Städtebauen fast wie immer – „Neom“ bietet gelungene Mixtur aus bekannten Elementen (Rezension)

Draften gehört zu den kniffligen Spielmechaniken. Kurz erklärt: Man bekommt mehrere Karten oder – wie hier im Spiel Neom – Plättchen auf die Hand, darf eines behalten und gibt den Rest weiter. Von denen, die man von anderen Mitspieler erhält, darf man wieder eines behalten und gibt den Rest weiter. Und so weiter.

Warum knifflig? Weil man oftmals mehrere wirklich gute Plättchen auf der Hand hat und trotzdem nur eines behalten darf. Die anderen bekommt der Mitspieler. Hier die richtige Entscheidung zu treffen ist verzwickt. Vor allem weiß man ja nie, was noch für Plättchen kommen.

Genial eingesetzt wird Drafting in „7 Wonders“. Aber auch in Neom bedienen wir uns dieses Drafting-Mechanismus. Zu Beginn jeder der drei Runden erhalte ich acht Plättchen, darf eines behalten und gebe den Rest weiter. Das geht solange, bis ich sieben Plättchen habe und das letzte geht aus dem Spiel.

Mit den Plättchen, die ich bekomme, baue ich eine Stadt. Dabei stehen mir verschiedene Plättchentypen zur Verfügung: Wohngebäude (bringen Punkte), Wirtschaftsgebäude (bringen Einkommen), Industrie (bringt Handelswaren und Luxusgüter), Öffentliche Gebäude (häufen Siegpunkte an) und Abbaugebiete (bringen Rohstoffe). Die richtige Mischung, und vor allem die bestmögliche Erfüllung der Aufgaben auf den öffentlichen Gebäuden und die Anhäufung von Geld führen zum Sieg. Dabei kommt es darauf an, wie ich die Plättchen in mein 5×5 großes Raster lege. Denn oft zählt, wie die einzelnen Plättchen zueinander liegen.

Aber beim Legen muss ich beachten, dass jedes Gebäude eine Straßenverbindung zum Mittelpunkt hat. Und das ist das eigentliche Problem. Was hilft mir ein perfektes Plättchen, wenn ich es nicht anlegen kann. Oft genug wählt man Plättchen aus, die man legen kann und muss die guten weiterschieben. Da gehört Planung dazu, um jederzeit seine Stadt ausbauen zu können.

Mit dem Ausbau erzeuge ich Rohstoffe, Handel- und Luxusgüter. Stehen sie meiner Stadt zur Verfügung, können auch meine Mitspieler davon profitieren und sie bei mir einkaufen, sollten sie sie nicht selbst produzieren. Das kann ich nicht verhindern, aber ich verdiene gutes Geld. Das kann auch eine Strategie sein. Allen Spielern Rohstoffe zur Verfügung stellen und reich werden. Leider reicht das so eingenommene Vermögen nur selten zum Sieg.

Viel interessanter sind die erfüllten Aufgaben auf den Plättchen. Denn zu Beginn erhält man (auch mit draften) drei Ankergebäude, die man ebenfalls bauen darf und die einem schon mal die strategische Richtung vorgeben, in die sich die Stadt entwickeln sollte.

Das Spiel bleibt bis zuletzt spannend, denn erst am Ende folgt die Abrechnung und die hält schonmal Überraschungen parat. So bleibt das Spiel spannend bis zum letzten Gebäude.

Das Material ist vorbildlich, sehr stabile Plättchen und gute Icons machen das Spiel übersichtlich. Die geschickte Auslage der zur Verfügung stehenden Waren zeigen dem Mitspieler deutlich, was zu holen ist. Die Regeln sind ausführlich und klar. Auch die fast vierseitige Beschreibung der einzelnen Plättchen ist eindeutig.

Und da kommen wir schon zum eigentlich Problem. Es gibt unzählige Gebäude. Und jedes hat seine eigene Funktion. Die ersten Partien verbringt man mit Blättern in der Anleitung. Da wäre ein zweiter Ausdruck hilfreich gewesen.

Noch nie war es so wichtig, sich erst einmal mit ein oder zwei Partien einzuspielen. Auch wenn man kaum noch die Zeit dafür hat, warten doch schon viele andere Spiele darauf, auf den Tisch zu kommen. Aber hier muss man sich die Zeit nehmen. Man muss die einzelnen Gebäude kennenlernen, man muss wissen, was passieren kann im Spiel. Welche Art von Katastrophen sich ereignen können (ja, es gibt Katastrophen im Spiel, die ein Mitspieler auslösen kann) und wie man sich schützen kann. Ebenso gut zu wissen, welche punktebringenden Gebäude es in Runde 3 gibt.

Meine dringende Empfehlung: Mehrere Partien einplanen, denn erst mit dem Kennen der einzelnen Gebäude wird das Spiel richtig gut. Das Mischen mehrerer bekannter Elemente (Draften – 7 Wonders, Auslegen der Plättchen – Carcassone, Wertung der Plättchen – Suburbia) ist extrem gut gelungen und bringt ein eigenständiges und wirklich anspruchsvolles Spiel hervor. Noch dazu mit einer Spielzeit von unter einer Stunde ist es ein moderat anspruchsvolles Kennerspiel, das aber auch perfekt für spielerfahrene Gelegenheitsspieler und Familien mit Kids ab 10 Jahren geeignet ist.

Da man durch das Draften ständig am Zug ist, entsteht keine Wartezeit. Man ist ständig am Grübeln und fiebern, ob noch das richtige Plättchen kommt. Ein Auge auf den Mitspieler ist dabei ebenfalls wichtig, denn manchmal ist es besser, ein für ihn gutes Plättchen selber zu behalten als ihm den Vorteil zu geben.

Den ein oder anderen Fehler verzeiht das Spiel, aber zu schlampig darf man seine Auslage nicht bauen, denn gerade am Ende, wenn die guten Gebäude kommen, muss noch Platz für sie sein.

Das Spiel ist schnell erklärt, aber nicht sofort spielt man um den Sieg. Am Tisch entsteht ein gutes Gemeinschaftsgefühl, denn nicht nur muss man den Mitspieler im Auge behalten, man profitiert auch von dessen Rohstoffen. Und das Weiterschieben der Plättchen wird schon mal von dem ein oder anderen Kommentar begleitet.

Ein wirklich spielenswertes Spiel, das Vergnügen macht, aber auch genug fordert. Meiner Meinung nach sollte man sich darauf einlassen, auch wenn es mehrere Partien braucht, um es zu beherrschen. Hin und wieder aus dem Schrank geholt wird dem Spiel nicht gerecht. Was vielleicht ein Problem darstellt. Denn wer hat schon Zeit, ein Spiel so oft hintereinander zu spielen. Aber wert ist es das allemal. Neom ist nicht schwierig zu spielen, aber durch die 150 verschiedenen Gebäude wird es komplex und die langfristige Strategie, die ständig durch die kurzfristigen Möglichkeiten beeinflusst wird, bringen viel Tiefe ins Spiel.

 

FAZIT

NEOM von Paul Sottosanti, Grafiken von Klemens Franz und Christian Opperer, ist ein Spiel für 1 bis 5 Spieler ab 10 Jahren und ist 2018 bei Lookout Games erschienen. Es ist ein Plättchenlegespiel mit Drafting-System, spielt sich über drei Runden, in denen man jeweils sieben Gebäude in seine Stadt legt. Die Gebäude bringen Waren, mit denen ich weitere Gebäude bauen kann, oder Punkte erhalte, Geld oder weitere Möglichkeiten im Spiel. Bei 150 meist verschiedenen Gebäuden ist die Lernkurve hoch, aber dank der klaren Icons schnell erklärt. Man braucht ein paar Partien, um das Spiel auszureizen, aber die Mühe ist es wert. Ein gelungener Mix aus bekannten Elementen, perfekt zu einem interessanten und fordernden, moderat schwierigen Kennerspiel verbunden.

 

BEWERTUNG

+ tolles Material
+ gelungene Grafik
+ perfekte Mixtur aus bekannten Elementen
+ bis zuletzt spannend
+ keine Wartezeit zwischen den Zügen
+ fordernder Solo-Modus
– man braucht mehrere Partien um die Gebäude kennenzulernen

 

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form wurde.

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kennerspiel” 

  • ... Altergruppe bis 12 Jahre
  • ... Altergruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 bis 75 Jahre
3.8

Neom

Autor: Paul Sottosanti

Grafik: Klemens Franz und Christian Opperer

Verlag: Lookout Games, Vertrieb: ASS Altenburger

Spieleranzahl: 1-5 Spieler

Altersempfehlung Verlag: Ab 10 Jahren

Eigene Altersempfehlung: ab 12 Jahren

Spieldauer: 45 Minuten

Generationentauglich: von 12 bis 70, beim Stadtbau schwierig, den Überblick zu behalten, 150 verschiedene Gebäude erschweren die Planung

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