Gemüseanbau auf Island – bei „Reykholt“ geht der grüne Daumen hoch (Rezension)

Manchmal kann man von Spielen auch was lernen. Ich wusste über Island bis jetzt nur, dass es dort kalt und meist dunkel ist, Geysire und Vulkane mit unaussprechlichen Namen gibt und unzählige Schafe. Dass dort auch Gemüse angebaut im großen Stil wird, war mir nicht bekannt. Dank der Geothermie wächst und gedeiht dort allerlei gesundes Grün. Hätte der Uwe Rosenberg nicht „Reykholt“ gemacht, dann wäre mir diese interessante Information entgangen.

Na gut, ob diese Information jetzt so interessant ist, kann ich nicht sagen, dass das Spiel interessant ist aber schon. In „Reykholt“ bauen wir Gemüse an. Fünf verschiedene Sorten wachsen und gedeihen in unseren Gewächshäusern, wobei nicht in jedem Gewächshaus alles wächst (wie bei mir im Garten). In den großen wachsen nur die „billigen“ Sorten. In den kleinen gedeiht jedes Gemüse. Angepflanzt wird ein Feld und die anderen füllen sich automatisch.

Das ist die Grundlage im Spiel. Ansonsten ist es ein Arbeiter-Einsetz-Spiel mit 24 Aktionsfeldern (bei 4 Spielern), die erst einmal gelernt werden wollen. Zum Glück sind sie nicht so schwierig. Ich bekomme ein paar Tomaten oder Pilze, ich kann mir ein Gewächshaus nehmen, ich kann aussähen oder ernten und so weiter.

Mir stehen zu Beginn der Runde drei Arbeiter zur Verfügung, die ich auf die Aktionsfelder verteilen darf. Natürlich stehen mir die Mitspieler mit ihren Arbeiten stets im Weg, denn auf jedes Feld darf nur ein Arbeiter. Das ist es schon mal gut, Startspieler zu sein.

Aber wozu pflanze ich das ganze Zeugs an? Am Ende einer Runde kann ich auf einer Leiste vorwärts schreiten, dafür muss ich aber für jedes Feld eine bestimmte Anzahl an Gemüse abgeben. Je mehr ich also angebaut und geerntet habe, desto weiter kann ich ziehen. Wer zuletzt ganz vorne ist, hat gewonnen.

 

Da ich sehe, wann welche Anzahl gefordert wird, kann ich mit dem Anbau ziemlich gut planen. Ganz genial ist bei dieser Leiste, dass ich ein Feld betreten darf, ohne Waren abgeben zu müssen, dafür bekomme ich sogar die aufgedruckte Ware. Das ist so tricky, denn ich kann die erhaltene Ware dann wieder abgeben, um ein anderes Feld betreten zu können – im selben Zug. Wer das richtig kombiniert, macht richtig große Sätze und enteilt den Mitspielern.

Zusätzlich gibt es Karten im Spiel, die ich erwerben kann und die mir ab sofort Vergünstigungen zur Verfügung stellen. Sehr gut gelöst ist, dass auch einer meiner benachbarten Mitspieler diese Karte mit nutzen kann. Diese Karten gibt es in verschiedenen Sets, von denen jedes Set seine eigene Dynamik hat. Sogar die richtig komplexen Möglichkeiten ergeben sich durch die Karten, die für Einsteiger noch mit einem großen „STOPP“ versehen sind. Die sollten wirklich erst nach drei, vier Partien ausgepackt werden.

„Reykholt“ ist ein Spiel, das Planung verlangt. Wann brauche ich welches Gemüse, wann muss ich es anbauen und wann muss ich extra ernten, um genug zusammen zu haben, welches Gewächshaus brauche ich, welche Karte bringt die richtige Verbesserung. Da kann man locker spielen, wird aber nicht wirklich vorwärts kommen. Zugoptimierer hingegen haben hier eine Wohlfühloase, da gedeihen die Gedanken und die Zeit verrinnt für die Mitspieler. Also Vorsicht, gerade mit vier Grüblern am Tisch hat man manchmal das Gefühl, das Gemüse wächst in den Häusern in Echtzeit.

Das Material ist vorbildlich, gerade die fünf Körbe für das Aufbewahren der Körbe sind echte Hinkucker, die Grafik ist frisch und vermittelt das richtige Spielgefühl. Abstriche mache ich beim Hofbewirtschafter, der Figur, die auf der Leiste vorwärts zieht. Sieht aus wie eine Flasche (Vorsicht vor bösen Sprüchen am Tisch, wenn die „Flasche“ vorwärts zieht!), die außerdem schon mal leicht umfällt (Wohl zuviel getrunken! Haha!). Wir haben nach einer Partie einen standfesteren Ersatz gefunden. Zudem sind die Texte etwas klein geraten und – wie immer bei so einem Spiel – sie sind für manche Spieler nicht gut zu lesen, zu klein, zu weit weg oder auf dem Kopf stehend. Das macht das Spiel etwas mühsam zu spielen, aber nach ein paar Runden hat man auch die Icons verinnerlicht und kann problemlos spielen.

Das Spiel ist spannend, denn auch in der letzten Runde kann man – geschickt geplant – noch einen großen Sprung machen. Und wer von hinten kommt und mit dem Führenden gleich zieht, der ist automatisch vorn. Dass man vor allem allein spielt und plant, liegt in der Natur der Sache. Nur die Auswahlfelder macht man sich gegenseitig streitig.

Verplant man sich beim Anbau, kann das schon mal eine oder zwei Runden kosten und damit auch das Spiel. Fehler sollte man also vermeiden, was bedeutet, man muss seine Pläne entwickeln und gut durchplanen. Also kein Spiel zum Entspannen. Für Kennerspieler aber ein gefundenes Fressen. Puzzle lösen, Strategie entwickeln, Feinschliff, taktisches Reagieren – Eintauchen in die Geschichte. Genauso muss ein Spiel sein, in das man sich hineinsteigert. Ohne Grübler vergeht die Zeit wie im Flug und man weiß hinterher genau, was man besser machen möchte.

Ein fordernder Solo-Modus ergänzt das Spiel und ein Story-Modus, der richtig viel Laune macht. Rundum ein gelungenes Kennerspiel mit toller Grafik, schönem Material und angenehmer Spieltiefe. Für Gelegenheitsspieler schon eine Herausforderung, aber mit etwas Konzentration zu meistern.

 

FAZIT

Reykholt von Uwe Rosenberg, wunderbar illustriert von Klemens Franz und Lukas Siegmon, für 1-4 Spieler ab 12 Jahren, erschienen 2018 bei Frosted Games, ist ein Arbeiter-Einsetz-Spiel, bei dem Gemüse angebaut und geerntet wird, um die Anforderungen jeweils am Rundenende zu erfüllen, die uns auf der Leiste nach vorne bringen. Wer zuletzt ganz vorne ist, gewinnt. Ein Kennerspiel mit PuzzleCharakter, bei dem jeder Spieler für sich plant und grübelt. Spieler kommen sich nur auf den Aktionsfeldern in die Quere. Spannend bis zuletzt, grafisch und materialtechnisch vorbildlich. Gerade zu zweit zeigt es seine Stärke, mit mehreren Personen wird die Wartezeit schonmal etwas länger. Perfekt ist der Solo- sowie der Story-Modus, der ein ganz neues Spielgefühl vermittelt. Und endlich mal wieder kein Tetris-Spiel von Rosenberg.

Meiner Meinung nach kommt Reykholt zwar nicht ganz an die Klasse von „Vor den Toren von Loyang“ heran, bei dem es auch um Gemüseanbau geht (was für mich immer noch eines der besten Solo- und Zweierspiel ist), aber es ist ein tolles Highlight für jedes (Kenner-)Spielregal. Das darf gern oft auf den Tisch.

 

BEWERTUNG

+ Kennerspiel mit mittlerem Anspruch
+ toll illustriert mit schönem Material
+ sehr viel Variation im Spiel
+ gelungener Story-Modus
+ fordernder Solo-Modus
– Figur auf der Leiste zu wackelig
– jeder spielt für sich

 

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form wurde.

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kennerspiel” 

 

  • ... Altergruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 bis 75 Jahre
4.8

Reykholt

Autor: Uwe Rosenberg

Grafik: Klemens Franz und Lukas Siegmon

Verlag: Frosted Games

Spieleranzahl: 1-4 Spieler

Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren

Spieldauer: 60 Minuten

Generationentauglich: von 12 bis 70 gleich fordernd, Übersicht geht schnell verloren mit den 24 Aktionsfeldern und der kleinen Schrift

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