Am Hof ist nicht alles Gold was glänzt – “Tudor” ist optisch ein Gewinn (Rezension)

Heinrich der 8. Tudor (englisch Henry Tudor), der Namensgeber des vorliegenden Spiels, lebte von 1491 bis 1547 und war von 1509 bis zu seinem Tod König von England. Warum er uns in Erinnerung ist, liegt wohl daran, dass er im Laufe seines Lebens sechs Frauen hatte, nacheinander. Dass er selbst mithalf, zwei davon um die Ecke zu bringen (sprich: einen Kopf kürzer), lässt ihn anscheinend in der Geschichte etwas mehr schillern als die vielen anderen königlichen Herrschaften. Weil der Papst eine seiner Ehen nicht annullieren wollte, sagte er sich kurzentschlossen von der katholischen Kirche los und gründete die anglikanische Staatskirche.

<Oberlehrermodus aus>

Mit dem Spiel hat das aber wenig zu tun, nur sein Nachname dient als Aufhänger. Außerdem geht es um das Leben am Hofe. Und – wie man optisch am Spielmaterial erkennen kann – um Schmuck. Ringe, genauer gesagt. Nicht den einen Ring, das ist eine andere Geschichte. Aber auch bei Tudor haben die Ringe Macht und ermöglichen uns – je nach Farbe – gewisse Aktionen.

Die Spieler verkörpern Emporkömmlinge am Hof und jeder versucht, seine Pöpel, äh Familienmitglieder in Amt und Würde zu bringen. Einfluss und Intrige sind dabei ein willkommenes Hilfsmittel. Wer letztendlich am meisten Prestige angesammelt hat, steigt in den Hochadel auf und gewinnt das Spiel.

Das Spiel selbst ist ein Arbeiter-Einsetz-Spiel und ein Wettrennen. Zum Einsetzen haben wir drei Räume. Vor deren Türen versammeln sich die eingesetzten Figuren. Dabei gibt eine Karte, die zufällig vor dem Spiel gezogen wird, die Anzahl pro Runde vor. Haben alle Spieler ihre Figuren positioniert, marschieren sie in die Räume und nehmen an den Tischen Platz. Dabei passiert es schon mal, dass bereits dort sitzende Figuren verdrängt und nach Hause geschickt werden.

Zu seinen Figuren kann man auch seinen Baron einsetzen. Der erlaubt im Raum beide Aktionen auszuführen, während die Figuren nur jeweils eine der beiden Aktionen ermöglichen.

Die Aktionen lassen uns im Thronsaal Familienmitglieder einsetzen oder nach oben ziehen in Richtung der lukrativen Posten.Dabei sind manche Wege kürzer, manche weiter. Um einen Schritt zu gehen, muss man die Karte ausspielen, die die gleiche Farbe hat wie das Plättchen, das auf dem Feld liegt. Darf man sogar mehrere Felder weit ziehen, muss man entsprechend mehrere Karten abgeben. Kommt man auf einem Feld zum Stehen und liegt dort noch ein Intrigen- oder Einflussmarker, nimmt man ihn an sich und kann ihn entweder mit einer Sofortaktion zum Beispiel in eine beliebige Karte umwandeln oder man spart ihn auf für die Schlusswertung.

Leere Felder werden wieder mit farbigen Plättchen gefüllt, Intrigen- und Einflussmarker aber kommen nicht mehr ins Spiel.

Erreicht eine Figur das Ende einer der Leisten, übernimmt er den entsprechenden Posten, was meist mit Prestigepunkten belohnt wird, auf alle Fälle aber mit einem Ring. Ringe steckt man sich an seine Hand. Nicht an die echte. Im Spiel hat jeder vor sich einen Sichtschirm, der wie eine Hand aussieht. An die fünf Finger kann man im Lauf des Spiels Ringe stecken, die einem, je nach Farbe des Rings und der Position, viele Vorteile verschafft. Ein Amt zu erhalten führt gleichermaßen zu einem Ringgewinn. Muss man das Amt aber wieder aufgeben, weil ein Mitglied einer anderen Familie den Posten erreicht hat, kann derjenige Spieler einen beliebigen Ring von der Hand klauen.

Optisch beeindruckt diese Ringhand auf alle Fälle. Das ist ein Hinkucker. Die Ringe, in einer schmucken Pappsteckbox aufbewahrt sorgen für Stimmung am Tisch. Grafisch ist das schön gemacht, wenngleich der Thronsaal (das Spielbrett) etwas wenig Farbe aufweist und eher zu trist wirkt für einen Thronsaal eines Königs.

Ein bisschen verwirrend kommt der Plan daher, aber mit einer guten Erklärung findet man sich schnell zurecht und kann die einzelnen Räume und Aktionen gut zuordnen.

Das Spiel endet nach einer bestimmten Anzahl an Runden, was – sehr witzig gelöst, angezeigt wird, indem ein Bilderrahmen von einem Frauenportrait zum anderen verschoben wird. So verläuft das Spiel maximal über die bekannten sechs Runden, dabei lernen wir auch die Ehefrauen unseres namensgebenden Tudors kennen. Am Ende folgt noch eine Schlusswertung und wer gesamt die meisten Punkte gesammelt hat, gewinnt.

Das Spiel ist ein Wettrennen, denn jeder versucht, so schnell wie möglich einige der Leisten zu erklimmen. Dabei kommt es auf die richtige Aktion an, mit der man mehrere Schritte ausführen kann und auf die richtigen Karten. Also auch auf die richtigen Ringe, denn in deren Farben erhalte ich in der Regel Karten. Gut, dass ich Ringe tauschen kann – aber auf Kosten einer Aktion.

Knifflig ist generell die Wahl der Aktion. Dafür entsende ich ja eine Figur in einen Raum. Diese Figur bleibt solange, bis sie aus dem Saal gedrängt wird. So kann es sein, dass die Figur das ganze Spiel über in diesem Raum bleibt und ich immer nur diese dem Raum zugeordnete Aktionen ausführen kann. Und da man im Spiel nur wenig Figuren zum Einsetzen erhält, ist es wichtig, von vornherein zu wissen, wohin mich mein Weg führt und wie ich glaube, am Schnellsten auf den Leisten nach oben zu gelangen.

Habe ich mehrere Figuren in einem Raum, kann ich sogar eine Aktion mehrmals ausführen. Das geschickte Aufstellen der Figuren ist spielentscheidend. Man sollte von vornherein wissen, wo man hin will. Nur blöd, dass die Farbplättchen auf den Feldern sich ständig ändern. Geht eine Figur auf oder über ein Feld, nimmt er das Plättchen weg und ersetzt es durch ein zufällig gezogenes. Da kann ein lange geplanter Zug mit einem Schlag nicht mehr möglich sein. Das ist manchmal richtig fies. Also immer ein Auge auf den Mitspieler. Auch beim Erreichen der begehrten Posten immer darauf auchten, ob nicht ein Konkurrent einem auf den Fersen ist. Denn dann hat man von dem eroberten Ring nicht sehr lange etwas.

Tudor spielt sich schnell, wenn die Einsetzphase vorbei ist. Die aber hat es schon in sich. Zugoptimierer können da den Spielfluss ziemlich ausbremsen. Auch mag die Positionierung der Ringe schon mal Hirnkalorien verbrennen. Denn je nach Position der Ringe werden Aktionen verstärkt. Wichtig!

Spannend bleibt es bis zuletzt, auch wenn während des Spiels ein Trend erkennbar ist. Wer viel geht und viele Positionen einnimmt, erhält Punkte, und er erhält farbige Marker. Die bringen auch wieder Punkte. Aber! Zu Spielbeginn werden zufällig Karten gezogen, die bestimmen, welche Wertungen im Spiel möglich sind. Das ist tricky, denn das bestimmt die ganze Strategie im Spiel. Da kann ein Spiel schon mal komplett anders laufen wie ein anderes. Sehr schön gemacht!

Das Spiel ist ein Kennerspiel auf moderatem Niveau, auch erfahrenere Gelegenheitsspieler sollten nicht davor zurückschrecken, werden aber zunächst mit den vielen Möglichkeiten im Spiel gefordert. Das Planen der Räume, das Planen der Aktionen und das Planen mit den Ringen ist Arbeit und geht nicht so einfach von der Hand.

Generell wirkt es trotz der spielerischen Aufmachung eher trocken. Königliche Stimmung kommt selten auf. Das Spielgeschehen ändert sich auch nicht viel, hat man eine Leiste erfolgreich erklommen, nimmt man sich die nächste vor und so geht es das ganze Spiel hindurch. Erreichte Positionen verliert man wieder und so fühlt man sich immer wieder am Anfang einer Leiste.

Für ein paar Spiele ist das ausreichend, denn es ist spannend, eine gute Strategie auszuarbeiten. Aber nach ein paar Partien scheint es ausgereizt und bräuchte neue Ideen. Vielleicht kommen die ja, denn das Spiel ist modular aufgebaut und könnte an der ein oder anderen Stelle erweitert und verändert werden. Bin gespannt, ob uns eine Erweiterung mit mehr Abwechslung beglückt.

 

FAZIT

Tudor von Jan Kirschner für 2-4 Spieler ab 12, illustriert von Dennis Lohausen, erschienen 2018 bei Corax Games, ist ein Arbeiter-Einsetz- und Aktions-Auswahl-Spiel, das uns an den Hof Heinrich des 8. versetzt. Wir versuchen, unsere Familienmitglieder so schnell als möglich durch den Thronsaal zu schicken und sie so auf lukrative Posten zu befördern. Dabei sammeln wir Prestige und hofen, am Ende als Sieger in den Hochadel aufzusteigen.

Tudor ist ein moderates Kennerspiel mit viel Planungsarbeit, das Fehler nicht so schnell verzeiht. Trotz ein paar klugen Möglichkeiten gibt es wenig Varianz im Spiel, so dass man nach ein paar Partien auf neue Möglichkeiten wartet.

Witzig gemacht ist die Aufmachung mit der (fast) dreidimensionalen Hand, auf die wir die Ringe stecken. Ein Hinkucker. Empfehlenswert für Kenner, denen Planungsarbeit nicht abschreckt. Erfahrenere Gelegenheitsspieler sind sicher gefordert mit den vielen Dingen, die bedacht werden wollen.

Meiner Meinung nach sollten Kennerspieler die Möglichkeit nutzen, das Spiel zu spielen, ob man es im Regal haben will, kann dann jeder selbst entscheiden. Ich halte es wie Heinrich der 8., da sortiere ich ein Spiel schonmal genauso schnell aus wie dieser seine Frauen.

 

BEWERTUNG

+ optisch ein Hinkucker dank der “3D”-Hände
+ langfristiges Planen wird belohnt
+ mehrere Strategien möglich
+ Interaktion belebt das Spiel
– auf Dauer eintönig
– Vorsicht vor Zugoptimierern

 

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form wurde.

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Wichtige Informationen zu unseren Rezensionen (KLICK)

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kennerspiel” 

  • ... Altergruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 bis 75 Jahre
3.3

Tudor

Autor: Jan Kirschner

Grafik: Dennis Lohausen

Verlag: Corax Games

Spieleranzahl: 2-4 Spieler

Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren

Spieldauer: 120 Minuten

Generationentauglich: von 12 bis 70, Auslage und Aktionstableau erschweren den klaren Überblick

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