Landwirtschaft vom Feinsten – “Agricola” von Lookout hat jeden Preis verdient (Rezension)

„Ich werde heute pflügen. Meine Frau ist unterwegs zum Holzmarkt und wird dort die vielen Bretter mitbringen, sollten sie noch da sein. Meine Tochter wird später noch zum Schafmarkt gehen, dort gibt es drei Schafe, die wir gut auf unserer gestern angelegten Weide unterbringen können. So wie es aussieht, kann die Erntezeit kommen. Wir sind gut gerüstet und wir werden genug zu Essen haben bis zum nächsten Jahr.“

Der Bauer, den wir da im Herbst 1670 belauscht haben, hat es gut. Denn seine Familie nach der Erntephase ernähren zu können, ist mit die schwerste Aufgabe in „Agricola“. Dazu muss man eine geschickte „Versorgungsmaschine“ aufbauen, damit man sich anschließend den wichtigeren Dingen widmen kann, nämlich den siegpunktertragreichen Beschäftigungen.

Der erfahrene Spieler hat gemerkt, es geht um „Agricola“ von Uwe Rosenberg, das mit Preisen überhäufte, mittlerweile zehn Jahre alte Spiel um den Aufbau eines Bauernhofs im 16. Jahrhundert. Nach vielen Auflagen erschien Agricola 2017/2018 neu aufpoliert als Familienspiel und als Kennerspiel. Auf die Deluxe-Ausgabe warten wir noch etwas.

Muss ich Agricola noch beschreiben? Na gut, es gibt vielleicht neue Spieler, die eines der besten Spiele des letzten Jahrzehnts noch nicht kennen.

Agricola ist ein Worker-Placement-Spiel, also ein Arbeiter-Einsetz-Spiel. Zu Beginn jeder Runde hat man zunächst zwei, später bis zu fünf Arbeiter (in diesem Fall Familienmitglieder der Bauersfamilie) und kann diese, abwechselnd mit seinen Mitspielern, auf bestimmte Felder setzen und die dortige Aktion ausführen. So erhält man unter anderem Baumaterial (Holz, Schilf, Stein, Lehm etc.), oder man kann mit ebenjenem Material bauen (Haus erweitern, Ställe und Zäune bauen etc.), man kann aber auch Errungenschaften anschaffen, die einem im Spiel individuelle Vorteile verschaffen oder man kann seine Arbeiter weiterbilden, um sie für spezielle Aufgaben besser zu rüsten. Zudem kann man Äcker pflügen und Weizen oder Gemüse anbauen, aber auch Tiere halten. Hauptzweck der Aktionen ist natürlich, am Ende des Spiels (nach 15 Runden) die meisten Punkte zusammenzubringen. Wobei ein wesentlicher Aspekt die ständige Sorge um die Ernährung der Familie ist.

Überhaupt ist Agricola ein Mangelspiel, es fehlt ständig an allen Ecken, vor allem an Nahrung. So ist man fast die ganze Zeit damit beschäftigt, niemanden verhungern zu lassen. Denn das bringt dicke Minuspunkte und der Gewinn ist in weiter Ferne. Wem es also gelingt, seinen Bauernhof so zu bauen, dass er früher oder später genug Nahrung abwirft, der stürzt sich dann auf die weiteren Aufgaben, die Punkte bringen.

Sehr elegant gelöst ist die Punktevergabe, die nämlich Monopolisten keineswegs bevorzugt. Wer also viele, viele Schafe hat aber keine anderen Tiere, erhält nicht wirklich viele Punkte. Man muss von jedem etwas haben, und möglichst viel. Das ist richtig prickelnd, denn durch die Karten, die man zu Beginn auf die Hand bekommt und von denen jeder Spieler natürlich andere hat, startet jeder Spieler also unter anderen Voraussetzungen, das Ziel ist für alle Spieler aber gleich.

Jedes Spiel wird durch die Karten anders, und ohne die Karten wirklich gut zu nutzen ist eine gute Punktewertung kaum möglich.

Das Spiel bietet in der hier getesteten Kennerversion Errungenschaftskarten und Fortbildungskarten. Diese fehlen in der Familienausgabe, wodurch das Spiel deutlich an Komplexität verliert und zu einem sehr schönen und leicht zu spielenden Familienspiel wird. Die Karten bringen aber die nötige Würze ins Spiel. Für die alte Version gab es unzählige Erweiterungen, die stets neue Karten ins Spiel brachten. Diese Erweiterungen sind immer noch kompatibel. So bietet das Spiel nicht nur genug Karten für viele, immer neue Spiele, sondern für die, die Agricola perfekt kennen, genug Futter.

Hier kommt der einzige Kritikpunkt zum Tragen: Das Kartenglück. Aber mit der Draft-Regel ist das sehr klein gehalten. Jeder Spieler erhält acht Karten, darf sich eine behalten und gibt die anderen Karten an den Spielnachbarn weiter. So geht das solange, bis jeder letztlich acht Karten auf der Hand hat, Das Glück wird so deutlich minimiert. Da im Spiel keine weiteren Karten dazu kommen, kann man seine Strategie vorher festlegen, auch wenn immer wieder taktische Überlegungen dazukommen müssen, je nach dem, welche Aktionsfelder gerade besonders viel anbieten bzw. welche überhaupt noch frei sind. Denn jedes Aktionsfeld darf nur mit einem Arbeiter belegt werden und die auf manchen Feldern liegenden Materialen werden in jeder Runde aufgestockt. So kann ein Holzfeld entweder zwei Bretter bieten oder nach einigen Runden sogar deutlich mehr. Da gilt es zu Zocken. Bleiben sie noch eine Runde liegen und kann ich dann deutlich mehr abgreifen oder kommt mir ein Mitspieler im letzten Augenblick noch dazwischen.

Die Interaktion beschränkt sich darauf, dem Mitspieler die Aktionsfelder zu verbauen. Das ist aber sehr heftig, denn das bedeutet, der Mitspieler muss eine ganze Runde lang warten. Das kann die sorgfältig geplante Strategie schnell über den Haufen werfen. Es ist also angesagt, stets ein Auge oder besser beide auf die Mitspieler zu richten, was planen die, was haben sie vor, wie kann ich ihnen in die Quere kommen ohne meine Ziele aus den Augen zu lassen. Knifflig, spannend, perfekt.

Das Spiel verzeiht wenig, erfahrene Spieler haben gegenüber Neulingen klare Vorteile, wer die Karten gut kennt und schnell Zusammenhänge herstellt, hat zu Beginn des Spiels deutliche Vorteile.

Ein Spiel, das erspielt werden will, dies aber auf eine sehr unterhaltsame und spannende Weise. Agricola macht Spaß, man sieht seine Farm und seine Familie wachsen, man baut etwas Großes auf. Das unterhält ganz hervorragend und da kann man auch mal über eine verlorene Partie hinwegsehen, denn am Ende weiß man ganz genau, was man beim nächsten Mal besser machen wird.

Agricola ist für 1 bis 6 Spieler (mit Erweiterung). Es skaliert perfekt mit, je mehr Spieler im Spiel, desto mehr Aktionsfelder und Karten sind vorhanden. Gerade zu zweit oder zu dritt spielt es sich perfekt, je mehr Spieler am Tisch sitzen, desto länger wird die Wartezeit, die bei sechs Spielern schon mal schmerzhaft wird Übrigens auch Solo macht es wirklich Spaß seinem eigenen Rekord nachzujagen und Spiel für Spiel besser zu werden.

Agricola ist ein Kennerspiel und hat die Latte für alle anderen Kennerspiele deutlich höher gelegt. Es ist fordernd ohne zu überfordern, es bietet strategische Planung kombiniert mit kurzfristigen taktischen Aktionen, es unterhält und jedes Spiel fühlt sich deutlich kürzer an als die tatsächlich verstrichene Zeit.

Kennerspieler sollten sich das Spiel auf alle Fälle ansehen, wobei die aktuelle polierte Version etwas ausbalanciertere Karten bietet als noch die alte, erste Version. Auch das Material ist besser gestaltet (Spielbrett statt Kartenauflagen). Gelegenheitsspieler haben hier ein kniffliges Spiel vor sich, das (mit allgemeiner Spielerfahrung) aber gut zu meistern ist. Für Anfänger ist die Familienversion geeignet, um einen Einstieg die die etwas komplexeren Spiele zu finden.

Das Spiel hat zurecht viele Auszeichnungen erhalten und ist jetzt bereits ein Spieleklassiker, der in jedes Spieleregal gehört. Und obwohl sich „Klassiker“ verstaubt anhört, ist „Agricola“ topmodern, kein bisschen altbacken und kann jederzeit mit den aktuellen Spielen mithalten. Ein Evergreen, den man haben muss und der auch in den nächsten zehn Jahren immer wieder auf den Tisch kommen wird.

Und wer meint, das Spiel richtig zu beherrschen, für den ist der Weg zu den Weltmeisterschaften offen.

 

FAZIT

Agricola von Uwe Rosenberg aus dem Lookout-Verlag von 2008 (polierte Auflage erschienen 2018) ist ein Kennerspiel für 1 bis 4 Spieler (1-6 mit Erweiterung) ab 12 Jahren. Es ist ein Arbeiter-Einsetz-Spiel, bei dem man seinen Bauernhof aufbaut, seinen Wohnraum ausbaut, Felder und Weiden anlegt, bei dem man seine Arbeiter weiterbildet und Anschaffungen tätigt. Belohnt wird, wer in seinem Bauernhof möglichst die ganze Breite an Feldfrüchten und Tieren hält. Dringendste Aufgabe ist die Ernährung seiner Arbeiter, denn das Spiel ist ein Mangelspiel und es kommt auf das Geschick des Spielers an, diesen Mangel in den Griff zu bekommen. Dabei geben die zu Spielbeginn erhaltenen Karten die Strategie bereits in grober Richtung vor.

Agricola ist eines der besten Spiele des letzten Jahrzehnts, zurecht ein Klassiker und überhäuft mit Preisen. Das Spielgefühl ist perfekt, man sieht seinen Bauernhof wachsen und am Spielende weiß man immer, warum man nicht optimal abgeschnitten hat. Ab fünf Spielern wird die Wartezeit länger, zu sechs sollte man viel Geduld mitbringen. Auch Solo eine tolle Erfahrung.

Und noch ein Wort zur Grafik: genial! Liebevoll, spielförderung und -einladend gemacht,  übersichtlich und fast selbsterklärend. Hut ab, so muss Spielgrafik sein. Klemens Franz zeigt wie es geht.

Auch wer mit Landwirtschaft nichts am Hut hat, wird es lieben, seine Aufbaupläne in die Tat umgesetzt zu sehen. Es ist ein Spiel, das einen mit seinem perfekt integrierten Thema sofort hineinzieht und man lebt mit, wie der eigenen Bauernhof wächst und gedeiht.

Das Spiel gehört in jedes Spielregal und mehr noch: Es gehört immer wieder auf den Spieltisch!

 

BEWERTUNG

+ top ausgestattetes Spiel
+ spielfördernde, unterstützende und geniale Grafik
+ hervorragend integriertes Thema
+ jedes Spiel bietet neue Herausforderungen
+ spannende taktische Entscheidungen in langfristiger Strategie
+ viele Wege führen zum Sieg
– erfahrene Spieler haben deutliche Vorteile gegenüber Anfängern
– zu sechs zu viel Wartezeit

 

GIMME FIVE

(Abklatschen mit Worten – Statement der Mitspieler nach dem Spiel in einem Satz mit fünf Wörtern)

“Nahrung, Ausbildungen, Nahrung, Anschaffungen, Nahrung!”
“Perfektes Spiel, immer wieder top!”
“Hunger macht viele Strategien kaputt!”
” Aufbauspiel für Kopf und Spielerseele!”
“Alt aber sowas von gut!”
“Die andern nehmen alles weg!”
“Nächstes Mal wird alles besser!”

 

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen 
bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form 
verwendet wurde.

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorien:
“Kennerspiel”

  • ... Altergruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 bis 75 Jahre
5

Agricola

Autor: Uwe Rosenberg
Grafik: Klemens Franz
Verlag: Lookout

Spieleranzahl: 1-4 Spieler (mit Erweiterung 1-6)
Altersempfehlung Verlag: Ab 12 Jahren
eigene Altersempfehlung: Ab 10 Jahren mit Hilfe und Spielerfahrung

Spieldauer: 30 – 120 Minuten

Generationentauglich: Das Thema lädt alle Altersschichten ein, der Anspruch ist für die empfohlenen Altersgruppen gleich fordernd.

Pädagogisch wertvoll:

Hits: 70

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