Aus dem Leben einer Rollenspielgruppe Cthulhu Teil 1 – für Horrorfans

Rollenspiele rezensieren? Schwer bis unmöglich. Denn entweder muss man das Meiste verschweigen – da man den LeserInnen sonst spoilert oder aber man raubt potentiellen SpielerInnen den Spielespaß, da sie zu viel über etwaige Geheimnisse erfahren. Also rezensieren wir Rollenspiele nicht. Sondern wir schreiben Geschichten. Geschichten, die in keinem der Bücher stehen und doch die Seele des jeweiligen Rollenspiels erahnen lassen.

Niemals hätte er es betrachten sollen!
Doktor Charles Buckingham spürte jeden einzelnen Schlag der Trommeln, ganz als würden sie
direkt auf seine Seele treffen. Der ehrwürdige Professor für Archäologie und vergleichende
Völkerkunde floh. Er hörte nicht mehr, wie die Glaseinlage seiner Bürotür hinter ihm zersprang.
Ebenso wenig vernahm er das Kreischen der jungen Sekretärin als er an ihr vorüber hetzte. Selbst
das Hämmern seines eigenen Herzens trat hinter dem Donner der ihn umringte furchtvoll in den
Hintergrund. Der allgegenwärtige Geruch vermodernder Dschungelblüten legte sich ihm schwer
und schwerer wie ein würgendes Tuch um den Hals. Nebeldünste schoben sich wie zahllose
suchende Finger in jeden Winkel seines Anzugs, und griffen nach seiner klammen Haut.
Etwas summte, dumpf und schwer, und der wimmernde Klang rief für einen abscheulichen
Augenblick wieder hervor, was Charles so mühsam unter geistigen Therapien,
Schockbehandlungen und soviel Laudanum begraben hatte. Das Bild, dessen er in früheren, so
naiven Tagen gewahr geworden war, und das ihn seitdem wie sein eigener Schatten verfolgte. Nun
sah er es wieder vor sich, so deutlich als müsse er nur vom Wahnsinn geführt die Hand ausstrecken
um die schleimig glänzende Oberfläche zu berühren. Das Abbild, nur ein Abbild. Das hatten ihm
all die Therapeuten und Seelenärzte erklären wollen. Dabei verstand keiner von ihnen, dass Doktor
Charles Buckingham sehr wohl begriff, dass es sich nur um ein Faksimily handelte. Keiner von
ihnen begriff, dass genau darin die Crux begraben lag.


Das grünlich schimmernde Felsgestein lag nun genau vor ihm, roh und glänzend wie an dem Tag,
an dem ein irrsinniger frühmenschlicher Künstler den Felsen einst geformt hatte.
Der hochgewölbte Schädel des bestialischen Ungetümes türmte sich über den mächtigen Krallen
auf, die sich anschickten den Stein selbst auseinander zu reißen. Über dem, wo ein der Panik naher
Verstand den gähnenden Schlund vermutete, wucherten oktopodenhafte Tentakel, gleich einem
alles verschlingenden Wald aus Meerestang.
Doktor Buckingham schob mit beiden Händen die Pflanzen auseinander, grub sich förmlich durch
das ihn eng und enger umschlingende Kraut. Es mochten nur wenige Monate zurückliegen, doch
die ungeheure Wucht der Erkenntnis hatte selbst die Zeit in die Länge getrieben.
Selbst wenn es sich nur um ein Abbild gehandelt hatte, das ihm unter die Augen gekommen war,
und dessen er sich nun nicht mehr entledigen konnte. Das bedeutete folglich, dass etwas existierte,
das auf diese Art und Weise abgebildet wurde. Und auch wenn er sich mit allen Kräften seiner
Seele abmühte, sich der Meinung seiner Kollegen von einer vorzeitlich primitiven
Teufelsdarstellung anzuschließen, er kannte die Wahrheit. Die scheußliche Gewissheit, die seither
an seinem Selbst nagte, und seinem Verstand keinen Augenblick der Ruhe mehr gönnte. Denn er
hatte in die Augen des Abbildes geblickt, als die Trommeln geschlagen wurden. Die Eingeborenen
taten dies nur, hatten sie gesagt, wenn die Sterne günstig standen. Als der Weg nahe daran war sich
zu öffnen, hatte Doktor Buckingham hineingeblickt und begriffen, dass das was Abgebildet war,
nicht mehr als einen Schatten des gesamten, überwältigenden Schreckens darstellte. Und wenn das
Abbild schon über solch seelenzerfetzende Macht verfügte, wie unvorstellbar könnte auch nur ein
Funken des schaudervollen Vorbildes sein?


Drosselnd legte sich die Ranke um seinen Hals, zerrte an ihm und presste ihm das Leben aus. Er
mochte dafür in die Höllentiefen einfahren, doch wollte er frohen Mutes die Verdammnis gehen,
wenn die Alternative bedeutete in einer Welt zu existieren, die in Wahrheit solchen Monstren
gehörte. Doch was wenn selbst die Hölle ihm nicht vergönnt war? Was, wenn alles was blieb war
dem Untier anheim zu fallen, auf die eine oder andere Weise, ohne Ausweg, ohne Gnade?
Was an ihm fleischlich war blieb zurück, und Schimmer umfing den Rest.
Der rasch herbeigerufenen Polizei blieb nur noch den Tod des Doktors festzustellen. Auch die Hilfe
aus der medizinischen Fakultät kam zu spät. Es blieb ein Rätsel wie genau er es angestellt hatte,
sich mit Hilfe der Museumspflanzen zu erhängen. Keine der Ranken hätte sein Gewicht tragen
dürfen. Dennoch blieb er verschieden, und in Ermangelung von genügend Personal musste selbst
der interessierte Inspektor den Fall bald zu den Akten geben.
Daher nahm niemand Notiz von dem stummen Schrei auf der erstarrten Miene des Doktors, und
dem zufriedenen Glanz auf den randlosen Augen des neu ausgestellten Dschungelgötzen.

 

Fortsetzung gewünscht?

(Eine Story von Ulrich Reimer)

(Fotos abfotografiert aus: Cthulhu 7, Pegasus)

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