Eine tolle Werwolf-Variante – “Salem 1692” hat nur das falsche Thema (Rezension)

Manchmal sind Themen nur aufgepfropft. Da hat die Spielmechanik so gut wie nichts mit dem Thema zu tun. Es ist beliebig auswechselbar. Ob Mittelalter, Fantasy, Sci-Fi, Ackerbau oder wasweißich. In der Regel stört das auch nur am Rande. Das merkt man, wenn man in einem Spiel nur sagt: „Das kostet jetzt 3 Geld“. Taler sollten es im Mittelalterspiel sein, Spacecoins im Weltraumspiel, Möhren beim Ackerbau. Sehr schnell ist das Thema des Spiels unbedeutend und nur bei wenigen Spielen ist es spielfördernd. Und nur bei wenigen Spielen fügt sich Thema und Mechanik perfekt zusammen. Dann taucht man in das Spiel ein und es nimmt einen mit.

Manchmal, ganz selten, wünscht man sich, dass das nicht so ist. Wenn ein Thema nicht unbedingt dem Geschmack der Spieler entspricht. Dann muss man das Thema einfach ausblenden.

Ich habe „Salem 1692“ auf dem Tisch. Es ist eine der unzähligen Werwölfe-Varianten. Diesmal eine der richtig guten Varianten, soviel gleich mal im Voraus. Wenn man das Thema ausblendet. Denn das Spiel lehnt sich an einen geschichtlichen Hintergrund an, an eine wahre Begebenheit damals in Salem im Jahre 1692. Es geht um Hexenverfolgung. Um Massenwahn, Hysterie, Misstrauen, grundlosen Anklagen bis zu Mord. Kein Thema für ein Spiel! Weil es nicht abstrakt ist wie im Schach. Da wird ein Bauer geopfert. Aber es ist kein Bezug zu einem existierenden Bauern vorhanden. Hier wird genau an die Geschichte von Salem angeknüpft. Ein bisschen zu real das Ganze. Immerhin spechen wir von 150 der Hexerei angeklagten Personen, von denen 25 zum größten Teil aufgehängt wurden, weil sie angeblich Hexen waren.

Ok. Der Verlag hat es sich vorgenommen, ein paar dunkle Momente der Geschichte in Spiele zu übersetzen. Nehmen wir das so hin. Und blenden das Thema einfach einmal aus. Betrachten wir das Spiel abstrakt, ohne an die tatsächliche, lebendige Geschichte zu denken, an die Grausamkeiten, die hinter diesem Spiel stehen.

Also. Wir haben eine Werwölfe-Variante vor uns. Dabei sind wir die (noch) friedlichen Einwohner von Salem. Jeder Spieler erhält eine Anzahl Rollenkarten verdeckt zugeteilt, abhängig von der Spieleranzahl. Bei acht Spieler sind das vier Karten. Dabei sind fast alles harmlose Bürgerkarten, nur ein oder zwei Hexenkarten und eine Polizistkarte sind mit hineingemischt. Wer jetzt eine Hexe ist (ja, es gibt sie tatsächlich, sagt das Spiel!), der wird im Lauf des Spiels versuchen, alle normalen Bürger entweder ebenfalls zu einer Hexe zu machen oder sie auszuschalten. Die Aufgabe des Polizisten ist es, in der Nachtphase des Spielzugs, wenn die Hexen auf Jagd gehen, einen der Bürger vor dem Tod zu retten. Tricky wird es, wenn der Polizist gleichzeitig Hexe ist.

Das Spiel funktioniert mit und ohne Moderator. Ohne Moderator muss einer der Mitspieler den „Stadtschreier“ übernehmen und die jeweiligen Phasen ansagen. Das funktioniert sehr gut und ist auch sehr empfohlen, denn so kann jeder am Tisch mitspielen.

Wie läuft nun das Spiel. Wer am Zug ist, hat zwei Möglichkeiten. Entweder zwei Karten vom Nachziehstapel ziehen oder Handkarten ausspielen. Zieht der Spieler eine schwarze Karte, muss diese sofort abgearbeitet werden. Spielt er Karten, kann er beliebig viele Karten an beliebig viele Mitspieler ausspielen. Das sind in der Regel Anklage-Karten. Eigentlich Denunzierungskarten. Hat ein Spieler sieben Anklagen vor sich liegen, darf der Spieler, der die letzte Anschuldigung gespielt hat, eine der vor dem Spieler liegenden Rollenkarten aufdecken. Ist es die letzte Karte des Spielers, ist er aus dem Spiel ausgeschieden (gestorben). Ist die aufgedeckte Karte die letzte im Spiel befindliche Hexenkarte, hat das Gute gewonnen. Ist hingegen der letzte Bürger der Stadt ausgeschieden, endet das Spiel mit einem Sieg der Hexen.

Wichtig dabei und das ist auch das richtig spannende am Spiel, es muss nicht jede Hexe enttarnt werden, nur die im Spiel befindlichen Hexenkarten müssen aufgedeckt sein. Im Lauf des Spiels gibt es nämlich immer wieder die Situation, wo Rollenkarten weitergegeben werden. Wer einmal eine Hexenkarte hatte, ist ab sofort immer Hexe. Wer eine Hexenkarte im Spiel bekommt, wird zur Hexe. Somit können sich die Hexen sehr schnell ausbreiten. Da diese dann auch noch in einer gemeinsamen Aktion einen Bürger töten können, dezimiert sich die Zahl der „Guten“ und die Zahl der „Bösen“ nimmt zu. Das geht den unbescholtenen Bürgern manchmal zu schnell und bevor man wirklich im Spiel ist, sind alle Hexen und man selbst aus dem Spiel.

Zusätzlich im Spiel gibt es noch Bürgerkarten. Die geben jedem Spieler spezielle Fähigkeiten, die er im Spiel einsetzen kann. So wird Spiel für Spiel für Varianz gesorgt und kaum ein Spiel ähnelt dem anderen. Dadurch dass man Anklagekarten ausspielt, muss man sich mit den Mitspielern einigen, wem man die Anklagekarten zuschiebt. Das gelingt nicht immer, vor allem, weil die geheimen Hexen ganz andere Ziele verfolgen. Das macht richtig Laune.

Es spielt sich sehr flott, auch wenn eine Partie schonmal 45 Minuten und mehr dauern kann. Aber man fiebert mit, wie es den Bürgern von Salem ergeht und ob das Böse gewinnt oder ob mit Hilfe des Polizisten und anderer Bürger das Schlimmste verhindert werden kann, indem man rechtzeitig ein paar Hexen aufknöpft, sorry, enttarnt. Man schmiedet Pläne, die plötzlich über den Haufen geworfen werden, wenn man über Nacht selbst zur Hexe wird. Man sucht Verbündete, misstraut aber jedem und jeder bezichtigt jeden. Da steigt die Stimmung am Tisch, und man fühlt sich irgendwie mitten im Mob, wenn plötzlich alle über einen herfallen, nur weil er ein falsches Wort gesagt hat und jeder ihn ab sofort für eine Hexe hält. Hoffentlich verstehen das alle am Tisch nur als Spiel. Die unvermeidlichen Sprüche am Tisch, was viele Leute gern als Stimmung bezeichnen, ist dabei manchmal arg an der Grenze dessen, was man Außenstehenden noch vermitteln kann als „ist nur ein Spiel“. Zu nah ist man an realen Geschehen dran.

Das Spiel macht – Thema ausgeblendet- richtig viel Laune, ist meiner Meinung nach eine der besten Werwölfe-Varianten und hat auch Leuten gefallen, die in der Regel mit dieser Art von Spiel nichts anfangen konnten. Da es auch bis zwölf Spieler geht, kann man es wunderbar als Einstieg in einen größeren Spieleabend nehmen. Das Spiel wendet sich an jeden Spielertyp, auch unerfahrene Spieler sind schnell im Spiel. Erfahrene Wölfe nehmen die Diskussion am Tisch schnell in die Hand, aber da jeder Spieler für sich entscheidet, wann er wem wieviele Karten gibt, ist das Problem mit den „Alphaspielern“ sehr gering. Natürlich erwartet das Spiel von jedem Spieler, dass er sich entsprechend einbringt, was dadurch eine kleine Hürde für absolute Neulinge darstellt. Die ist aber schnell überwunden, denn soviele Möglichkeiten gibt es auch nicht und wirklich Fehler kann man auch nicht machen.

 

FAZIT

„Salem 1692“ von Travis Hancock für 4-12 Spieler ab 12 Jahren, erschienen bei Facade Games 2015, ist eine der besseren Werwölfe-Varianten. Es bietet viel Eigeninitiative, Spannung und Stimmung am Tisch und unterscheidet kaum zwischen unerfahrenen und erfahrenen Spielern. Taktische Möglichkeiten durch das Ausspielen der Karten, die eigenen Spezialfähigkeiten laden zu intensiven Diskussionen am Tisch ein, die aber sehr schnell auch dahingehend umschlagen, dass man sich gegenseitig und hitzig denunziert.

Vielleicht sollte man als Spielerklärer nicht zu sehr auf den geschichtlichen Hintergrund eingehen, denn es gibt Leute, denen das einfach zu nah an der Realität ist und mit jeder gespielten Anklagekarte kommt das Thema hoch und man erlebt am Tisch, wie schnell sich die Stimmung gegen einen wenden kann. So haben sich wohl die Bürger von Salem auch gefühlt.

Das Spiel ist derzeit nur auf englisch erhältlich und fraglich ist, ob es  – aufrund des realen Hintergrundes – eine Übersetzung geben wird . Leider, denn die Mechanik ist sehr gut und würde, weniger realitätsnahes Thema vorausgesetzt, ein sehr gutes Spiel ergeben.

 

BEWERTUNG

+ sehr gute Werwölfe-Variante
+ viel Eigeninitiative gefragt
+ alle Spieler spielen mit, braucht keinen Moderator
+ tolle Verpackung, sieht aus wie ein Buch
– Spieler können früh ausscheiden und müssen dann zusehen (dürfen nicht mehr mitreden)
– Thema mehr als fragwürdig
– nur auf englisch zu kaufen (aber mit etwas Englisch-Kenntnissen gut spielbar)

 

Anmerkung: Ich bin normal kein Freund von Spielthema-Diskussionen. Wir alle können Spiel und Realität unterscheiden. Wenn aber ein Spiel damit wirbt, einen realen Vorfall umzusetzen, und (das ist der entscheidende Punkt) sich im Spiel spieltechnisch bedingt durchaus ähnliche Diskussionen ergeben wie in dem geschichtlichen Vorbild und das Spiel sich nicht deutlich davon abgrenzt, dann wird es auch für mich diskussionswürdig. Es ist ein amerikanisches Spiel. Wir sehen Dinge manchmal etwas anders als unsere Freunde jenseits des großen Teichs. Und darüber bin ich ab und zu ganz froh.

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form verwendet wurde.

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
Gruppenspiel
und unabhängig vom Thema!

 

  • ... Altergruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 bis 75 Jahre
4

Salem 1692

Autor: Travis Hancock
Grafik: Sarah Keele
Verlag: Facade Games, Vertrieb Deutschand: Board Game Circus

Spieleranzahl: 4-12 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren
persönliche Altersempfehlung Verlag: Ab 16 Jahren
Spieldauer: 30 Minuten

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