Ein Paradies für Kenner(spieler) – “Vanuatu” lädt ein, aber nicht zum Entspannen (Rezension)

Vanuatu – feine Sandstrände, azurblaues Meer, Kokospalmen – diese Idylle liegt 1750 km östlich von Australien und ist sowohl ein Traum als auch ein Alptraum – in doppelter Hinsicht. Geografisch ungünstig gelegen, denn Erdbeben, Tzunamis und Wirbelstürme lieben diese Insel genauso wie Touristen. Für Kenner-Spieler ein wahres Paradies mit wirklich knackigem Spielablauf und keineswegs „Longdrink-Entspannung-am Strand“-Feeling.

Der Spielplan stimmt einen auf die Südsee ein. Das wirklich tolle Material lädt sofort zum Spielen ein und vermittelt so einen Hauch Südsee. Das Spiel dreht sich darum, auf dem Archipel von Vanuatu reich und berühmt zu werden. Fischfang und Suche nach versunkenen Schätzen gibt uns das nötige Geld, um andere Dinge zu machen wie Hütten auf Inseln zu bauen, die dann Touristen besuchen können, Waren zu verschiffen oder die berühmten Sandgemälde anzufertigen.

Über acht Spielrunden decken wir zwei neue Archipelplättchen auf, setzen unsere Aktionssteine ein und arbeiten dann die Aktionen ab, um am Ende die meisten Wohlstandpunkte angehäuft zu haben.

Die Runde ist einfach, schnell verinnerlicht und ergibt einen sehr flüssigen Spielablauf. Die Regeln sind ausführlich und lassen kaum Fragen offen. Die Schrift hätte etwas größer sein können, aber dafür sind viele gute Beispiele abgebildet.

An Aktionsmöglichkeiten gibt es Segeln, Hütten auf Inseln bauen, fischen, Fisch verkaufen, versunkene Schätze heben, Sandgemälde zeichnen, Touristen befördern oder Ausspannen. Auch nicht wirklich anspruchsvoll. Das Spiel bietet außerdem Charakterkarten, die man zum Rundenbeginn wählen kann. Diese geben einem in der Runde leichte Vorteile. Das Spiel wird etwas knackiger ohne diese Karten.

So, und warum ist das Spiel jetzt ein Paradies für Kennerspieler? Weil der Einsetz-Mechanismus so genial wie knifflig ist und echt fordernd. Es lässt den Spieler eigentlich keine Zeit zum Verschnaufen und faul am Strand herumzuliegen. Ständig muss man auf der Hut sein vor den „bösen“ Mitspielern, die bewusst oder unbewusst die eigene mühsam erstellte Strategie zunichte machen.

Das Spiel vergibt wenig. Fehler bei der Aktionswahl werden hart bestraft. Es gibt Runden, in denen kann man keine einzige Aktion ausführen. Und das ist wirklich heftig. Am Anfang ist das alles noch relativ harmlos, aber die letzten beiden Runden haben es in sich. Und dass die letzte Runde schonmal so lange dauern kann wie das ganze Spiel davor, das sei hier auch gleich mal erwähnt. Grübler am Tisch bekommen heiße Köpfe, bei den anderen Spielern qualmen dann schon mal die Sicherungen.

Aber mal genauer. Jeder Spieler hat fünf Aktionssteine. Der Startspieler beginnt und setzt zwei seiner Steine auf ein oder zwei Aktionsfelder. Das macht dann jeder Spieler im Uhrzeigersinn. Anschließend kommt eine zweite Einsetzrunde, wieder setzt jeder Spieler zwei seiner Steine ein. Schließlich folgt die letzte Einsetzrunde, in der der verbliebene fünfte Stein eingesetzt wird.

Soweit alles gut. Jetzt folgt die Aktionsphase. Wieder beginnend beim Startspieler und dann im Uhrzeigersinn reihum, bis alle Aktionssteine vom Feld genommen wurden, darf jeder eine Aktion ausführen und dabei alle Steine von dem Feld entfernen. Aber nur solche Aktionen sind möglich, auf dessen Feld er die Mehrheit an Aktionssteinen hat. Gleichstand wird entschieden durch die Speilreihenfolge. Da ich eine Aktion machen muss, ich kann nicht passen, kann es vorkommen, dass ich zum Beispiel nicht fischen kann, weil jemand anderer hier die Mehrheit hat, ich aber jetzt im Augenblick die Mehrheit beim Verkaufen habe. Aber da ich noch nicht gefischt habe, kann ich auch nichts verkaufen. Also verfällt diese Aktion, sollte sie die einzige sein, die ich gerade ausführen kann. Warten, aussetzen, geht nicht. Habe ich auf keinem Feld die Mehrheit, muss ich von einem Aktionsfeld alle meine Steine unverrichteter Dinge zurückholen.

Ich muss also sorgfältig planen, ob ich Aktionen ausführen kann, wann ich sie vielleicht ausführen kann und ob ich einem Mitspieler dessen Planung zerstören kann. Wow! Heftig! Kein Zuckerschlecken und Sonnenbaden schon gar nicht.

Zu zweit eher kein Problem. Mit mehr Spielern (man kann bis zu fünft spielen) aber wird’s knackig. Hier liegt aber auch der Reiz des Spiels. Darum ein Kennerspiel. Kennerspieler wollen das, sie brauchen das. Es ist so einfach wie genial, so unverbraucht und flüssig zu spielen und doch so heftig in der Auswirkung. Was für ein Spaß. Aber nicht für jeden Spieler. Gelegenheitsspieler werden schnell den Spaß am Spiel verlieren, wenn eine Aktion nach der anderen nicht genutzt werden können.

Eine zweite richtige fiese Falle im Spiel ist das zur Verfügung stehende Geld. Sobald man 10 oder mehr Geldeinheiten besitzt, werden 10 davon sofort in Wohlstandspunkte umgewandelt. Eine Rückwandlung gibt es nicht. Mache ich also zuviel Geld, wird das umgewandelt und ich kann anschließend die Hütte nicht mehr bauen, weil das Geld fehlt. Nicht unbedingt logisch aber genial. Wie einfach und doch richtig heftig, was man dabei alles bedenken muss. Denn geht das Geld aus, setzt man sich selbst schnell ins Abseits.

Spannend bleibt das Spiel bis zuletzt, gerade in den letzten Runden können noch die dicken Punkte gemacht oder eben auch nicht gemacht werden. Die Ergebnisse sind auch oft sehr eng zusammen, was für spannende Spiele sorgt.

Für mich ein Geheimfavorit im Spieleregal, das nur wegen potentieller Grübel-Gefahr nicht oft auf den Tisch kommt. Ein echter Schatz unter den Kennerspielen, in der zweiten Auflage mit der sehr spannenden Erweiterung „Ansteigender Meeresspiegel“ – die die globale Erderwärmung thematisiert und das Spiel nochmal mit ein paar kniffligen Dingen erweitert und noch eine Spur heller scheinen lässt.

 

FAZIT

Vanuatu von Alain Epron, Grafiken von Konstantin Vohwinkel, für 2-5 Spieler ab 12, erschienen in zweiter Auflage 2016 bei Quined Games, ist ein Kennerspiel mit einem interessanten und fordernden Einsetzmechanismus. Während das tolle Spielmaterial Südsee-Flair verbreitet, ist das Spiel selbst ein Paradies für Kennerspieler. Viel Planung ist nötig, um seine Aktionen in der richtigen Reihenfolge ausführen zu können. Und diese Planung machen die Mitspieler gerne mal (auch unbeabsichtigt) zunichte. Hier immer den Plan B, vielleicht einen Plan C zu haben ist eigentlich notwendig. Ein richtig spannendes und kniffliges Spiel. Spektakulär, was aus einem simplen Spielablauf herausgeholt wird.

Für mich eine absolute Empfehlung, das Spiel sollte jeder Kennerspieler mal gespielt haben. Wer zuviele Grübler kennt, wird weniger Freude daran haben, auch zu zweit ist es zu harmlos. Perfekt für vier, wer es noch dramatischer will spielt zu fünft.

 

BEWERTUNG

+ simpler Spielablauf mit deutlicher Spieltiefe
+ tolles Material, tolle Grafik
+ knackige Entscheidungen
+ sehr gute Erweiterung inklusive
– zu zweit zu harmlos
– manches Material sehr klein
+/- Vorsicht beim Spiel mit Zugoptimierern

 

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form verwendet wurde.

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kennerspiel”

  • ... Altergruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 bis 75 Jahre
4.8

Vanuatu

Autor: Alain Epron
Grafik: Konstantin Vohwinkel
Verlag: Quined Games
Spieleranzahl: 2-5 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren
Spieldauer: 90 Minuten

Generationentauglich: Kennerspiel für alle Altersgruppen geeignet, Material teilweise sehr klein, Übersicht bleibt auch zu fünft erhalten.

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