Fressen und gefressen werden – mit “Darwinning” macht Evolution richtig Spaß (Rezension)

Stichspiele gibt es wie Sand am Meer. Habe ich das schon einmal geschrieben? Auf alle Fälle gibt es sie in vielen Variationen und die einen lieben Stichspiele, die anderen weniger. Will ein Spiel sich hier aus der Masse herausheben, muss es sich schon was einfallen lassen.

“Darwinning” ist ein Stichspiel. Dabei geht es aber weit mehr als nur um Kartenspielen. Hier müssen wir uns um eine zufällig erhaltene Spezies kümmern. Diese will wachsen, tut das aber nur, wenn genug Nahrung vorhanden ist. Also müssen wir unsere Spezies im Lauf des Spiels an unterschiedliche Umgebungen anpassen. Außerdem müssen wir verhindern, dass sie durch Tiere, die höher in der Nahrungskette stehen, gefressen und ständig dezimiert werden. Aber die Nahrung von unterlegenen Tieren zu holen und deren Populationen klein zu halten ist genauso wichtig. Am Ende, nach drei Runden, zählen die Punkte, und die setzen sich aus der Größe der Population und der Stufe auf der Nahrungskette zusammen. Da startet man zwar sehr unterschiedlich, eine Spezies z. B. auf der 3, eine andere auf der 10, aber das Spiel gleicht das schön aus.

Reden wir über das Stichspiel Darwinning, Schon der Titel ist ein schönes Wortspiel. Hier geht es also um die Entwicklung der Lebensformen, ihre Anpassung an die Umwelt, die Überlebenschancen, wenn die anderen Tiere, die in der Nahrungskette vor einem sitzen, ständig über einen herfallen. Das Ganze ist eine wunderschöne und wie wir gleich sehen werden, durchaus fordernde Verpackung für ein Stichspiel.

Und um die Frage von vorhin jetzt  schon zu beantworten. Oja, das Spiel macht aus einem Stichspiel so viel mehr und hebt sich deutlich aus der Masse heraus. Durch diese thematische Verpackung erhält das Spiel eine ganz neue Richtung. Und viel mehr Gewicht.

Schon der Stichmechanismus ist richtig neu und frisch. Ganz frisch nicht, da hat der Autor bei sich selbst abgekuckt und hat sich an den Stichmechanismus von „Black Hat“ erinnert. Man spielt aus seiner Kartenhand, die zuerst zehn Karten hat, eine beliebige Anzahl an Karten, die aber eine bestimmte Kombination haben müssen. Das ist an Poker angelehnt. Man kann einzelne Karten spielen, Zwillinge, Drillinge, Flush (also Karten in der selben Farbe), Straßen und so weiter. Die nachfolgenden Spieler müssen nicht Farbe zugeben, haben nur eine Bedingung zu beachten: Entweder sie spielen eine gleich- oder höherwertige Kartenkombination aus (und übernehmen so den Stich) oder spielen eine einzelne beliebige Karte.

Wer den Stich macht, hat anschließend die Qual der Wahl, eine seiner gespielten Karten an sein Artenblatt anzulegen. Damit wird seine Spezies aufgewertet. Entweder sie passt sich an eine neue Landschaft an und findet dort Nahrung, oder sie steigt in der Nahrungskette auf, oder die Population wächt. Oder, und das ist wirklich interessant, sie erhält eine neue Fähigkeit, die sich entscheidend auswirkt. Da gibt es die Möglichkeit, eine harte Schale zu entwickeln und schon kann sie nicht mehr gefressen werden. Oder man lernt Lagerhaltung und hat immer ein bisschen Nahrung in der Hinterhand (oder an den Hüften?). Hier gibt es 15 verschiedene Spezialisierungen, die jede für sich gut eingesetzt richtig was bringen.

Man kann also immer eine der Karten aus seinem Stich anlegen. Aber nicht immer. Denn beim letzten Stich ist es genau umgekehrt. Hier legt nicht der Spieler, der den Stich gewonnen hat, sondern alle anderen Spieler eine Karte von ihren gespielten Karten im letzten Stich an. Der letzte Stich ist der Stich, für den einer der Spieler seine letzte Karte ausspielt. Nicht immer vorhersehbar und damit ein zusätzliches Spannungselement.

Fassen wir zusammen. Ich muss schauen, dass ich meine Spezies entwickle. Dazu muss ich Karten anlegen. Dazu muss ich Stiche machen. Also muss ich meine Karten gut kombinieren, wobei in der Kombination natürlich auch gewünschte Karten sein sollten, denn mache ich den Stich, kann ich genau eine der ausgespielten Karten anlegen. Aber ich muss auch schauen, dass mir eine Karte für den Schluss bleibt, die meiner Spezies hilft und möglichst nicht sticht. Wow, was sich zuerst wie ein Stichspiel anhört, bekommt plötzlich soviel Tiefe, dass man schon mal ins Grübeln kommen kann, kommen muss.

Die Lernkurve ist etwas steil, man sollte sich nicht nach der ersten Partie abwenden, denn das Spiel hat viel zu bieten. Gelegenheitsspieler werden anfangs gefordert, mit den vielen Karten klarzukommen. 15 Spezialisierungen, außerdem kann man jede Karte ja auf vier verschiedenen Arten an seine Spezies anlegen – uff, da gibt es einiges zu lernen. Aber nach zwei, drei Partien kennt man die Karten, die Möglichkeiten und dann macht es Spaß, sich zu entwickeln und der Evolution ein Schnipchen zu schlagen, wenn man sich als kleiner Frosch gegen Elefanten durchsetzt.

Überhaupt ist das Spiel richtig witzig. Die Grafiken sind lustig, die Idee mit der Evolution nicht neu aber noch lange nicht verbraucht, die Rangfolge auf der Nahrungskette regt zu vielen Kommentaren am Tisch an und generell ist das Spiel ein sehr feines Zwischendurchspiel oder schon mal nach mehreren „Jetzt-aber!“-Partien auch abendfüllend.

Das Material ist in Ordnung, die Icons nach kurzer Eingewöhnung verständlich, der klitzekleine Text auf den Karten zum Glück unwichtig fürs Spiel. Auch wenn es ärgerlich ist, dass bei soviel Platz auf der Karte der Text in mikroskopischer Größe dasteht.

Dafür sind die Spielmarker ein Hinkucker. Das sind nämlich die 3D-Holzbuchstaben „D A R W I N“, das gefällt. Eine so gute Idee, dass das Spiel den wichtigen Ersteindruck bei den Spielern schon mal positiv gestaltet. Da die Schachtel selbst nicht wirklich toll im Regal aussieht, hat man aber das Staunen der Spieler mit diesen Buchstaben gewonnen. Ein guter Einstieg!

Die Anzeigetafel der Nahrungskette hätte etwas größer gestaltet werden können, bei Speziestaffeln tut man sich auch schwer, von allen Seiten Karten unterzuschieben, weil sie sich gegenseitig stören. Aber das ist eigentlich nicht vorgesehen, wenn man es aber nicht macht, braucht man zu fünft oder sechst einen sehr großen Tisch für die gesamte Auslage. Die Spielregel bieten ein paar kleinere Probleme, die sich aber leicht lösen lassen. So wird bei der Beschreibung von Arten gesprochen und dann muss man sein Speziesblatt vor sich ablegen. Da sollte man Dinge in den Spielregeln immer mit den gleichen Worten beschreiben, sonst verwirrt man den Leser.

Mit dem Spielverlauf und den immer größer werdenden Auslagen verliert man schnell den Überblick, vor allem, was die Mitspieler so alles anstellen und für Spezialfähigkeiten ausliegen haben. Da ist Nachfragen an der Tagesordnung. Aber das ist ein altbekanntes Problem bei Kartenspielen mit großer Auslage, wenn auf jeder Karte spezielle Informationen stehen.

Das sind kleine Probleme, ein größeres ist – wie immer bei Stichspielen – das Kartenglück. Das kann ich in diesem Spiel nicht beeinflußen. Ich erhalte zehn Karten und muss damit eine der drei Runden auskommen. Da weiß ich meist schon im Voraus, dass diesmal wenig rausspringt. Und wenn das böse Schicksal auch noch die Karten so verteilt, dass ich dann überraschend doch einen Stich mache, ist es sicher der letzte und ich komme aus einer Runde komplett ohne die Möglichkeit raus, eine Karte anzulegen. Das ist frustrierend. Denn bei soviel unterschiedlichen Karten kommen manchmal kaum vernünftige Kartenkombinationen zusammen. Dafür aber spielt sich eine Runde, eine ganze Partie so schnell, dass eine neue Partie das Glück wendet und diesmal mir die richtigen Karten zuspielt.

Eine Hausregel hat uns gefallen. Wir haben anfangs mehr als zehn Karten verteilt und dann überzählige Karten abgeworfen. So ergaben sich mehr Kombinationen und damit „mehr Kampf“ im Spiel um die Stiche.

 

FAZIT

“Darwinning” von Timo Multamäki, Tiinaliisa Multamäki, Nikolas Lundström Patrakka und Väinö Multamäki von Dragon Dawn Productions für 2 bis 6 Spieler ab 9 Jahren ist ein Stichspiel, das aber in ein größeres Spiel eingepackt ist. Kern ist ein sehr raffinierter Stichmechanismus, der das weitere Spiel antreibt und durch Entscheidungen für das übrige Spiel beeinflusst wird. Wann steche ich wie, welche Karte brauche ich zum Anlegen, wie vermeide ich den letzten Stich? Alles wunderbar verpackt in das Thema Evolution, die manchmal gegen die Naturgesetze geht, aber dafür von umso mehr witzigen Kommentaren am Spieltisch begleitet wird.

Darwinning macht Spaß und fordert auch. Es ist kein Spiel, das man mal schnell auf den Tisch bringt, dafür hat es viel zu viel zu bieten. Gelegenheitsspieler sollten etwas Erfahrung mitbringen, die Altersempfehlung von „9+“ ist durchaus sportlich, da sollten die Kids schon etwas Erfahrung mitbringen. Gerade Vielspieler sollten sich dieses Spiel ansehen, denn auch für die „Ich-will-mein-Gehirn-strapazieren“-Spieler ist jede Menge zu bedenken. Es ist kein großes Strategiespiel, aber es ist als Zwischendurchgang mit viel Kopfarbeit garniert.

Das Spiel kann von zwei bis sechs Spieler gespielt werden. Für zwei Spieler liegt eine spezielle Regel dabei. Optimal ist das Spiel für vier oder fünf Spieler. Zu dritt plätschert es etwas zu stark vor sich hin und jeder hat zuviel Freiheiten, zu sechst wird’s ziemlich chaotisch. Zu viert oder fünft ist es richtig gut und entfaltet seine volle Wucht.

Ein richtig feines Spiel in einer kleinen (und unauffälligen, vielleicht sogar häßlichen) Schachtel. Unbedingt ausprobieren. Und vor allem die Spielsteine bewundern.

 

BEWERTUNG

+ Frischer Stichmechanismus
+ Witzige Grafiken sorgen für Spaß am Tisch
+ Gut integriertes Thema erlaubt schnellen Spieleinstieg
– Schachtel ist unscheinbar (das Spiel in der Schachtel nicht!)
– Einstiegshürde vorhanden, aber nicht zu steil

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form verwendet wurde.

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Familienspiel”

 

  • ... Altergruppe bis 12 Jahre
  • ... Altergruppe 13 - 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 - 75 Jahre
4.3

Kurzfassung

Titel: Darwinning
Autor: Timo Multamäki, Tiinaliisa Multamäki, Nikolas Lundström Patrakka und Väinö Multamäki
Grafik: Akha Hulzebos, Lars Munck, Jamie Noble-Frier
Verlag: Dragon Dawn Productions

Spieleranzahl: 2-6 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 9 Jahren
Persöliche Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren
Spieldauer: 60 Minuten

Generationentauglich: Zwischen 12 und 70 gleich fordernd mit Spielspaß für alle Altersgruppen, Material weniger geeignet, Übersicht geht verloren.

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