Smartphone statt Lupe – Ermittlung auf neumodische Art in Chronicles of Crime von Corax Games (Rezension)

Ab wann ist ein Brettspiel ein Brettspiel? Natürlich wenn ein Spielbrett beiliegt, ist doch klar. Aber was, wenn das Spielbrett eigentlich nur Makulatur ist und das eigentliche Spiel im Smartphone stattfindet? Was, wenn das ganze sogar noch mit einer Prise Virtual Reality gewürzt wird? Corax Games nimmt 1 bis 4 Hobby-ErmittlerInnen ab 14 Jahren in Chronicles of Crime mit nach London, wo Scotland Yard auf unsere Mithilfe setzt, um kooperativ spannende Kriminalfälle aufzuklären.

Das Spiel:

Ein kleiner Hinweis vorweg: die Inhalte aller in dieser Rezension verwendeten Bilder wurden zufällig angeordnet und spiegeln keines der Szenarien des Spiels wieder. Sie verraten also nichts über die enthaltenen Fälle und stellen keine Spoiler dar.

Das mitgelieferte Spielmaterial besteht aus diversen Karten unterschiedlichen Formats, die Hinweise, Sondergegenstände, Personen, Orte und forensische Kontakte darstellen. Ein großer Hinweis-Spielplan dient der Übersicht und ermöglicht es im Laufe des Spiels, alle relevanten Informationen strukturiert anzuordnen.

Doch bevor es losgeht, muss man sich auf seinem Smartphone eine App installieren. Denn die ist nicht nur eine nette Dreingabe, sondern zwingend erforderlich, um Chronicles of Crime überhaupt spielen zu können. Im Grundspiel enthält die App insgesamt 6 Szenarien, wobei eines davon einen Übungsfall darstellt, mit dessen Hilfe man sich mit der grundlegenden Spielmechanik vertraut machen kann. Und die ist nicht nur schnell erlernt, sondern macht auch das Studium des ohnehin sehr schlanken Regelwerks nahezu überflüssig.

Einfach alles in diesem Spiel – jede Ortstafel, jede Hinweis- und jede Charakter-Karte – ist mit einem QR-Code versehen. Diesen QR-Code scannt man mit Hilfe seines Smartphones ein, um der App zu sagen, wo man als Ermittler-Team hingehen, mit welcher Person man sprechen oder über was man sich mit einer Person unterhalten möchte. Alles weitere regelt die App. Sie beschreibt das Geschehen, gibt den Verlauf von Dialogen wieder und teilt den ErmittlerInnen mit, welche Ortstafeln, Personen oder Hinweise als nächstes auf dem Hinweis-Spielplan platziert werden sollen. Sie gibt auf Wunsch sogar einen atmosphärischen Soundtrack wieder, bleibt aber ansonsten stumm. Einer der MitspielerInnen muss also auserkoren werden, um die Texte vorzulesen.

Betritt man einen (Tat-) Ort, kann und sollte man sich dort tatsächlich umsehen, in dem man eine Art 360° Panoramabild des Geschehens auf seinem Smartphone betrachtet. Ein besonderer Leckerbissen erwartet BesitzerInnen einer sogenannten VR-Brille. Corax Games bietet eine besonders handliche Version optional zum Kauf an, die ich für meine Szenarien verwendet habe. Diese befestigt man mit einem einfachen Handgriff an seinem Smartphone, hält sich selbiges vor die Augen und betrachtet das Panoramabild fortan in der virtuellen Realität. Durch Bewegungen des Kopfes blickt man sich am Ort des Geschehens um und beschreibt seinen MitspielerInnen, was man sieht. Diese suchen parallel die entsprechenden Hinweiskarten und legen sie zur späteren Analyse bereit. Natürlich darf man in Anbetracht der technischen Einschränkungen keine realitätsgetreue Darstellung erwarten, aber der Effekt ist zweckdienlich und trägt noch ein Stück mehr zur Atmosphäre des Spiels bei.

Jederzeit im Spiel darf man sich der Hilfe einer der vier forensischen Kontakte bedienen. So scannt man beispielsweise den QR-Code der Wissenschaftlerin Lou Chin, um sich ihrer Expertise in Bezug auf einen der ausliegenden Hinweise zu bedienen. Dies macht man – ihr habt es sicher bereits vermutet – indem man den QR-Code eines Hinweises scannt.

Doch nicht jeder Scan ist auch ein Erfolg. Wie es sich für einen anständigen Kriminalfall gehört, gibt es diverse Sackgassen und Finten, die die ErmittlerInnen auf die falsche Fährte führen sollen. Sinnlose Unterhaltungen, Irreführende Hinweise, Personen, die nur zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort anzutreffen sind. Alles was man tut bzw. scannt, kostet Zeit. Und das Spiel bzw. die App macht irgendwann ganz deutlich klar, dass man sich mit der Lösung des Falls gefälligst beeilen sollte. Denn auch ein Misserfolg ist möglich.

Wenn man denkt, genügend Hinweise gesammelt und alle Rätsel gelöst zu haben, begibt man sich zurück zum Hauptquartier um dort eine Reihe von Fragen zu beantworten, die sich durch das Scannen der QR-Codes von Personen, Orten oder Hinweisen beantworten lassen. Am Ende wird unsere Leistung anhand einer Punkteskala bewertet und man kann sich die tatsächliche Auflösung des Falls durchlesen.

Fazit:

Corax Games präsentiert mit Chronicles of Crime einer der bislang gelungensten Verschmelzungen eines Brettspiels mit der digitalen Welt. Die Visualisierung durch die Karten auf und um den Spielplan gepaart mit der intuitiven Bedienung der App bieten ein völlig neuartiges Spielerlebnis. Es müssen keine dicken Regelbücher gewälzt, Würfel geworfen oder Spielfiguren bewegt werden. Man braucht lediglich ein Smartphone und einen möglichst voll geladenen Akku. Der Einstieg ist somit kinderleicht und selbst der höchste Schwierigkeitsgrad ist moderat. Nur die explizite Darstellung und Beschreibung des Geschehens rechtfertigen dann und wann die vom Hersteller angegebenen Altersgrenze.

Doch nicht alles ist Gold, was im Schein des Smartphone-Displays glänzt. Das Scannen von Orten, Personen und Hinweisen fühlt sich sehr mechanisch an und geht so schnell vonstatten, dass man – zumindest gefühlt – mit nichts anderem beschäftigt ist. Gäbe es das von der App nicht näher bezifferte aber doch stets präsente Zeitlimit nicht, wäre man verleitet wahllos Dinge auszuprobieren, bis man das gewünschte Ziel erreicht hat.

Umso wichtiger ist die Interaktion zwischen den SpielerInnen, die einen großen Teil der Spielspaßes ausmacht. Am besten gibt man das Smartphone hin und wieder weiter, so dass man sich abwechselnd der Scan-Orgie hingeben kann und alle anderen besser in die Atmosphäre des Spiels eintauchen können. Wer gerne alleine auf Verbrecherjagd gehen möchte, kann das zwar auch tun, verpasst aber einen wesentlichen Teil dessen, was Chronicles of Crime eigentlich ausmacht.

Die technische Neuerung von Chronicles of Crime stellt somit die größte Stärke und die größte Schwäche des Spiels dar. Wer sich von der monotonen Mechanik nicht abschrecken lässt, bekommt einsteigerfreundliche und sehr kurzweilige Krimikost für den heimischen Küchentisch serviert.

Das Grundspiel liefert 6 Szenarien in drei unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Wem das nicht reicht, der kann über die App bis zu vier zusätzliche Szenarien einzeln käuflich erwerben, die sich alle mit dem Material des Grundspiels spielen lassen. Darüber hinaus sind bereits die Erweiterungen Noir und Willkommen in Redview erhältlich,  die jeweils vier weitere, thematisch vollkommen andersartige Szenarien bieten. Erfreulicherweise hält das Grundspiel bereits Aussparungen für diese beiden Erweiterungen bereit, so dass man alles in einer einzigen Schachtel verstauen kann.

Bewertung:
+ Innovatives Spielkonzept
+ Sehr leichter Einstieg
+ Abwechslungsreiche Fälle
+ Moderater Schwierigkeitsgrad

– Nur mit App spielbar
– Monotone Mechanik

(Eine Rezension von Marco Dirscherl)

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Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kooperative Spiele”

  • ... Altersgruppe 12 bis 49 Jahre
  • ... Altersgruppe 50 bis 75 Jahre
4

Chronicles of Crime (2018)

Spielidee: David Cicurel
Autoren:
Fenriss, Cornélia Rubie, Grzegorz A. Nowak, Pierre Compain, Guillaume Montiage, Mark Ren-Hagen
Grafik: Matijos Gebreselassie
Verlag: Corax Games
Spielerzahl: 1 bis 4
Altersempfehlung Verlag: ab 14 Jahren
Eigene Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Spieldauer: 60 bis 90 Minuten pro Szenario

Über Marco

Film-, TV- und Brettspiel-Junkie. Podcaster aus Leidenschaft.

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