Mach mir den Karajan – “Concerto” macht uns zu Memory-Dirigenten (Rezension)

Sich fühlen wie Karajan, ein ganzes Orchester gehorcht auf die Bewegung eines kleinen Holzstäbchens. Schon ein schönes Gefühl, wenn man mit kleinen Handgesten die Massen dirigiert. In Concerto ist man so ein Dirigent. Wir sind in einem Wettstreit, die besten Dirigenten treten gegeneinander an. Und nur, wer zuletzt die meisten Punkte gesammelt hat, ist der größte aller Dirigenten.

Dass man in diesem Spiel kein Rhythmusgefühl benötigt, kommt sicher vielen Spielern entgegen. Tatsächlich geht es nur um einzelne Schlagfiguren. Aber die muss man sich merken! Ja richtig, wir haben es hier mit einer Memory-Variante zu tun, in der man sich Bewegungen merken muss.

Jedesmal, wenn wir ein neues Instrument in unser Orchester aufnehmen, ziehen wir auch eine Schlagfigur, die diesem Instrument zugeordnet wird. Diese Kombination müssen wir uns gut merken. Die Schlagfigur ist auf einem Holzwürfel aufgeklebt, den sehe ich mir an und stelle ihn anschließend so vor die Instrumentenkarte, dass nur meine Mitspieler die Abbildung sehen, ich nicht mehr. Mit meinem Orchester muss ich dann Musikstücke aufführen, dazu wähle ich die entsprechende Karte aus der Ablage. Auf diesen Karten sind die Instrumente abgebildet, die für die Aufführung dieses Stücks benötigt werden, und zwar in einer bestimmten Reihenfolge.

Meine Aufgabe ist es nun, die einzelnen Instrumente in der Reihenfolge auf der Karte mit meiner Handbewegung aufzurufen. Nur wenn ich zu allen Instrumenten die richtige Schlagfigur ausgeführt habe, kann ich die Punkte für das Stück kassieren. Je komplexer das Stück ist, also je mehr Instrumente benötigt werden, desto mehr Punkte kann ich kassieren. Bis zu neun verschiedene Instrumente und sechs verschiedene Schlagfiguren gibt es. Da die Kombination Instrument/Figur jedesmal neu bestimmt wird und meine Mitspieler womöglich ganz andere Figuren für die Instrumente haben, wird das Gedächtnis schon sehr beansprucht.

Sehr lustig ist es, dass dem Spiel ein Dirigentenstab beiliegt (naja, ein Holzsteckerl). Aber tatsächlich fühlt man sich sofort wie ein Maestro, der sein Orchester durch ein Musikstück führt. Natürlich mit Antippen des Notenpults, um für Ruhe zu sorgen. Das macht Stimmung und erhöht den Spaßfaktor am Tisch deutlich.

Nach jeder Aufführung muss ich ein Instrument aus meinem Orchester entlassen. Entweder das Instrument, deren Bewegung ich gerade „vergeigt“ habe, oder bei Erfolg ein beliebig anderes. Also muss ich dieses Instrument, wenn ich es denn noch benötige, wieder auslegen und eine neue Bewegung dafür ziehen. Also eine neue Kombination merken!

Die komplexen aber punkteträchtigen Musikstücke haben schonmal sechs oder sieben verschiedene Instrumente, da wird’s richtig knackig. Gedächtnis-Genies rauschen nur so durch die Stücke, andere haben bereits Probleme, wenn sie sich zwei Instrumente merken sollen.

Fies wird es mit den Sonderkarten. Mit denen kann man schonmal einen Mitspieler ärgern, wenn man Instrumente austauscht. Aber sie können auch helfen, wenn sie mir erlauben, noch einmal eine Bewegung anzusehen.

Fühlt ihr euch noch wohl damit? Ok, dann probieren wir noch die empfohlene Maestro-Variante. Dazu wird jedesmal, wenn ein Musikstück erfolgreich aufgeführt wurde, eine Dirigentenkarte gezogen, der Text darauf vorgelesen und diese Karte anschließend verdeckt abgelegt. Sie ist jetzt die aktive Dirigentenkarte. Sie beschreibt besondere Eigenheiten eines berühmten Dirigenten, die bei der Aufführung eines Musikstücks beachtet werden muss. Nachschauen ist nicht! Also noch was zum merken! So Regeln wie „das nächste Musikstück rückwärts abzuarbeiten“ oder „das nächste Stück im Stehen dirigieren“ sind schonmal schnell vergessen. Zwar kein großes Problem, es geht nur um zwei zusätzliche Punkte oder zwei Minuspunkte. Aber genau das kann ausschlaggebend sein.

 

FAZIT

Concerto von Uwe Bursik für 2-4 Spieler ab 8 Jahren, erschienen bei Skellig Games 2018, ist ein Memory-Spiel, bei der man sich Kombinationen aus Instrumenten und zugehörigen Handbewegungen merken muss, um sie in der Reihenfolge wiederzugeben, die auf Musikstück-Karten abgebildet sind. Wer sich so etwas gut merken kann, ist klar im Vorteil. Trotzdem sorgt das Spiel auch bei Spielern mit einem knapp bemessenem Kurzzeitgedächtnis für Spaß. Die Konzertatmosphäre beim Dirigieren, die Kommentare beim Vergeigen oder dem richtigen Aufführen großer klassischer Werke machen das Spiel kurzweilig, unterhaltsam und witzig.

Dass berühmte Dirigenten wie Baniel Darendoim oder Beonard Lernstein (absichtlich so geschrieben!) vorkommen, belebt das Spiel. Ebenso die berühmten Musikstücke, bei denen die verwendeten Instrumente tatsächlich (meist) den Instrumenten in den originalen Vorbildern entsprechen sollen. Respekt wenns wirklich so ist – die Zeit für die Rezi hat ein Nachhören zum Überprüfen aber nicht ermöglicht 😉

Das Spiel macht richtig Spaß für alle Spielergruppen, Vielspieler werden wenig Sinn darin finden, aber gegen ein bisschen Spaß und Gedächtnistraining kann niemand wirklich etwas einwenden. Der Vorteil liegt natürlich wieder bei der Jugend, Kids sind einfach besser beim Memory.

Das Material hat seine Tücken. Die Karten sind klar gestaltet und lassen sich gut spielen. Die Grafiken sind spielunterstützend und ohne zuviel thematisches Drumrum – manche sind aber etwas zu nüchtern geworden. Die Tafel für Punktewertung ist missglückt. Denn die Bereiche für die einzelnen Punkte sind selbst für eine Figur viel zu klein und dann auch noch zu nah zusammen. Mehrere Figuren auf einem Punktfeld sind gar nicht möglich. Aber wenn man die Figuren hinlegt und aufeinanderstapelt, ist auch dieses Problem behoben. Scheiben wären besser gewesen.

Ein anderes Problem ist, dass wir die Punkte rückwärts abtragen. Wir starten zum Beispiel bei vier Spielern bei 20 Punkten und arbeiten uns runter auf die Null. Wer zuerst bei oder unter die Null geht, gewinnt. Das ist etwas unglücklich, denn es fühlt sich an, als würde ich jedesmal Minuspunkte bekommen. Kein großes Problem, aber hätte man eleganter lösen können.

Alles in allem macht das Spiel Spaß und kann – je nach Spielergruppe – für viele Lacher am Tisch sorgen. Vorausgesetzt, man kann und mag sich auf Memory-Spiele einlassen. Allen anderen Spielern rate ich, eher Abstand zu halten. Auch wenn es irgendwie doch Spaß macht, den Taktstock zu schwingen. Und wenn bei bekannten Musikstücken alle am Tisch die Melodie summen, hat der Autor irgendwie alles richtig gemacht.

Zusammengefasst: Gut ausgestattete Memory-Variante zum Merken von Handbewegungen für das Dirigieren von Musikstücken. Unterhält und bietet viel Möglichkeit für thematischen Spaß in der Spielergruppe, wenn sie sich darauf einlässt. Sonst wird’s schnell ein „normales“ Memoryspiel mit frischem Thema aber den gleichen Problemen (Kurzzeitgedächtnis).

 

BEWERTUNG

+ neue Memory-Idee
+ Taktstock liegt bei
+ kann die Spielgruppe zu viel Spaß anregen
+/- Grafik spielunterstützend aber etwas nüchtern
+/- zweisprachige Karten können auch verwirren
– Punktetafel viel zu klein gestaltet

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form verwendet wurde.

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Familienspiel”

 

  • ... Altergruppe bis 12 Jahre
  • ... Altergruppe 13 bis 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 bis 75 Jahre
3.7

Kurzfassung

Titel: Concerto
Autor: Uwe Bursik
Grafik: Zoe Gillies
Verlag: Skellig Games

Spieleranzahl: 2-4 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 8 Jahren
Spieldauer: 30 Minuten

Generationentauglich: Wie jedes Memoryspiel eher für die Jugend, hat bei gemischten Altersgruppen klare Vorteile

Hits: 168

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