Mit Piraten um die Wette würfeln – Rattle Battle Grab the Loot von Portal Games (Rezension)

Ja, was für ein Spiel ist das eigentlich, dass wir hier vor uns haben? Ein reines Taktikspiel ist es nicht. Denn es sind Würfel dabei – vieeeeele Würfel. Als ein Glücksspiel kann man es aber auch nicht bezeichnen, zu viele taktische Elemente sind vorhanden. Zudem erzählt es auch Geschichten und man erfüllt Quests. Es scheint keinem Genre deutlich anzugehören und auch die Zielgruppe ist nicht ganz klar. Auf den ersten Blick könnte man meinen: ein sehr ansprechend gestaltetes Familienspiel. Aber für ein Familienspiel spielt man mit 30 Minuten je Spieler fast zu lang. Ein Kennerspiel ist es aber auch nicht, schließlich ist es ab 8 Jahren geeignet und die Aktionen sind an sich auch nicht so schwer. Bevor wir aber nun darüber diskutieren, was eigentlich ein Kenner- oder Familienspiel ausmacht oder bis zu welchem Faktor ein Spiel noch als taktisch durchgeht, schauen wir es uns doch einmal genauer an. Und am Ende dieser Rezension erfahrt ihr natürlich auch, wie wir die oben angedeutete Mischung finden. Eines aber gleich Vorweg: Dieses Spiel gibt es nur auf Englisch.

 

Das Spiel
Rattle Battle – Grab the Loot ist ein Spiel von Ignacy Trzewiczek, welches 2015 bei Portal Games erschienen ist. Es kann mit 2- 5 Personen gespielt werden und ist ab 8 Jahren geeignet.
Ihr seid der Kapitän eines berüchtigten Piratenschiffes und wollt der größte Pirat der Weltmeere werden, indem ihr durch das plündern neutraler Schiffe den größten Reichtum anhäuft.
Bei Rattle Battle erhält jeder Spieler einen Satz eigenen Würfel in seiner Spielerfarbe, sowie eine vor sich ausliegende Galeone, die aus mehreren Teilen besteht und später erweitert werden kann. Diese symbolisiert, wie weit jedes Schiff der Flotte segeln kann (durch die Anzahl der Segel), wie stark sie im Kampf sind (Anzahl der Kanonen) und welche Sonderfähigkeiten sie haben. Die Würfel stellen die einzelnen Schiffe der Flotte dar und kommen bei der Aktion „Ship Drop“ ins Spiel.

Bevor dies jedoch soweit ist, dreht der Baron (Spielleiter) erst einmal eine Abenteuerkarte um. Diese Karte zeigt, welche Aufgabe die Spieler in dieser Runde bestreiten müssen. Denn im Spiel müssen alle Spieler ein Abenteuer, bestehend aus 5 Quests erfüllen, die wiederum aus mehreren Abenteuerkarten bestehen. Das Abenteuer selbst spielt sich im Meer ab. Dieses wird durch das Unterteil vom Spielkarton symbolisiert. Je nach Abenteuerkarte baut der Baron hier Hindernisse auf (Plättchen mit Klippen z.B.).

Anschließend kommen wir zum Hauptinhalt des Spiels. Jeder Spieler wählt aus, wie viele Schiffe seiner Flotte er ins Meer schicken will und gibt dem Baron die entsprechende Anzahl an Würfeln. Dieser fügt dann noch die auf der Abenteuerkarte angegebene Anzahl neutraler Würfel (Schiffe) dazu und lässt nun alle Würfel ins Meer (den Karton) fallen. Das Ziel dabei ist ganz einfach: Es wird so lange gekämpft, bis entweder nur noch neutrale Schiffe, oder nur noch Piratenschiffe übrig sind. Hierzu muss eine bestimmte Aktionsreihenfolge eingehalten werden.

Als erstes dürfen die neutralen Schiffe ihre Aktion ausführen. Dies allerdings nur, wenn bestimmte Symbole angezeigt werden. Neutrale Schiffe lassen Piratenschiffe in der Nähe so z.B.  plötzlich sinken. Somit ändert sich die Anzahl und Position der Schiffe meist nochmal entscheidend.

Erst jetzt dürfen die Spieler ihre Aktionen ausführen. Sie können ihre Schiffe nun bewegen oder dürfen schießen. Für beide Aktionen gilt: Dies ist nur möglich, wenn der Spieler ein Segel zum bewegen oder eine Kanone zum Schießen auf seiner vor sich ausliegenden Galeone verbaut hat. Klar, dass er auch noch ein Kanonensymbol auf dem Würfel benötigt. Schießen kann man allerdings nur mit entsprechender Reichweite. Reichweiten werden je nach Aktion über eine lange oder kurze Kartenlänge vermessen.

Doch das ist nicht alles. Ausgehend von der Aufstellung der verbliebenen Schiffswürfel kommt es nun zum Kampf. Die Schiffe, die am nächsten stehen, kämpfen gegeneinander, indem ihre Kampfstärke (angezeigte Zahl plus eventuelle Boni) verglichen wird. Der Verlierer wird aus der Schachtel genommen. So geht es dann immer weiter, bis nur noch Piratenschiffe oder nur noch neutrale vorhanden sind. Verlorene Schiffe muss man am Ende einer Runde erst wieder reparieren, um sie zurück zu erhalten. Hat man gegen neutrale Schiffe gewonnen, legt man diese Würfel auch auf seinem Tableau ab. Denn nach dem Kampf gibt es für jedes Schiff, das man versenkt hat, eine Münze, sowie ein zusätzlichen Loot, wenn sich die Schiffe berührt hatten. Einen Loot (Schätze) erhalten übrigens alle Spieler im nächsten Schritt, auch diejenigen, die keine Schiffe ins Rennen geschickt hatten. Dafür zieht jeder die auf der Abenteuerkarte angegebene Anzahl an Schätzen aus dem Beutel. Natürlich kann die Galeone nur eine gewisse Anzahl an Schätzen aufnehmen. Den Überschuss kann man nun zum Reparieren von beschädigten Schiffen nutzen, bleibt aber immer noch etwas übrig müssen diese Schätze wieder zurück gelegt werden.

Am Ende jeder Runde haben die Spieler nun die Möglichkeit, ihre Schätze im Hafen einzutauschen. Hier kann man sich mit weiteren Segeln, Kanonen und Frachträumen für die Schätze ausstatten, aber es lassen sich z.B. auch Sonderteile für die Galeone erwerben oder Matrosen anwerben, die hilfreiche Aktionen ins Spiel bringen. Weiterhin kann im Markt Gold eingetauscht werden und die für das den Sieg benötigten Siegpunkte.

War man im Hafen, dann ist die Quest erfüllt und man darf zur nächsten Quest voran schreiten. So geht es im Uhrzeigersinn weiter, bis man das ganze Abenteuer durchgespielt hat. Wer nun die meisten Siegpunkte erhält, gewinnt das Spiel.

 

Fazit
Öffnet man die Spielschachtel von Rattle Battle Grab the Loot ist man überwältigt:  Eine große Menge an Spielmaterial liegt dem Spiel bei und man merkt gleich: Langweilig wird einem hier nicht. Auch wenn die Grafik eher kindlich gehalten ist, ist das Design wirklich gelungen und sehr ansprechend. Man freut sich richtig, die verschiedenen Spielelemente genauer zu betrachten, ohne dass die bunten Farben etwa vom Spielgeschehen ablenken würden.

Gleich vorweg: Rattle Battle muss man öfter gespielt haben, um den Spielablauf verinnerlicht zu haben und auch Englisch Kenntnisse sollte man haben. Uns fiel es etwas schwer, bei den Regeln sofort durchzusteigen. So war uns nicht gleich klar, was der Unterschied zwischen dem normalen Kampf und der Aktion „schießen“ ist. Auch bei den Aktionen der neutralen Schiffe musste das ein oder andere Mal in den Regeln nachgesehen werden. Doch nach 2-3 Spielen schlich sich Routine ein und das Piratenspiel hatte uns in seinen Bann gezogen.
Die Möglichkeiten in Rattle Battle sind schier unendlich. Durch verschiedene Abenteuerkarten, die zufällig gezogen werden, nimmt jedes Spiel eine andere Wendung und Langeweile kommt nicht auf. Vor allem das beiliegende Anfängerabenteuer finden wir toll, denn es führt die Spieler nach und nach durch die Spielregeln.

Nun haben wir hier ja eine Menge Würfel vor uns liegen. Und im Grunde ist Rattle Battle natürlich nichts Anderes als ein Würfelspiel. Doch um dieses Würfelspiel wurden so geschickt Elemente herum platziert, dass sich das Würfelglück tatsächlich etwas minimieren lässt. Man kann so z.B. seine Galeone verbessern und Matrosen anheuern. Beides Dinge, die starken Einfluss auf das Spielgeschehen nehmen können. Ganz entweichen lässt sich dem Glücksfaktor allerdings nicht, denn mit welchem Upgrade man seine Galeone versehen kann oder welchen Matrosen man erhält, ist dann doch wieder vom Zufall abhängig. Schließlich kann man sich diese nur aus einer Auswahl von drei Karten aussuchen. Wer hier also ein strategisches Spiel erhofft, wird sicher enttäuscht sein. Für alle, die sich aber auf ein Abenteuer einlassen können, bei dem nun mal auch unerwartete Dinge passieren können, kann Rattle Battle empfohlen werden. Es geht halt ganz wie im wahren Piratenleben zu 😉

Besonders gut gefällt uns das Questen. Jede Quest ist anders und so warteten plötzlich fiese Ungeheuer im Meer auf uns oder ganz besonders starke neutrale Schiffe. Es gibt verschiedene Schwierigkeitsstufen bei den Abenteuerkarten, so dass man sanft anfängt und es dann immer schwerer wird. Toll ist auch, dass man eine Quest „nicht“ nicht bestehen kann. Man kommt durchs Abenteuer, auch wenn man sich mal nicht so gut schlägt.  Frust muss somit nicht aufkommen. Klar, je mehr neutrale Schiffe man versenkt, desto mehr Gold erhält man und das lässt sich letztendlich ja in wertvolle Siegpunkte eintauschen. Und wie man es beim Questen so kennt, erhält man wertvolle Loots. Die Idee, diese Schätze im Hafen dann eintauschen zu dürfen, finden wir richtig gut, auch wenn der Platz für Loots auf der Galeone anfangs sehr gering ist. So ist man schnell gezwungen, so schnell wie möglich einen Frachtraum zu kaufen.

Etwas umständlich ist übrigens das andauernde Ausmessen bei Aktionen und Kämpfen. Zwar liegt dem Spiel ein Lineal dabei, doch das eckt im Karton immer wieder mal an. Gut dass man da auch einfache Spielkarten zur Hand nehmen kann und in besonders engen Ecken muss halt auch mal das Augenmaß herhalten.

Ab 8 Jahren würden wir das Spiel allerdings nicht empfehlen. Eher ab 10. Es ist nicht so, dass die verschiedenen Regeln so kompliziert wären, aber die Kombination der verschiedenen Abläufe und Variationen lässt es doch zu anspruchsvoll für manch 8-Jährige werden. Zumal die Spieldauer mit 30 Minuten je Spieler eher ungewöhnlich lange für ein Familienspiel ist.

Insgesamt hat uns Rattle Battle Grab the Loot gut gefallen. Nach einem etwas holprigen ersten Spiel kam ab der dritten Runde richtig viel Spaß auf, so dass es  noch ettliche Male mehr auf den Tisch landete. Besonders begeistert waren unsere Teenager, die mächtig Spaß am Questen hatten und denen gerade die Würfelorgie richtig gut gefiel. Auch wenn sich Genre und Zielgruppe für das Spiel nicht ganz deutlich eingrenzen lassen, können wir Rattle Battle für alle empfehlen, die einfach mal ganz was Anderes ausprobieren möchten.

 

(Eine Rezension von Petra Fuchs)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form verwendet wurde.

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Familienspiel und Kennerspiel”

  • ... Altergruppe bis 12 Jahre
  • ... Altergruppe 13-49 Jahre
  • ... Altergruppe 50-75 Jahren
3.7

Rattle Battle Grab the Loot (2015)

Autor: Ignacy Trewiczek
Grafik: Rafał Szyma
Verlag: Portal Games

Spieleranzahl: 2-5 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 8 Jahren
persönliche Altersempfehlung Verlag: Ab 10 Jahren
Spieldauer: 30 Minuten je Spieler

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