„Wer andern eine Grube gräbt“ – „Welcome to the Dungeon” ist herrlich gemein (Rezension)

Reden wir über Feiglinge. Das sind die, die immer geschlossen hinter einem stehen, Betonung auf „hinter“. Das sind die, die gerne den anderen den Vortritt lassen, wenn es mal brenzlig wird. Die sich gern verschanzen, aber aus der Deckung heraus meist fies austeilen. Reden wir über Feiglinge, dann sind das in der Regel die, die beim Zusammenstellen der Heldentruppe ganz hinten stehen. Und von den anderen gern als letztes gewählt werden. Wie früher beim Basketball im Sportunterricht.

Und wer braucht schon Feiglinge, wenn es hinunter in ein Verlies geht, wo Monster und andere unsägliche Dinge auf einen warten. Warum also, wenn die keiner will, haben sie in diesem Spiel die besten Chancen zu gewinnen? Aber nicht immer! Und das ist ein so herrlich gemeiner Spaß. Denn wer anderen eine Grube gräbt, hat die ganze Arbeit und fällt nur allzuoft selber hinein.

„Welcome to the Dungeon“ ist ein kleines, sehr feines und manchmal herlich fieses Spiel. Naja, es sind die lieben Mitspieler, die da fies sind. Aber der Reihe nach.

In dem Spiel geht es darum, einen Helden, der bestens gerüstet ist, in ein Verlies zu schicken. Der Spieler, der an der Reihe ist, zieht eine Karte vom Monsterstapel und muss sich entscheiden, ob er das Verlies damit bestückt, in das später der Held hinein muss, oder ob er das Monster auf den Ablagestapel legt. Dafür muss er dem Helden aber eine Ausrüstung nehmen. Nun dient diese Ausrüstung dazu, bestimmte Monster zu besiegen. Die Fackel des Barbaren zum Beispiel besiegt Monster der Stärke 3 oder weniger. Man kann als Spieler aber auch passen (typisch Feigling), dann ist man aus der aktuellen Spielrunde raus. Haben alle bis auf einen Spieler gepasst, muss derjenige dann mit dem Helden, der vielleicht schon ziemlich zerfleddert dasteht, in das Verlies hinein. Dazu werden alle in das Verlies gelegte Monster der Reihe nach aufgedeckt und entweder der Held kann es mit seiner verbliebenen Ausrüstung bekämpfen oder er verliert Lebenspunkte. Hat er seinen letzten verloren, hat der Spieler einen Minuspunkt. Erhält er seinen zweiten Minuspunkt, ist er aus dem Spiel ausgeschieden. Schafft er aber das Verlies irgendwie lebend zu verlassen und alle Monster getötet zu haben, dann erhält er eine Erfolgskarte. Hat er zwei davon, ist er der Sieger.

Hat er nicht gewonnen, darf er entscheiden, welche der vier möglichen Helden mitsamt ihrer Ausrüstung als nächstes ins Verlies gehen muss. Und die nächste Runde beginnt, in der wieder jeder der Reihe eine Monsterkarte zieht und wie oben verfährt.

Klingt zunächst mal ziemlich simpel. Spielt sich ja auch so. Aber das richtig fiese an dem Spiel ist, dass jeder Spieler ständig entscheiden muss, ob er ein mächtiges Monster ins Verlies legt, dass der Held wohl nicht mehr besiegen kann, dann sollte der Spieler aber nicht der letzte sein, der nicht passt. Hat der Held seinen Drachentöter schon verloren und legt ein Spieler dann den Drachen ins Verlies, wird wohl jeder andere Spieler nach ihm passen und er selbst muss hinein.

Das Ganze ist aber nicht so offensichtlich, denn der Spieler zieht geheim eine Monsterkarte und legt sie auch geheim ab. So liegt es an den anderen Spielern, zu erraten oder erahnen, was der Spieler denn vorhat. Andererseits, legt ein Spieler ein Monster zur Seite, liegt dieses offen aus und auch die Ausrüstung, die genommen wird, sieht jeder Spieler. Habe ich also den Drachen ins Verlies gelegt und sehe dann, wie ein anderer Spieler den Drachentöter wegnimmt, dann sollte ich schnell passen. Oder doch nicht? Vielleicht reichen ja die Lebenspunkte des Helden, den Drachenangriff zu überleben?

Ui, verzwickt ist das. Das sind Entscheidungen. Lege ich das Monster zur Seite, mache ich es dem Helden einfach. Lege ich es rein, um es dem Helden richtig schwer zu machen, muss ich am Ende den Helden spielen.

Also lassen wir die anderen Spieler doch Helden spielen und scheitern. Denn wenn ich immer passe und die anderen in Verlies schicke, wo sie kläglich untergehen, stehe ich hinterher allein als der wahre Held da, obwohl ich nie im Verlies war. Auch das ist möglich und dann sozusagen die Krönung des Feiglings. Aber dann schafft es doch einer der Helden, zweimal durchzukommen …

Es sind jedesmal knifflige Entscheidungen. Da heißt es, die Mitspieler zu beobachten, Schlüsse zu ziehen, mal mehr Mut zu beweisen und manchmal zurückzuziehen. Anderen eine Grube graben und sich ja nicht reinschubsen lassen. In der richtigen Gruppe ein genial lustiges Spiel, für andere aber eher ein weniger packendes Kartenziehen und bluffen.

 

FAZIT

“Welcome to the Dungeon” von Masato Uesugi von iello ist ein einfaches Bluffspiel für 2-4 Personen ab 10 Jahren. Man zieht Monsterkarten, um diese entweder in das Verlies zu legen oder abzuwerfen. Dafür nimmt man dem Helden eine seiner Ausrüstungen. Oder man passt. Wer zuletzt nicht gepasst hat, muss nun den Helden mit der verbliebenen Ausrüstung nehmen und sich der Reihe nach den Monstern im Verlies stellen. Schafft er es, erhält er eine Erfolgskarte, bei zwei Karten hat er gewonnen. Schafft er es zweimal nicht, ist er endgültig aus dem Spiel ausgeschieden.

Das Spiel ist für Gelegenheitsspieler genauso wie für erfahrene Spieler geeignet. Es ist nicht mehr als ein kleines Zwischendurchspiel, das aber allen gute Laune macht und kurzweilig unterhält, wenn man sich denn auf das Spielprinzip einlassen will. Trotz der unterschiedlichen Ausrüstungskarten wird das Spiel nicht kompliziert und das Spielprinzip ist schnell erklärt und verstanden.

Mit vier verschiedenen Helden und jeweils unterschiedlicher Ausrüstung im Spiel bietet es eine schöne Abwechslung. Das Spiel lebt von dem Taktieren der Spieler, wie leicht sie es dem Helden machen, um ihn dann selbst ins Verlies führen zu können oder wie schwer sie es ihm machen, um dann hinterher ja nicht den Helden spielen zu müssen. Feiglinge werden belohnt, weil sie kein Risiko eingehen, früher ober später müssen sie aber Farbe bekennen und dann kann der Mutige längst schon auf dem Weg zum zweiten Erfolg sein.

Richtig fies kann man dabei sein, um dann doch in die eigene Grube zu fallen. Herrlich witzig. Die Grafik im Spiel trägt dazu bei, das Material ist perfekt und bei einer Spieldauer von 20 – 30 Minuten ist es ein richtig lustiger Zwischendurchgang, nicht nur, aber ganz besonders für Fantasy- und Dungeon-Fans.

Aber es ist nicht für jede Gruppe geeignet. Zudem bei zu vielen feigen oder mutigen Leuten am Tisch wird schnell klar, wie man am Besten spielt. Es kann vorkommen, dass ein Spieler schon nach dem zweiten Durchgang ausgeschieden ist und dann die restlichen 15 Minuten nur zusehen kann.

Wem das Spiel aber gefällt und wer mehr Abwechslung wünscht, dem sei das zweite Spiel in der Reihe „Welcome back to the Dungeon“ empfohlen. Es ist ein selbstständiges Spiel, man braucht nicht den ersten Teil, das Spielprinzip ist aber genau das Gleiche. Es kommen neue vier Helden dazu und die Monster bieten etwas mehr interessante Möglichkeiten für den Helden im Verlies, ebenso wird die Ausrüstung etwas interessanter zu kombinieren. Wer nur eines der Spiele will, sollte vielleicht gleich zum zweiten Teil greifen, wer merkt, dass es für seine Spielerrunde genau richtig ist, braucht unbedingt beide Teile, man kann beide Teile auch sehr schön kombinieren.

Das Spielprinzip, jemanden richtig reinzureiten in das Schlamassel, ist nicht für jeden Spielertypen geeignet, und wer mit Schadenfreude nicht umgehen kann, sollte alle Finger von diesem Spiel lassen. Aber endlich gibt es auch ein Dungeon-Spiel, dass auch für Feiglinge geeignet ist.

 

BEWERTUNG

+ tolles Material und stimmige, lustige Grafik
+ schnell gespielt
+ für „fiese“ Spieler ein perfekter Zwischendurchgang
– frühes Ausscheiden kann zu langer Wartezeit führen
– nicht für alle Spielertypen und -runden geeignet

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

 

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen 
bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form 
verwendet wurde.

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Familienspiele”

 

  • ... Altergruppe bis 12 Jahre
  • ... Altergruppe 13 - 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 - 75 Jahre
4

Kurzfassung

Titel: Welcome to the Dungeon
Autor: Masatu Uesugi
Grafik: Paul Mafayon
Verlag: iello, Vertrieb Huch

Spieleranzahl: 2-4 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 10 Jahren
Spieldauer: 20-30 Minuten

Generationentauglich: Wer auch mal fiese Spiele mag und Schadenfreude erträgt, hat über die Altersgrenzen hinweg Spaß mit dem Spiel.

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