Geniale Karibik-Kreuzfahrt für Kenner – “Maracaibo” von Game‘s Up

“Maracaibo” von Alexander Pfister, für 1-4 Spieler ab 12, 60-180 min, erschienen 2019 bei Game’s Up ist ein Expertenspiel mit vielen verzahnten Mechanismen und toller Ausstattung

Eine Kreuzfahrt in der Karibik, das würde mir gefallen. Havana, Santo Domingo, Portobello … – die Städtenamen klingen schon nach Urlaub. Sonne, Strände, Meer, Karibiksommer und ein Hauch Abenteuer – das ist Erholung pur. Trotz aller CO2- und Corona-Vorbehalte. Ganz ohne diese berechtigten Sorgen ist eine Kreuzfahrt mit einem kleinen Holzschiffchen auf dem Spielbrett von Maracaibo. Auch hier schippern wir durch die Karibik, nur diesmal zu Hause auf dem Tisch. Und mit der Erholung ist es nicht weit her, bei diesem fordernden Kennerspiel.

Wir werden zurückversetzt in das 17. Jahrhundert, als die Großmächte England, Frankreich und Spanien um die Kolonien stritten. Wir sind mittendrin und da wir unabhängig von der großen Politik sind, können wir mal dem einen und dann dem anderen einen Gefallen tun. Und langsam aber sicher uns ein nettes Punktekonto ansammeln.

Wir bewegen unser Schiff von einer Stadt oder Insel zur nächsten. Die Schrittweite können wir selbst bestimmen. Bis zu sieben Felder weit können wir unser Schiff ziehen. Je weiter unsere Züge, desto mehr Möglichkeiten haben wir am Landepunkt. Aber damit beschleunigen wir auch das Spiel. Das will überlegt sein. Kann ich einem anderen Spieler damit seinen langsamen aber siegsicheren Aufbau vermiesen, wenn das Spiel schnell aus ist? Schnell heißt dabei nicht schnell, denn das Spiel fesselt uns für mehrere Stunden an den Tisch. Mit Grüblern geht’s sogar noch in die Verlängerung.

Das Spiel lebt von den Karten. Optisch lecker und – dank an den Illustrator – auch sehr spielfördernd gemacht. Alles ist vernünftig groß und gut erkennbar. Diese Karten, liegen sie erst mal in unserer Auslage, sichern uns Vorteile. Und viele Karten passen ideal zusammen. Ziel ist es, eine solche „Maschine“, besser noch mehrere, zusammenzustellen. Dann flutscht es und die Punkte rauschen nur so herein. Natürlich geht nicht alles und zu schnell verliert man sich in den vielen Möglichkeiten, die sich einem bieten. Da braucht es eine Strategie, die aber immer wieder flexibel angepasst werden muss an die vorgegebenen Möglichkeiten und die Aktionen der lieben MitspielerInnen.

Interaktion gibt es keine. Keine direkte. Aber man kann sich gegenseitig schon mal gute Landeplätze, Aufgaben und andere notwendige Dinge wegschnappen. Meist gar nicht mal absichtlich. Denn man muss schon auf seine eigenen Möglichkeiten achten als sich auch noch um die Behinderung der Aktionen der anderen zu orientieren. So kommt man nämlich schnell in Rückstand, wenn man ein paar notwendige Schritte nicht rechtzeitig macht. Fehler verzeiht das Spiel nur ungern, Aufholen ist mühsam.

Aber nicht immer gewinnt, wer bis kurz vor Schluss vorne liegt. Zuviele Punkte werden erst mit der Schlusswertung vergeben und da gibt es manch böse Überraschung. Oder gute, je nach dem, wie es einen betrifft.

Durch die hohe Anzahl der Karten, der vielen möglichen Synergie-Effekte und die möglichen Siegstrategien ist das Spiel durchaus komplex und auf gutem, hohen Kennerniveau angesiedelt. Es braucht ein oder zwei Spiele, um die größeren Zusammenhänge zu erkennen, die feine Verzahnung der vielen einzelnen Aktionsmöglichkeiten. Es braucht Erfahrung, um das Spieltempo einschätzen zu können – wann mache ich was, wie lange habe ich Zeit für die einzelnen Dinge. Das macht das Spiel herausfordernd und gleichzeitig verlockend – für Kenner- und Vielspieler. Gelegenheitsspieler werden überfordert sein. Der Einstieg ist hoch und ohne Erfahrung mit komplexeren Spielen ist es nur eine Qual. Quasi eine Kreuzfahrt in der Regenzeit mit Hurikan, tropischen Unwettern und hohem Seegang. Kein Spaß.

Ganz im Gegenteil für spielerfahrene Brettspieler. Die sind hier nahe am Paradies. Es ist eine tolle Herausforderung, seine Auslage zu optimieren und zu sehen, wie alles immer besser läuft. Und dank der vielen Möglichkeiten bieten sich viele Siegstrategien – und jede will entdeckt werden.

Grafisch sehr stimmungsvoll, nur beim Material könnte man man nachbessern. Die winzig kleinen Scheibchen auf dem Schiffsplan sind wichtig, halten aber selbst kleinstem Wellengang nicht stand. Hier wären Vertiefungen perfekt gewesen. Auch die Seekarte, auf der wir unsere Schiffe ziehen, hätte klarer und etwas größer sein können. Und die Leiste für den Entdecker.

Ja leider gibt es einige Dinge, die verbesserungswürdig sind, aufs Material bezogen. Denn das Spiel selbst ist klasse. Es wirkt ausgewogen, erlaubt viele Strategien und macht neugierig, entdeckt zu werden. Die Spieltiefe ist fordernd, dabei ist er einzelne Spielzug sehr einfach.

Eine ganz besondere Sache (mittlerweile total angesagt) ist der Storymodus. Mit (mittlerweile total angesagt) Legacy-Elementen – das Spiel, vor allem der Spielplan, wird verändert, aber zum Glück nicht dauerhaft. Es ist zwar etwas mühsam, nach mehreren Spielen den aktuellen Story-Stand aufzubauen, aber möglich. So spielt man sich durch ein 70-Schritte-Kartendeck und taucht so richtig in die Geschichte ein. Das ist richtig genial. Denn es verlängert den Spielspaß und ist ein guter Grund mehr, das Spiel ein paar mal öfters auf den Tisch zu bringen.

 

FAZIT

Ein richtig tolles Kennerspiel ist Maracaibo. Anhand vieler Karten, die auf unterschiedliche Arten verwendet werden können, baut man seine Auslage und versucht dabei, optimale Zusammenhänge zu kreieren. Viele andere Dinge sind zu tun auf dem großen Spielbrett, das uns in die Karibik des 17. Jahrhunderts entführt. Viele gut verzahnte und perfekt zusammengesetzte Mechanismen bieten Strategen eine große Anzahl an Möglichkeiten. Das ist komplex und fordernd, aber Kennerspieler lieben diese Herausforderung. Mit Zugoptimieren am Tisch kann es auch mal zur Geduldsprobe werden, die Spielzeit von angegebenen 150 Minuten wird schnell deutlich überzogen.

Es gibt ein paar Materialschwächen, dafür punktet das Spiel für sich. Ein sehr stimmungsvoller, optionaler Storymodus ergänzt das Spiel perfekt. Auch die Solovariante ist sehr fordernd.

Meiner Meinung nach ein sehr gelungenes Spiel, das Kenner im Regal haben sollten, wenn es nicht eh die ganze Zeit auf dem Tisch liegt. Unbedingt spielen!

 

BEWERTUNG

+ viele strategische Möglichkeiten
+ große Vielzahl an Karten
+ indirekte Interaktion
+ stimmungsvolle Grafiken
+ toller Storymodus und fordernde Solovariante
– Materialschwächen
– Spielplan wird im Storymodus schnell unübersichtlich
– Zugoptimierer können die Spielzeit deutlich verlängern

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kenner- und Experten-Spiel” 

 

  • ... Altersgruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe 50 bis 75 Jahre
4.8

Maracaibo

Autor: Alexander Pfister
Grafik: Fiore Gmbh, Aline Kirrmann, Andreas Resch
Verlag: Game‘s Up
Spieleranzahl: 1-4 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren
Eigene Altersempfehlung: Ab 14 Jahren.
Spieldauer: ab 2 Stunden

Generationentauglich: nur für 14 bis 65, und nur für Expertenspieler

 

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