“Ozapft is”, aber keine Stimmung auf dem “Oktoberfest” (Rezension)

Entweder man mag sie oder man mag sie nicht, Volksfeste. Stimmung, Musik, kühles Bier und Attraktionen aller Art. Brezln, Fahrgeschäfte, Zuckerwatte – und vielleicht ein Herz von seinem Gspusi. Irgendwie macht es schon Spaß. Reden wir vom Gegenteil, reden wir vom Oktoberfest. Nein, nicht vom weltgrößten Rummel auf der Wiesn, sondern vom Brettspiel „Oktoberfest“.

Ein abstraktes, bemüht konstruiertes Kartenauktionsspiel, dem das Thema Oktoberfest, Bier und Festzelte mühsam aufgezwungen wird. Dabei geht all die Stimmung verloren, die ein Volksfest transportiert. Und die öde Grafik setzt noch einen oben drauf.

Man ersteigert Karten (Biersorten und Zahlen).Diese legt man in Bierzelte. Die oberste Karte bestimmt die Biermarke. Alle Karten zusammen den Wert dieses Bieres. Man versucht außerdem, Anteile an der jeweiligen Brauerei zu sammeln. Denn bei der Wertung erhält man entsprechend dem Bierwert und seinem Anteil Punkte.

Klingt relativ stimmig. Dass das Geld begrenzt ist und man sich beim Steigern nicht übernehmen sollte, da man sonst sehr schnell kaum noch etwas tun kann, liegt in der Natur von Auktionsspielen. Dass man hier aber sehr schnell komplett aus dem Spiel sein kann, gibt’s eher selten. Dass das Kaufen der Anteile teuer ist und man im Gegenzug kaum planen kann, welches Bier wirklich wertvoll ist, macht das Ganze dann doch sehr glückslastig. Planung unterliegt dem Chaos, gerade ab drei Spielern. Mit fünf ist es Zufall pur. Dabei scheint es, als ob der Mechanismus viel hergibt. Man grübelt, aber nahezu umsonst. Per Zufall gespielt, ergibt sich am Ende ein fast gleiches Bild.

Andererseits ist es für eine „denkfreie“ Partie doch zu aufwändig. Es läuft nicht wirklich rund und übersichtlich ist auch etwas anderes.

Wer abstrakte Kartensammel- und Auktionsspiele mag, findet vielleicht einen gewissen Reiz im Spiel. Allen anderen rate ich ab. Das Material ist freudlos und wohl auch lustlos produziert. Die Farben wirken trist und haben mit dem Trubel auf einem Volksfest gar nichts zu tun. Sogar die Brezen erscheinen verbrannt und wohl schon zu lange rumgelegen zu sein. Wer einen Beweis braucht, findet ihn im Namen der Spieler. Da heißen die Bierlieferanten tatsächlich „Gelb“ und „Lila“ und so weiter. Naja, immerhin sehr praktisch. Aber Spielstimmung ist etwas anderes.

Vielleicht erhofft sich der Verlag mit dem Titel „Oktoberfest“ Käufer zu finden. Leider gewinnt man damit sicher keine neuen Spielerfreunde. Denn weder als interessantes Kartenspiel noch als Partyspiel mit Volksfeststimmung kann es punkten. Und nach zuviel Biergenuss werden die Regeln sowieso zu kompliziert. Wann darf ich welche Karten wohin legen, wieviele Karten darf ich kaufen und was kosten mich die Karten? Und wer wertet jetzt was und wie bekomme ich eigentlich wieder Geld? Ein aufgeblasener Versteigerungs- und Kartensammelmechanismus, der mit einem anderen Thema und mehr Feintuning am Spielfluss durchaus funktionieren hätte können.

Spieltechnisch gesehen kann es ab 10 gespielt werden, wegen des Themas ist es ab Werk empfohlen „ab 14 Jahren“.

Meiner Meinung nach kann man das Spiel getrost beim Fachhändler im Regal liegen lassen. Es ist ebenso erfreulich wie die langen Schlangen vor den Toilettenanlagen beim Oktoberfest. Man hat nichts versäumt, wenn man es nicht gespielt hat. Und das Geld stattdessen in eine Wiesn-Maß investiert ist die bessere Geldanlage – und lustiger.

 

FAZIT

Oktoberfest von Joshua Gerald Balvin, Grafiken von Martin Hoffmann, Claus Stephan und Mirko Suzuki, für 3 – 5 Spieler ab 14, erschienen bei Rio Grande Games 2017, ist ein Auktions- und Kartensammelspiel mit dem Thema Bier liefern in Festzelte am Oktoberfest. Weder der abstrakte Spielmechanismus noch die öde Grafik können dabei etwas von der Oktoberfest-Stimmung transportieren. Wer eine solche Art von Kartenspielen mag, findet hier die ein oder andere neue Idee, im Ganzen aber hätte der Mechanik Feinschliff gut getan.

 

BEWERTUNG

+ erweiteter Auktions- und Kartensammelmechanismus
– abstraktes Kartenspiel ohne Feinschliff
– wenig Spielgefühl-fördernde Grafik
– wenig planbar

 

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form verwendet wurde.

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

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Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Familienspiel” 

 

  • ... Altergruppe 14 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 bis 75 Jahre
1.8

Oktoberfest

Autor: Joshua Gerald Balvin
Grafik: Martin Hoffmann, Claus Stephan, Mirko Suzuki
Verlag: Rio Grande Games
Spieleranzahl: 3-5 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 14 Jahren
Eigene Altersempfehlung: Jederzeit auch ab 10 spielbar
Spieldauer
: 90 Minuten

Generationentauglich
: gleicher Anspruch an alle Altersgruppen, Material gut erkennbar

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