Geniale Versteigerung ohne Feinschliff | “Faktoria” nur mit Hausregeln toll (Rezension)

“Faktoria” von Luv-Olivier de Charriere und Renata de Charriere, Illustrationen von Bartek Fedyczak für 2-5 SpielerInnen ab 8, 30-60 min, erschienen 2019 im Eigenverlag ist ein strategisches Auktionsspiel für spielerfahrene Familien

Mittelalter, kurz nach 9 Uhr. Die ersten Händler haben das Stadttor passiert und die Marktstände öffnen. Jetzt heißt es sein Geld gut anlegen. Man ersteigert Rohstoffe, um diese in Gebäude und Produktionsstätten zu investieren. So wächst unser Dorf und schon bald ist es groß genug, mit einem eigenen Hafen die richtig großen Händler mit den richtig vielen Waren anzulocken.

Die Geschichte von Fakturia ist stimmungsvoll und wir Spieler sind im Geschehen mittendrin. Dank des tollen Materials und der schönen Grafiken entsteht – Gebäude für Gebäude – unsere Stadt. Gebäude bringen Siegpunkte, Produktionsstätten bringen uns Material, das wir dann nicht mehr teuer am Markt ersteigern müssen.

Aber dieser Markt, dieser Auktionsmechanismus, ist die Seele des Spiels und richtig richtig gut. Auf vier Straßen nähern sich jeweils zwei Händler hintereinander der Stadt. Der aktive Spieler bestimmt nun, welche der vorderen Händler einen Marktstand bestücken. Dabei wählt er mindestens zwei Händler aus. Anschließend gibt er für alle Waren auf dem Markt zusammen ein Gebot ab. Reihum kann nun jeder Spieler dieses Gebot überbieten oder passen. Das geht solange, bis einer übrigbleibt. Ist das der aktive Spieler, zahlt er und erhält die Waren. Ist es einer der anderen Spieler, zahlt der den Preis, muss aber einen Warenstein an den aktiven Spieler abgeben.

Und das ist so einfach wie genial. Denn als aktiver Spieler kann ich entweder Waren billig einkaufen, wenn ich nur ein kleines Gebot gebe und mich niemand überbieten will, oder ich erhalte auf alle Fälle eine Ware. Will ich also das wertvolle Erz, schiebe ich natürlich nur zwei Erzsteine in den Markt. Somit erhalte ich auf alle Fälle ein Erz, wenn nicht sogar zwei für nur eine Geldeinheit.

Das wird noch besser, wenn erstmal alle Häfen gebaut sind, denn dann kommen zwei weitere Händlerstraßen dazu. Diese Händler aber liefern gleich die großen Warensteine an, die jeweils fünf Einheiten wert sind. Und wieder muss der kaufende, nicht aktive Spieler einen Warenstein an den aktiven Spieler abtreten. Liegen da nur zwei große Warensteine, erhält der aktive Spieler sogar fünf Waren – der Warenstein wird nämlich nicht in die Einzelsteine aufgeteilt.

Das bietet viele Möglichkeiten für den aktiven Spieler, wie er den Markt bestückt. Natürlich nur, wenn die Händler die Waren auch anbieten. Da man auch in die Zukunft sehen kann, also sieht, welche Händler bereits hinter den anderen Händlern stehen und als nächstens an die Reihe kommen, ist hier viel Taktik möglich.

Und die Entscheidungen werden teilweise wirklich hart. Wieviel Geld biete ich und ob überhaupt. Überlasse ich dem aktiven Spieler ein paar billige Rohstoffe oder zahle ich mehr Geld, um sie mir zu sichern, muss dann aber dem aktiven wieder etwas abgeben. Ist das herrlich knifflig. So müssen Auktionsmechanismen sein. Das macht richtig Spaß und kann so gemein sein. Wunderbar.

Was mache ich mit den Waren? Der aktive Spieler kann bauen. Dabei ist die Auswahl der Gebäude nicht gerade üppig. Es gibt Produktionsgebäude für Holz und Stein. Bis zu vier solcher Gebäude kann ich in meinen Dorfplan errichten. Sie liefern mir in jeder Runde Waren. Dann kann ich bauen. Vorausgesetzt ich habe Erz, das es nur im Markt gibt, oder gar Gold. Das extrem selten ist. Es ermöglicht den Bau der richtig lukrativen Gebäude. Aber auch ohne die kann man gewinnen.

Das Spiel ist schnell erklärt, spielt sich flott und dank der Auktionen ist man gefühlt ständig dran. Toll. Ein bisschen strategische Planung ist notwendig, um die richtigen Gebäude bauen zu können. Und Monokultur ist auch hier nicht gut, denn ist ein Gebäudetyp aus, muss man andere Gebäude bauen und die brauchen einen anderen Rohstoffmix. Also muss man flexibel bleiben, was die eigene Rohstofferzeugung angeht.

Bis jetzt klingt es nach einem wirklich tollen Spiel. Ist es aber nicht! Leider. Denn der Autor hat übersehen, den deutlichen Nachteil des Startspielers zu berücksichtigen. Generell gilt, wer in der Runde weiter hinten an die Reihe kommt, hat deutlich mehr Vorteile. Warum das? Weil nur der aktive Spieler bauen darf. So hat der Spieler, der weiter hinten sitzt, mehr Möglichkeiten, bevor er dran ist Rohstoffe zu sammeln und kann in seiner ersten Bauphase vielleicht bereits ein Gebäude oder gar mehrere bauen, während die Spieler vor ihm in den Auktionen überboten wurden und keine Ware haben. Und früh Produktionsgebäude zu haben ist sehr wichtig. Dieser Vorteil wirkt nicht nur in der ersten Runde, auch in der letzten. Denn bis zuletzt kann der letzte Spieler um Rohstoffe bieten und hat dann noch die Möglichkeit zu bauen. Das ist so ein großer Vorteil, dass es kaum aufzuholen ist. Schade.

Ich denke, wenn man Auktionsphase und Bauphase getrennt hätte, dann wäre das deutlich ausgewogener (Hausregel!). Also zuerst Auktion reihum spielen, dann Produzieren und Bauen reihum. Die Möglichkeit, die einzelnen Phasen Auktion, Produktion und Bauen in beliebiger Reihenfolge innerhalb seines Zuges auszuführen, bietet nicht wirklich große Vorteile. Eine Testrunde mit getrennten Phasen war deutlich ausgeglichener. Das sollte man noch ausgiebiger testen.

 

FAZIT

Fakturia ist ein geradliniges, einfaches Warenwirtschaftsspiel mit einem wirklich gelungenen, sehr tricky Auktionsmechanismus. Gutes Material und stimmungsvolle Grafik laden zum Spiel ein. Für etwas erfahrene Spieler sehr gut geeignet. Leider ist das Spiel in der aktuellen Form nicht ausbalanciert. Je weiter hinten man in der Zugreihenfolge sitzt, desto größer ist der Vorteil. Eine Hausregel kann das ausgleichen. Und dann hat man ein richtig gelungenes Versteigerungsspiel.

Meiner Meinung nach ein Spiel, das Feinschliff benötigt hätte. Aber für eine Testrunde würde ich es empfehlen, vor allem mit der Hausregel scheint es deutlich zu gewinnen. Ausprobieren.

 

BEWERTUNG / TEST

+ tolles Material
+ tricky Auktionsmechanismus
+ schnell gelern
+ gelungene Interaktion
– zu zweit oder dritt etwas schwächer
– massiver Vorteil der nachziehenden Spieler

Mit Hausregel ein Stern mehr!

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Familien-Spiel” 

 

  • ... Altersgruppe bis 12 Jahre
  • ... Altersgruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe 50 bis 75 Jahre
3.2

Faktoria

Spielidee: Luc-Olivier de Charriere und Renata de Charriere
Grafik: Bartek Fedyczak
Verlag: Eigenverlag
Spieleranzahl: 2-5 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 8 Jahren
Eigene Altersempfehlung: Ab 10 Jahren.
Spieldauer
: 30-60 Minuten

Generationentauglich: geeignet, Auktionsmechanismus ist klar, Spielregeln geradlinig, Material entspricht allen Alters-Anforderungen.

 

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