen der einzelnen SpielerInnen fordert jede Menge Raum. Dessen sollte man sich bewusst sein.

Wer beim Anblick der bunten Würfel an ein vom puren Würfelglück gesteuertes Spiel denkt, wird dankenswerterweise schnell eines besseren belehrt. Die zahllosen Möglichkeiten, die eigenen Würfel zu manipulieren, schwächen den Glücksfaktor nahezu komplett ab. Außerdem gehen die einzelnen Aktionen schnell von der Hand und da jede Spielerin/jeder Spieler die Wahl hat, die Aktion des Startspielers ebenfalls auszuführen, gibt es eigentlich immer etwas zu tun und es ergeben sich so gut wie keine Wartezeiten.

 

Fazit:

Am Ende steht natürlich wie immer die Frage: Macht dieses Spiel denn nun Spaß? Meine Antwort darauf lautet eindeutig: Jein! Hat man sich an der opulenten Ausstattung sattgesehen und sich einen Überblick verschafft, wird sehr schnell offenbar, dass das Sammeln von Karten und Tokens den wesentlichen Kern von Reavers of Midgard darstellt. Das ist grundsätzlich nichts schlechtes (und in vielen anderen Spielen genauso), aber leider hat man hier als SpielerIn selten das Gefühl, sich die Boni wirklich verdient oder hart erkämpft zu haben. Egal welche der Aktionen man wählt, man bekommt immer irgendetwas. Ja, man wird förmlich überschüttet. Erfolgserlebnisse sind toll, zu viele davon stumpfen aber eher ab und vermitteln das Gefühl von Willkür.

Natürlich kann man verschiedene Taktiken und Kombinationen ausprobieren, um möglichst gewinnbringende Sammlungen zu horten. Und darin liegt sicher auch der maßgebliche Reiz dieses Spiels. Trotzdem konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass der Autor beim zwanghaften Versuch, das Würfelglück zu minimieren, leicht über das Ziel hinausgeschossen ist. Ist Reavers of Midgard denn nun ein schlechtes Spiel? Nein, bei weitem nicht. Aber hinter der opulenten Fassade verbirgt sich deutlich weniger, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Bewertung:
+ Opulente Ausstattung
+ Wunderschöne Illustrationen
+ Niedriger Glücksfaktor
– Auf Dauer leider etwas eintönig

(Eine Rezension von Marco Dirscherl)

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Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kenner- und Expertenspiele”

  • ... Altergruppe bis 12 Jahre
  • ... Altersgruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe 50 bis 75 Jahre
3

Reavers of Midgard (2019)

Autor: J.B. Howell
Grafik: Yaroslav Radeckyi
Verlag: Corax Games
Spielerzahl: 2 bis 4
Altersempfehlung Verlag: ab 10 Jahren
Spieldauer: 60 bis 120 Minuten

Über Marco

Film-, TV- und Brettspiel-Junkie. Podcaster aus Leidenschaft.

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