“Ich hol meinen großen Bruder” – in “Der Krieg der Knöpfe” hilft er wirklich (Rezension)

Gut, wenn man einen großen Bruder hat. Da tut man sich als kleiner Bub schon leichter. Und wenn es nur eine Drohung ist „Ich hol meinen großen Bruder …“ – meist wirkt sie und man entkommt so manch bedrohlicher Situation.

Mag es im richtigen Leben nur eine Legende sein, dass solche Sprüche wirken, im Spiel Der Krieg der Knöpfe ist der große Bruder eine handfeste und sehr wichtige Hilfe. Leider hat er nicht immer Zeit und einmal zu Hilfe geholt ist er auch schon wieder weg. Gut, wenn man mehrere Brüder hat.

Und wie brauche ich den großen Bruder? Habe ich einen (entsprechenden Spielmarker), kann ich ihn jederzeit als Würfel einer beliebigen Zahl einsetzen. Das ist oft genug richtig wichtig. Denn in diesem Spiel geht es um Würfeleinsetzen.

Zu Beginn einer Runde wirft jeder Spieler seine acht Würfel. Vielleicht weniger, wenn einer oder mehrere seiner Würfel „nachsitzen“ müssen. Dazu später mehr. Dann werden reihum die Würfel eingesetzt. Dabei kann der Spieler entscheiden, an welchem Ort er sie einsetzt (es gibt den Wald, die Wiese, den Steinbruch, das Dorf und die Schule – und Karten kaufen kann man auch). Wichtig ist dabei, dass jeder Ort bestimmte Einsetzregeln hat. In der Schule kann jedes Feld nur von einem Würfel besetzt werden. Wer zuerst kommt, hat das Feld sicher. Im Dorf ist es egal, denn jeder eingesetzte Würfel verdient sich einen Knopf. Auch bei den Karten gibt es nur ein Feld, wer schnell ist, kauft sich damit wertvolle Karten, die entscheidende Vorteile bringen können. Sie sind aber teuer, denn es reicht nicht ein Würfel, sondern es werden gleich mehrere gleiche Würfel verlangt.

Richtig interessant wird es auf den drei anderen Feldern. Denn hier kann man den Mitspieler noch verdrängen. Erst am Rundenende wird der dort liegende Vorteil an den Spieler, der zuletzt Würfel eingesetzt hat vergeben. Dabei ist wichtig: Verdrängen kann man gelegte Würfel nur, wenn man eine bessere Kombination legt. So schlagen mehr Würfel weniger Würfel, bei gleicher Anzahl die höhere Augenzahl die niedrigere. Man muss immer gleiche Würfel einsetzen, dabei ist es egal, wieviele man setzt. Und – wir denken daran – ein großer Bruder kann jederzeit als ein beliebiger Würfel eingesetzt werden.

Helfen kann beim Einsetzen auch noch der Kauf der weißen, neutralen Würfel. Die sind teuer, aber ergänzen das eigene Würfelset und ermöglichen oft schlagkräftige Kombinationen. Auch die Manipulation der eigenen Würfel ist ganz entscheidend. Und für all das braucht man Knöpfe. Die gibt es für das Einsetzen auf bestimmten Feldern. So haben die drei Orte Leisten vor sich, die bestimmen, wieviele Knöpfe man als Belohnung erhält, wenn man Würfel hier einsetzt. Da kann der erste Einsetzer schon mal 4 Knöpfe bekommen, der zweite nur noch 2, der dritte vielleicht gar keinen Knopf, während der Vierte schon wieder 3 Knöpfe erhält. Diese Leisten sind sowohl fix vorgegeben (für die Einsteiger) aber auch vor dem Spiel aus mehreren Leisten zufällig auswählbar. Das macht jede Partie neu und ist eine sehr gute Idee.

Generell sind diese Leisten richtig tricky. Denn warte ich mit dem Einsetzen, bis die Belohnung wieder höher ist, verpasse ich vielleicht die Möglichkeit, überhaupt einsetzen zu können, denn die Würfelkombination muss jedesmal höher sein als die des Vorgängers. Da gehen im Laufe einer Runde schonmal die Würfel aus. Setze ich zu früh, werde ich sicher wieder verdrängt und der Bonus geht an jemand anderen. Klar kann ich noch einmal zurückschlagen, wenn ich denn die richtigen Würfel habe.

Mit gekauften Karten habe ich wertvolle Möglichkeiten im Spiel. Wichtig ist aber die Kombination aus allen Elementen. Und dass man dem Mitspieler schonmal seine Würfel „nachsitzen“ lässt. Das geht in der Schule, wenn ich den „Petzer“ mache. Wer nämlich von einer bestimmten Würfelaugenzahl die meisten eingesetzt hat am Rundenende, muss einen zu „Nachsitzen“ schicken. Solange der nachsitzt, kann er nicht im Spiel verwendet werden. Kann entscheidend sein!

Außerdem blockiert er unter Umständen einen Bauplatz für die Hütte. Denn um den Bau der Hütte geht es. Hierfür brauche ich sechs Hölzer, die ich auf die freien Bauplätze legen muss. Wer dies als erstes schafft, beendet das Spiel. Ist er der einzige, der das geschafft hat, gewinnt er, sonst wird geschaut, wer den besten Fortschritt gemacht hat. Und nachsitzende Würfel blockieren Bauplätze, sodass ein Spieler vielleicht gar nicht den entscheidenen Holzstab einsetzen kann – genial! Achja, man kann auch Sterne sammeln. Hat man sechs Sterne gesammelt, beendet man auch das Spiel. Wiederum, ist man der einzige, der das in der Runde schafft, hat man gewonnen.

Nun sind Sterne wesentlich schwerer zu erringen als Hölzer. Darum stürzen sich viele auf die Hölzer und das gibt einem vielleicht die Chance, die wenigen Möglichkeiten für sich zu nutzen.

Das Spiel ist ein Wettrennen. Hier hat man wenig Zeit, in Ruhe das Spiel zu genießen, langsam an den Aufbau seiner Hütte zu denken, vielleicht ein paar Sterne zu sammeln. Denn dann ist man schnell hintendran. Man muss schon jeden Zug so anlegen, dass man das Optimun für sich rausholt, oder – manchmal noch wichtiger – dem Mitspieler seinen Zug verhindert.

Den Mitspieler ständig beobachten, ausrechnen, welche Möglichkeiten die anderen mit ihren Würfeln noch haben, ist der Weg zum Sieg. Und das ist spannend und manchmal richtig nervenkitzelnd und durchaus knifflig.

Dieses Würfel-Einsetz-Spiel hat ein schönes Thema (auch wenn es wenig mit dem Film zu tun hat außer der dörflichen Umgebung) aber die verwendeten Begriffe und Orte sind sehr stimmig. Auch wenn das Spiel natürlich sehr abstrakt daherkommt. Aber mit dem nachvollziehbaren Thema wird das Erklären des Spiels deutlich einfacher.

Es spielt sich zügig und man hat wenig Wartezeit zwischen den Zügen. Jeder Spieler setzt Würfel ein und fertig. Das Überlegen, was die anderen machen können, macht man während die anderen spielen. Nur manchmal, wenn man genau planen muss, wer welche Möglichkeiten hat, kann es schon mal dauern. Zugoptimierer sind hier gefürchtete Mitspieler, denn auch wenn man viel denken kann ist das Resultat nicht so dramatisch. Aus dem Bauch heraus gespielt bringt oft auch gute Ergebnisse.

Einen Zug mal nicht optimal gespielt macht eine Partie nicht kaputt, aber oft darf das nicht passieren. Konzentration ist verlangt und das ständige Beobachten der Mitspieler ist wichtig. Nebenbei ein bisschen mitspielen ist nicht sinnvoll.

Das passiert auch kaum, denn das Spiel zieht einen in seinen Bann. Gerade zum Schluss hin wird es richtig spannend und man fiebert jedem Zug entgegen und ärgert sich über die Mitspieler, wenn die einem den „Megazug“ verhindert haben. Wer zu früh zurückfällt, spielt nicht mehr mit um den Sieg, kann aber schon mal als Königsmacher auftreten. Das ist schade, gerade wenn sich zwei Spieler gegen den führenden Spieler vereinen lacht meist der dritte. Das passiert in diesem Spiel öfter, denn kurz vor Ende ist klar, wer tatsächlich noch um den Spielsieg mitspielt und wer einfach keine Chancen mehr hat.

Eine langfristige Strategie hat wenig Sinn, man muss jeden Zug so annehmen, wie er kommt. Dass man eine Runde planen muss, wann ich wie welche Würfel einsetze ist klar.

Es ist ein Würfelspiel und ein gewisser Glücksfaktor ist dabei, auch wenn er durch den geschickten Einsetzmechanismus nicht besonders ins Gewicht fällt.

Das Material ist hervorragend, die Grafiken ansehnlich und spielanregend und unterstützen den Spielablauf. In der Schachtel ist alles gut verpackt und das Spiel ist schnell auf dem Tisch und auch wieder schnell weggepackt. Und wegpacken ist gar nicht so notwendig, denn man hängt gern eine zweite und dritte Partie an.

Man ist schnell im Spiel, die Lernphase ist etwas länger, da man die einzelnen Orte zuerst kennenlernen muss. Außerdem ergeben die unterschiedlichen Bonus-Plättchen und die Karten immer wieder Erklärungsbedarf. Auch wenn die Icons gut sind, ist manch Blick in das Regelheft notwendig. Nach zwei oder drei Partien läuft es aber rund.

Trotz des Themas ist es kein Kinderspiel. Die Empfehlung ab 10 ist sinnvoll, um nicht mit den vielen Karten- und Bonusplättchen überfordert zu werden, bedarf es aber schon Spielerfahrung. Die Altersangabe bezieht sich nur auf das Familienspiel, das ohne die Karten auskommt. Für das vollständige Spiel würde ich ab 12 Jahren empfehlen.

Für 2 bis 4 Spieler geeignet wird es richtig spannend und interaktiv bei voller Spielerzahl.

 

FAZIT

Der Krieg der Knöpfe von Andreas Steding, Grafik von Harald Lieske, ist ein schön gestaltetes Würfel-Einsetz-Spiel mit einfacher Spielmechanik für 2 bis 4 Spieler ab 12 Jahren (Familienspiel-Variante ab 10), erschienen 2018 im Blackfire-Verlag. Das Einsetzen der Würfel hat seinen Reiz und macht richtig Spaß. Immer ein Auge auf die Mitspieler, dabei seine eigenen Würfel möglichst optimal einsetzen, das ist in diesem Wettrennen um den Hüttenbau bzw. das Sternesammeln Voraussetzung zum Sieg. Jede Partie spielt sich anders, denn die Knöpfeleisten, die Bonusplättchen und die Karten sind zufällig verteilt. Der Spielspaß ist hoch, man ist gefordert im Spiel, aber nur bei Zugoptimieren werden die Gehirnzellen heiß. Das Spiel vergeht schnell, die Stunde Spielzeit fühlt sich deutlich kürzer an und man spielt gern eine zweite Partie. Einzig die Tatsache, dass man kurz vor Schluss schon weiß, wer noch um den Sieg mitkämpft und wer bereits raus ist, ist ein Nachteil, denn es zieht das „Königsmacher“-Problem mit sich, wenn Spieler, die bereits verloren haben, die Spielentscheidung beeinflussen können.

Es ist einer der besseren Vertreter der Würfeleinsetzspiele, wenn das Spiel auch durchaus etwas gehobeneres Niveau hat.Der Titel mag verleiten, es als “Kinderspiel” abzutun, ist es aber wirklich nicht. Für erfahrene Familien mit Kids ab 12 gut spielbar und spannend für alle Beteiligten, auch für jüngere Großeltern mit Spieleerfahrung sehr gut mitspielbar. Aber auch „Experten“ können sich die ein oder andere Runde gönnen und erleben sicher eine leichte und trotzdem interessante Partie. Wer es knackig will, kann mit ein paar Hausregeln das Spiel wirklich extrem verschärfen. Lässt man nämlich die Beschränkungen weg, dass immer nur ein Würfel gekauft werden darf und nur ein Würfel manipuliert werden darf, der erlebt eine ganz andere Dramatik im Spiel.

Meiner Meinung nach ist Der Krieg der Knöpfe ein Spiel, das man mal gespielt haben sollte. Ob man es in die eigene Spielesammlung aufnehmen will, sollte jeder selbst entscheiden. Verkehrt macht man damit sicher nichts.

 

BEWERTUNG

gutes Material, schöne Grafik
+ einfache Spielmechanik
+ viel Varianz im Spiel
+ einfache Familienversion (ab 10 Jahren) mit dabei
– Königsmacher-Problem
– etwas längere Lernphase durch verschiedene Karten und Bonus-Plättchen

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form wurde.

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Familienspiel”

  • ... Altergruppe (ab 10) bis 12 Jahre
  • ... Altergruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 bis 75 Jahre
4.2

Der Krieg der Knöpfe

Autor: Andreas Steding
Grafik: Harald Lieske
Verlag: ADC BlackFire Entertainment GmbH

Spieleranzahl: 2-4 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 10 Jahren (nur Familienspiel)
Eigene Altersempfehlung: Ab 12 Jahren (eigentliches Spiel)

Spieldauer: 60 Minuten

Generationentauglich: von 12 bis 70 mit gleichem Anspruch spielbar. Karten, Bonusplättchen sowie viele unterschiedliche Einsetzfelder bedürfen Spielerfahrung.

Kommentare sind geschlossen.