Gruppenabenteuer mit Bilbo und Co – „Reise durch Mittelerde“ ist genau richtig für Fans (Rezension, Test)

Herr der Ringe – Reise durch Mittelerde – von Nathan Hajek und Grace Holdinghaus – 1 bis 5 Spieler -ab 14 Jahre – Fantasy Flight Games/Asmodee – kooperatives, moderates Abenteuerspiel

Jetzt zählt es. Hier und jetzt entscheidet es sich. Held oder Versager. Alles in diesem einen Moment. Nicht nur mein Schicksal hängt davon ab. Meine vier Freunde verlassen sich auf mich. Werden wir es überstehen, Retter der Menschheit werden oder wird sie mit uns untergehen. Ich bin gut vorbereitet, aber trägt die Planung jetzt die erforderlichen Früchte? War der ganze weite Weg durch Mittelerde umsonst? Meine Hände schwitzen – gut, dass meine Karten in Hüllen stecken. Es hängt alles an dieser einen Karte …

Das ist nur eine von vielen ähnlichen Situationen, in die uns „Herr der Ringe – Reise durch Mittelerde“ führt. Gemeinsam machen sich bis zu fünf SpielerInnen auf und erleben in der Kampagne mehrere Abenteuer-Szenarien – vorbildlich geführt durch die Begleit-App. Diese sowie das gesamte Spielmaterial ist – bis auf die zu klein geratenen Karten – vorbildlich. Es kommt sofort Stimmung auf und wir werden entführt in die Abenteuer und Schlachten in Mittelerde. Viele kleine und größere Entscheidungen werden von uns abverlangt und mit der Zeit gestalten wir unser Kartendeck, mit dem wir unseren jeweiligen Helden/Heldin steuern. Wir investieren Erfahrungspunkte, um mit besseren Karten gerüstet zu sein für die Aufgaben, die da auf uns warten.

Sehr abwechslungsreich gelangen wir von einem Ort zum anderen, die Monster sind uns immer schon voraus und erwarten unsere kleine Heldentruppe. Und es beginnt der Kampf von Neuen.

Stets brauchen wir unser Kartendeck, um mit einer bestimmten Anzahl an gezogenen Karten möglichst die geforderte Anzahl an Symbolen zu ziehen. Besser als Würfeln ist das schon, aber trotzdem glücksabhängig. Ich hatte mir eine gute Karte ins Deck gekauft, leider ist sie dann während der gesamten Kampagne nicht mehr aufgetaucht. Das gibt’s auch.

Wie spielt sich dieses kleine Monster-Spiel, für das man mehrere Spielabende braucht, um die ganze Reise zu überstehen? Zuerst einmal, es ist ein Leichtgewicht – im Gegensatz zur großen Schachtel. Aber auch die ist nur halb gefüllt. Da werden wohl noch Erweiterungen auf uns zukommen. Und manche SpielerInnen können das kaum erwarten, aber dazu später.

Die Szenarien sind nicht wirklich knifflig, Lösungen lassen sich schnell gemeinsam finden. Einzig der Zeitdruck macht es teilweise sehr schwer. Stürzt man sich auf das eigentliche Hauptziel des Szenarios ist alles easy. Will man aber noch andere Dinge erledigen wie etwa die herumwuselnden Feinde angreifen wird es schonmal recht knapp.

Mit den gewonnenen Erfahrungspunkten verbessert man sein Kartendeck und bereitet sich so auf die nächsten Abenteuer vor. Das verlangt strategische Planung und Absprache mit seinen MitheldInnen. Nur wenn sich die Gruppe wirklich ergänzt, ist die Reise ein Spaziergang.

Klingt nach einem schnell gelernten und locker gespielten Gruppenspiel. Ist es auch. Besonderer Reiz ist das Setting: Herr der Ringe. Wer ein Fan ist, der erlebt im Kopfkino tolle Abenteuer. Und kommt problemlos über die manchmal dünne Story der Kampagne hinweg. Wer jetzt nicht unbedingt Fan dieses Tolkien-Kultes ist …

Der sieht in erster Linie die Spielmechanik. Und ehrlich gesagt, die gibt nicht viel her. Und über die Kampagne gesehen wird es ziemlich eintönig. Letztlich mischt man und zieht man Karten und das Glück – etwas entschärft durch die gekauften Karten – entscheidet nahezu alle Situationen. Das Planen des Kartendecks wird dadurch zwar durchaus notwendig, aber hilft nicht wirklich, jede Begegnung für sich zu entscheiden.

Die Gegner sind irgendwie auch alle gleich. Erfreulich dagegen, dass die HeldInnen sich wirklich abwechslungsreich spielen – im Rahmen der Möglichkeiten. Denn Kartenmischen und -ziehen muss jeder. Und wer nicht bei dem Wort „Mittelerde“ sofort die entsprechenden Landschaften und Gefahren vor Augen sieht, dem wird das Setting der einzelnen Szenarien auch nicht viel Stimmung geben.

Was ebenfalls stört, ist die Tatsache, dass es oft genug auf eine Karte ankommt. Ziehe ich die richtige, ist alles gut, kommt die Karte aber nicht, ist alles aus. Das ist manchmal ärgerlich, denn selbst bei einem wiederholten Versuch kann die Gruppe nichts besser machen. Wieder hängt es letztlich am Ziehen von Karten. Die Situation verbessern geht nur, wenn man langfristig sein Deck anders gestaltet (aber auch nur vielleicht) oder der magische Glückstrank (achso, den gibt’s nicht in Wirklichkeit).

Aber kein Spiel muss für alle sein. Leider kann man auch nicht ein paar MitspielerInnen zu ein paar Szenarien einladen, denn dazu sind die ersten Abenteuer zu harmlos und langweilig, zum anderen wird das, was das Spiel wirklich belebt, nämlich die strategische Planung des Kartendecks, mit ein paar gespielten Abenteuern nicht begreifbar. Hätte ich nicht als Rezensent die Reise durchspielen „müssen“, hätte ich das Spiel wohl nach den ersten paar Orten zurück ins Regal gelegt. Dabei wäre mir viel entgangen, aber wirklich versäumt hätte ich auch nichts.

 

FAZIT

Das Spiel trennt Herr-der-Ringe-Fans von den anderen. Die einen haben hier ein tolles Abenteuerspiel, das mehrere Abende mit guten Geschichten und Erlebnissen rund um Mittelerde füllt, die anderen finden ein strategisches Leichtgewicht vor, das mit der Zeit eintönig wird. Für die Fans mit genügend Phantasie aber lebt jedes Szenario und beschert immer wieder Situationen, die tatsächlich nervenaufreibend sein können. Es liegt an der Spielergruppe, was sie draus machen. Das Spiel allein schafft es nicht, aber mit Hilfe der SpielerInnen bietet das Spiel perfekte Unterstützung für tolle Erlebnisse am Spieltisch. Dank der tollen Ausstattung und der hervorragenden App (ohne die geht es nicht!). Für Fans sicher eine gute Empfehlung. Gerade weil es nicht so ein strategischer Hammer ist, können sich Gelegenheitsspieler problemlos an das Spiel heranwagen. Und die anderen hoffen auf Erweiterungen, die mehr Abwechslung und Spieltiefe mitbringen. Online, also in der App, ist bereit eine weitere Kampagne verfügbar. Dazu braucht man nicht weiteres Material, sondern nur einen In-App-Zusatzkauf. Das ist eine gute Möglichkeit, noch mehr Abenteuer kostengünstig zu erleben.

Die Strategieexperten sind sowieso immer noch in der Taverne in Gloomhaven, das deutlich mehr Spielerisches bietet, aber eben nicht in Mittelerde.

„Jetzt zieh endlich“ werde ich barsch aufgefordert – und in der Stimme hört man die Anspannung heraus. Meine Mitspieler fiebern dem Ergebnis ebenfalls entgegen. Geht es gut aus? Eine Karte entscheidet über unser aller Schicksal. Also gut, ich nehme mir ein Herz und ziehe die Karte. Drehe sie um und …

 

BEWERTUNG

+ tolle Ausstattung
+ perfekte App
+ abwechslungsreiche Helden
+ als Herr-der-Ringe-Fan tolle Unterhaltung
+- App ist notwendig, ohne kann man es nicht spielen
– eintönige Spielmechanik
– Karten zu klein, Text kaum lesbar

 

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form verwendet wurde.

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kooperatives Gruppenspiel” 

  • ... Altersgruppe 14 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe 50 bis 75 Jahre
3.5

Herr der Ringe - Reise durch Mittelerde

Autor: Nathan Hajek und Grace Holdinghaus
Grafik: N/A
Verlag: Fantasy Flight Games / Asmodee
Spieleranzahl: 1-5 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 14Jahren
Spieldauer: 60-120 Minuten pro Szenario

Generationentauglich: ungeeignet, zu kleine Schrift auf den Karten, zu unübersichtlich

 

Kommentare sind geschlossen.