Denken und mogeln – gelingt die Mischung zweier Spielsysteme in “Der Vetternkrieg”? (Rezension)

Die liebe Verwandtschaft. Kaum ist man verblichen, geht der Streit ums Erbe los. Und dabei geht’s nur um einen Stuhl! Ok, der Stuhl ist zufällig der Thron von England, aber dafür so eine Rauferei zu inszenieren? Naja, die Briten eben. Heute wie damals ein bisschen eigen. Damals ist im 15. Jahrhundert und die beiden Familien, deren von York und Lancaster, versuchen ihren Einfluss in England zu erhöhen, um schließlich die Herrschaft an sich reißen zu können.

Bekannt ist diese Rauferei als der Rosenkrieg, aber da der Name bereits für ein anderes Spiel vergeben ist, hat Frosted Games auf den historischen Namen zurückgegriffen und das Spiel als „Der Vetternkrieg“ herausgebracht.

Hier streiten wir uns – so sollte jeder Krieg ausgetragen werden – mit Karten, Würfel und einem gehörigen Poker-Element als Zugabe.

Über mehrere Runden kämpfen wir auf jeweils einem durch die Spieler bestimmten Schlachtfeld, gleichzeitig aber bemühen wir uns, Regionen unter unsere Kontrolle zu bringen. Wer am Ende des Spiels zwei der drei Regionen beherrscht oder zu irgendeinem Zeitpunkt alle drei, hat gewonnen.

Gespielt wird zunächst mit Karten. Und das ist wirklich klasse. Ich habe am Rundenanfang sechs Karten und die spiele ich nacheinander aus. Die Karten geben mir Möglichkeiten, meine Armeen zu positionieren und viele weitere taktische Dinge zu tun. Tricky ist, dass die Karten aber auch dem Gegner Möglichkeiten geben. Aber immer nur in speziellen Runden. Das muss man beachten. Denn die Vorteile, die man damit dem Mitspieler gibt, sind nicht unerheblich.

Die Reihenfolge, in der ich die Karten spiele, ist ein ganz erheblicher Punkt und zeigt, warum das Spiel ein Kennerspiel ist. Erfahrene Spieler, auch Familien, können aber auch problemlos mitmischen. Nach dem wirklich guten taktischen Geplänkel mit den Karten kommt ein ganz anderer Mechanismus: Würfel!

Jetzt wird das Schlachtfeld ausgewertet. Hier stehen sich eine bestimmte Anzahl an Armeen (Holzwürfel) gegenüber. Der Kampf wie so ausgetragen: Der Angreifer wirft drei Würfel geheim, sagt dann das Ergebnis an, wahr oder unwahr ist zunächst egal. Der Gegner nun kann das Ergebnis akzeptieren oder anzweifeln. Akzeptiert er es, legt der Angreifer seine Würfel unbesehen weg, sonst muss er zeigen. Er kann mit einer Karte noch das Ergebnis manipulieren, um auf seine Ansage zu kommen. Stimmt das Ergebnis, gut für den Angreifer, wenn nicht, schlecht. Der Verlierer der Würfel-Pokerei verliert auf alle Fälle eine Armee vom Schlachtfeld. Das geht solange abwechselnd weiter, bis nur noch ein Spieler Armeen auf dem Schlachtfeld hat. Der hat gewonnen und die nächste Spielrunde startet.

Wer Würfel- und Mogelspiele mag, ist in seinem Element. Dem stört vermutlich das trickreiche Kartenspiel zu Beginn der Runde. Wer taktische Finesse mit den Karten mag, den stört das Würfelspiel. Irgendwie eine unausgewogene Mischung, die da zusammengebaut wurde. Zwei Elemente, die irgendwie gar nicht zusammenpassen wollen.

Was man aber sagen kann, es spielt sich schnell und durchaus spannend. Der Streit um England ist eine Mischung zweier sehr unterschiedlicher Mechanismen, die einen spannenden Spielablauf erzeugen. Abstrakt aber flüssig.

In meinen Spielrunden konnte aber keiner so richtig warm werden mit den zwei Elementen. Entweder knifflige Taktik oder Pokerface, aber beides gemischt ging nicht wirklich auf.

Die Anleitung ist kurz und gut, das Material ist entsprechend. Die Karten sind übersichtlich, die Würfel zwar sehr klein, dafür aber auch für den Würfelteil ideal geeignet.

 

FAZIT

Der Vetternkrieg von David J. Mortimer, Grafiken von Klemens Franz, für 2 Spieler ab 12 erschien 2018 bei Frosted Games und ist eine Kombination aus taktischem Kartenspiel und Würfel-Pokern, um Mehrheiten in Gebieten zu schaffen. In 30 Minuten werden den zwei Mitspielern sowohl Denkarbeit bei der Kartenauswahl als auch viel Pokergeschick abverlangt, um zum Ziel zu kommen. Leichte Regeln, trickreiches Karten- und glückslastiges Würfelspiel vereinen sich zu einem spannenden abstrakten Spiel, das man mögen muss, denn die Kombination ist interessant, aber nicht jedermanns Sache.

Meine Empfehlung: Ausprobieren. Denn in dieser kleinen Schachtel steckt viel „Spiel“.

 

BEWERTUNG

+ flotter und spannender Spielablauf
+ trickreiches Kartenspiel
+ für die kleine Schachtel sehr gutes Material
– Mischung aus taktischem Kartenspiel und Pokern/Mogeln gewöhnungsbedürftig

 

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form wurde.

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

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Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kennerspiel” 

  • ... Altergruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50. bis 75 Jahre
3.5

Der Vetternkrieg

Autor: David J. Mortimer
Grafik: Klemens Franz
Verlag: Frosted Games
Spieleranzahl: 2 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren
Spieldauer: 30 Minuten

Generationentauglich: Verdecktes Würfeln mit den drei Würfel ist schon eine Herausforderung, das Material ist klein, um in die handliche Hosentaschen-Schachtel zu passen.

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