“Imperial Settlers” auf Aggro – “51st state” überzeugt auch friedliche Naturen (Rezension)

Das Leben ist kein Ponyhof. Dieses Spiel auch nicht, eher ein Ponyfriedhof. Zartbesaitete Spieler sollten vielleicht vorsichtig einen Bogen um dieses Spiel machen. Denn es spielt in einer postapokalyptischen Welt, die durch einen großen Krieg zerstört wurde. Auch jetzt noch befinden wir uns im Krieg und wir scheuen uns nicht davor zurück, Gebäude unserer Mitspieler (diesmal sollte ich dem Spiel angemessen „Gegner“ schreiben) in Schutt und Asche zu verwandeln. Auch Plünderungen sind an der Tagesordnung. Wer sich davon moralisch beeindrucken lässt, dem sei das spielverwandte „Imperial Settlers“-Spiel empfohlen, das der gleichen Spielmechanik folgt, aber mit den knuffigen Siedlerfiguren wesentlich harmloser daherkommt, wenngleich das Spielprinzip immer noch das gleiche ist. Dieses Spiel ist wie “Imperial Settlers” – nur auf Krawall gebürstet.

Auch wenn ich Spiele mit Kriegsthemen eher vorsichtig angehe, kann ich (und sicher auch die allermeisten Spieler) sehr genau unterscheiden, was Krieg ist und was nur mit bedruckten Pappplättchen, Karten und Holzklötzchen passiert. Ob ich jemand Geld für Straßenmiete abknöpfe (Monopoly), Bauern in einer Schlacht opfere (Schach) oder Materialien sammle für die Zerstörung der Gebäude des „Gegners“, ist spielerisch irgendwie dasselbe. Vor so tiefgehenden Entscheidungen wie zum Beispiel im Spiel „This War of Mine“ wird man hier nicht gestellt. Und manchmal darf das Thema auch etwas brachialer sein, vorausgesetzt, es ist insgesamt ein gutes Spiel.

Und hier haben wir ein gutes Spiel. Ich verbessere mich, ein sehr gutes Spiel. Vielleicht sogar eines der Top-Spiele, wenn da nicht … aber dazu später mehr.

Worum geht es in „51st State“ von Ignazy Trzewiczek (dessen Name unaussprechlich ist)? Übrigens einem ideenreichen Spieleautor, dessen Spiele allesamt unbedingt angespielt werden sollten.

Wir befinden uns in der Welt von Neuroshima (man kennt das Duell-Spiel Neuroshima Hex). Wir befinden uns nach einem alles zerstörendem Krieg und versuchen, aus den Trümmern eine neue Zivilisation, eine neue Stadt – den 51. Staat – zu errichten. Gespielt wird mit Karten. Dazu hat jeder Spieler zu Beginn sechs Karten vom Nachziehstapel auf der Hand, von denen er gleichmal zwei wieder ablegen muss. Er hat mit seiner gewählten Fraktion bestimmte Grundproduktionen und Fähigkeiten. Die einzelnen Fraktionen sind unterschiedlich und geben mit ihren Spezialisierungen bereits die grundlegende Strategie für den jeweiligen Spieler vor.

Man hat in jeder Runde bestimmte Ressourcen zur Verfügung. Durch Produktionsgebäude, Handelskarten oder andere Aktionen kommen im Lauf des Spiels noch weitere Ressourcen dazu.

Zu Beginn jeder Runde erhält man außerdem (mit klugem Drafting-Mechanismus) zwei weitere Karten auf die Hand. Anschließend beginnt man damit, jeweils abwechselnd verschiedene Aktionen durchzuführen. Solange, bis schließlich jeder gepasst hat. Dann werden alle nicht verwendeten Ressourcen abgegeben und man startet von Neuen. Es sei denn, ein Spieler hat 25 oder mehr Punkte gesammelt. Denn dann wird nach einer Endwertung der punktereichste Spieler als Sieger gekrönt.

Nur kurz zu den möglichen Aktionen. Das Wichtigste im Spiel ist das Errichten von neuen Gebäuden, die in drei Kategorien eingeteilt sind: Produktion, Fähigkeit und Aktion. Zur Errichtung benötigt man eine Anzahl an grauen Kontaktplättchen, die der Entfernung des Gebäudes entsprechen. Einfach gesagt, gute Gebäude kosten mehr als weniger gute. Ressourcen braucht man in erster Linie, um sie in andere Ressourcen oder – viel wichtiger – in Siegpunkte zu tauschen. Da sollte man auf die richtige Kombination an Gebäuden achten. Produktion und Umwandlung der produzierten Waren ergeben eine schöne Kette und generieren ständig Siegpunkte. Mit etwas Glück bekommt man die richtigen Kombos auf die Hand und ins Spiel und kann sehr schnell das Spiel für sich entscheiden.

Zum Glück (zum Pech) gibt’s auch die Möglichkeit, gegnerische Gebäude in Ruinen zu verwandeln. Dazu braucht man die rote Kontaktplättchen, die leider etwas ungleich im Spiel verteilt sind. Einige Fraktionen können diese sehr leicht generieren, andere haben fast keine Chance, an genügend solche Plättchen zu kommen. So kann eine Fraktion dem Gegner schnell eine gute Kombo zerschlagen, während die eigene Kombo ungestört Siegpunkt um Siegpunkt generiert. Das ist leider das Manko in diesem Spiel, die Rassenfähigkeiten scheinen zu wenig ausbalanciert.

Andere Aktionen im Spiel lassen einen Karten plündern, die dann aus der Hand abgeworfen werden. Wieder andere Karten können dafür in die eigene Handelsablage gelegt werden und produzieren in jeder Runde neue Ressourcen. Dann kann ich meine Leute auch in einige Produktionsgebäude des Gegners schicken.

Da die Karten mehreren Funktionen dienen, ist es jedesmal eine schwierige Entscheidung, wozu ich die Karte verwende. Zum Plündern, um mir einmalig viele Rohstoffe zu sichern, anzubauen, um deren Aktionsmöglichkeit oder Fähigkeit im weiteren Spiel zu nutzen oder sie als Handelskarte für Ressourcen in jeder Runde zu verwenden. Und dann muss ich sie aber erst bezahlen können.

Die Siegstrategie ist, eine Warenwirtschaft aufzubauen, die effektiv Waren generiert und diese in Siegpunkte umwandelt. Nebenher sollte man für den eigenen Schutz der Gebäude sorgen können und vielleicht auch noch gezielt Angriffe auf die Produktionsketten des Gegners ausführen.

Alles in Allem ein tolles Spiel, das auch ganz ohne das Thema Krieg funktionieren würde. Die tolle Grafik, die gelungenen Ressourcen-Holzmeeples, die witzige Anleitung, und der flotte und stets spannende Spielablauf ergeben zusammen ein sehr gutes Spiel, das jede Spielesammlung bereichert.

Obendrein gibt es noch zwei Erweiterungen im Spiel, da kommen neue Karten dazu, die wiederum sehr gut aufeinander abgestimmt sind und noch mehr Möglichkeiten ins Spiel bringen. Weitere Erweiterungen bringen neue Karten und neue Fraktionen ins Spiel, sodass so schnell keine Langweile mit dem Spiel eintritt. Wer sich dennoch langweilt, dem kann man nicht helfen. Denn jede Partie verläuft abwechslungsreich und keine Partie gleicht der anderen.

Man kann das Spiel auch ohne direkte Interaktion spielen (oftmals kommt man gar nicht dazu, den Gegner anzugreifen oder zu schädigen), und auch dann ist das Spiel spannend und bietet kurzweilige Unterhaltung auf hohem Niveau. Allzu kriegerische Naturen können sich gemein in die Quere kommen beim Aufbau ihres neuen Staates, gemischte Spielergruppen haben erst recht den Anreiz, sich mit friedlichen oder kriegerischen Methoden durchzusetzen.

Es gibt wenig Downtime, Denker können das Spiel schon mal verzögern, aber meist läuft es flott und schnell. Das Spiel ist für zwei bis vier Spieler gleichwertig, es sei denn, mehrere Spieler verbünden sich gegen einen, der dann normalerweise keine Chance auf den Sieg hat. So kann schon mal ein „Königsmacher“-Problem auftreten, wenn ein Spieler, der mit dem Sieg nichts mehr zu tun hat, einen anderen Spieler zum Sieger macht, indem er einen anderen Spieler schädigt. Ist aber das Problem jedes Mehrpersonenspiels mit direkter Konfrontation.

 

FAZIT

„51st state“ ist ein Aufbauspiel, gemischt mit Warenwirtschaft, das mit Karten gesteuert wird. Direkte Konfrontation ist möglich aber nicht zwingend. Da dem Spiel ein Kriegsthema zugrunde liegt und auch wegen der Grafik sowie der als Ware verwendeteten Pistole sollte das Spiel erst, wie empfohlen, ab 13 Jahre gespielt werden. Je mehr Karten in der eigenen Auslage liegen (können schon mal 15 und mehr sein) und zusätzlich noch fünf und mehr Karten auf der Hand sind, kann es schon schnell unübersichtlich werden, auch weil die Schrift und die Symbolik teils sehr klein sind.

Das Spiel gehört zu den Top-Spielen, spielt sich zu zweit ebenso spannend wie zu dritt oder viert, eine eigene richtig gute Solo-Variante bereichert das Spiel und ist für den Einzelkämpfer durchaus fordernd, aber auch jeder andere Spieler hat daran sicher seine Freude.

Gelegenheitsspieler sind gefordert aber nicht überfordert bei der Menge an unterschiedlichen Karten (die aber alle sehr einfache Regeln haben), Vielspieler freuen sich auf strategische Planung und taktische Scharmützel.

Grafik und Material sind erste Klasse, sehr spielfördernd und es macht richtig Spaß, dieses Spiel auf den Tisch zu bringen. Für Spieler, die gern auch mal Konfrontationsspiele wollen, absolute Empfehlung, auch wenn die Fraktionen nicht wirklich ausbalanciert sind, und gerade Anfänger im Spiel schnell verzweifeln lassen, da man gegen gewissen Gruppen wenig auszurichten weiß. Mit der Erfahrung im Spiel wird die eigene Strategie effizienter, die eigene Gegenwehr stärker und schon bald hat man den Dreh raus, ebenbürtig gegen jede Fraktion antreten zu können. Aber das braucht seine Zeit und das finde ich etwas schade, denn schnell kann ein schlechter Ersteindruck dazu führen, dass ein Topspiel im Regal verstaubt.

Die Anleitung ist gut gemacht, witzig und ausführlich, vielleicht hätte man das ein oder andere vertiefen können, aber Unstimmigkeiten, besonders mit einigen Kartenkombinationen, sind schnell auch am Tisch geklärt.

Mir gefällt „51st state“, ich kann es jedem Spieler, auch Gelegenheitsspielern sehr empfehlen und auch nach vielen Partien will ich es gerne wieder auf dem Tisch haben (wie kann man ein Spiel mehr loben als genau mit dieser Tatsache!). Besonders mit den beiden beiliegenden Erweiterungen ergeben sich viele schöne Kombinationen und die Jagd nach den richtigen Karten macht richtig viel Laune. Nach ein paar Partien läuft das Spiel wie geschmiert und man fiebert mit, welche Karten einem das Schicksal zuspielt. Und mit der richtigen Kombi in der Auslage, die mir ständig Siegpunkte generiert, ist das Spiel dann doch irgendwie ein Ponyhof.

 

BEWERTUNG

Top-Spiel für fortgeschrittene Gelegenheitsspieler und Vielspieler, rasant und abwechslungsreich, fordernd und mit Erweiterungen noch vielschichtiger. Für hartgesottene Spielernaturen unbedingt empfohlen. Und Material und Grafik sind beeindruckend.

+ sehr gutes Aufbau- und Warenwirtschaftsspiel
+ Top-Material und Grafik
+ schnell gelernt, schnell gespielt
+ stets neuer Spielverlauf
+ zwei Erweiterungen mit im Spiel
– unausgewogene Balance der Fraktionen

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen 
bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form 
verwendet wurde.

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kartenspiel für fortgeschrittene Gelegenheitsspieler und Vielspieler”

  • ... Altergruppe 13-49 Jahre
  • ... Altergruppe 50-75 Jahre
5

Kurzfassung

Titel: 51st state
Autor: Ignacy Trzewiczek
Grafik: Mateusz Bielski, Mariusz Gandzel
Verlag: Portal Games

Spieleranzahl: 2-4 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 13 Jahren
Spieldauer: 60 Minuten

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