Xtrem gaming – summer challenge (Kennerspiele im Härtetest – kurze Rezensionen)

3 Tage – 4 Spieler – 11 Expertenspiele

oder

Die ultimative Herausforderung für Spiel und Mensch

Sommer 2018. Hitze. Tollkühn wirft sich die Jury in die schweißtreibende Schlacht, um aus den elf angetretenen Spielen ihre Favoriten zu bestimmen. Wie jedesmal treten an die vier besten Spiele aus der letzten Challenge, jeweils ein Spiel eines jeden Mitspielers (zwei des Gastgebers) und zwei vorher gemeinsam bestimmte Spiele. Jedes Spiel wird gespielt und bewertet. Am Ende werden die vergebenen Punkte gezählt und es ergibt sich eine neue Xtrem-Hitliste – bis zur nächsten Challenge.

Gewonnen hat jedes Spiel, denn nur die wirklich Guten kommen in den Wettbewerb. Alle elf Spiele sind Top-Spiele, jedes ist für Kennerspieler eine Empfehlung. Aber der Jury entgeht keine Schwäche und die Punktevergabe ist gnadenlos. So wurde bewertet:

6 Punkte: absolutes Top-Spiel ohne Einschränkung

5 Punkte: sehr, sehr gutes Spiel, gehört in meine Spielesammlung und oft auf den Spieltisch

4 Punkte: sehr gutes Spiel, spiele ich gerne mit, werde ich bei Platz im Regal kaufen

3 Punkte: sehr gutes Spiel, bringt alles mit, um Spaß zu machen, aber muss ich nicht selber haben

2 Punkte: gutes Spiel, nicht ganz mein Fall

1 Punkt: gutes Spiel, aber ein paar Dinge stören mich

 

SNOWDONIA – wie immer eröffnet das Xtrem Gaming der Champion der letzten Challenge. Mittlerweile ein Dauergast auf Platz 1. Ein wunderbares Worker-Placement-Spiel, das von der Komplexität her genau den Sweetpoint der Jury trifft. Mehrere Siegstrategien treffen auf mehrfache indirekte Interaktion, eine Prise Glück trifft auf strategisches Planen und taktische Spielzüge. Fein miteinander verwobene Möglichkeiten, perfekt ausbalancierte Spielmechanik, jedesmal überraschend anders. Und von den unzähligen Erweiterungen gar nicht zu sprechen. Wieder einmal konnte das Spiel, obwohl schon oft gespielt, alle am Tisch begeistern. Mit zweimal optimalen Bewertungen (6 von 6 möglichen Punkten) und weiteren Topnoten legt es die Latte für die anderen Herausforderer sehr hoch, vielleicht zu hoch.

Snowdonia – 21 Punkte (6, 6, 5, 4)

 

LISBOA – dieses Jahr neu in der Challenge. Und endlich ein Lacerda-Spiel im Wettbewerb. Grafisch ein Meisterstück, wenn auch erst einmal gewöhnungsbedürftig. Das Material bestechend, das Spiel komplex aber nicht kompliziert. Viele Möglichkeiten, die allesamt zusammenhängen. Eine Aktion dreht direkt und indirekt an vielen Schrauben. Hier den Überblick zu behalten, ist der Garant für den Sieg. Thematisch perfekt umgesetzt, sodass ein Spieleinstieg schnell und wie von selbst geht. Etwas Glück im Spiel macht eine spielübergreifende Strategie nicht zunichte, so dass nach Herzenslust geplant und gedacht werden kann. Ganz großes Kino.

Lisboa – 18 Punkte (6,5,4,3)

 

MARCO POLO – letztes Mal gerade noch unter die Top 4 gerutscht, überrascht jedesmal mit einem völlig anderem Gameplay. Je nachdem welche Karten auf den Städten liegen, muss man gezielt darauf seine Strategie aufbauen. Es gibt aber genug Möglichkeiten. Dieses Mal war das Geld extrem knapp. Also kein leichtes Reisen, dafür war das Blockieren der Marktplätze leichter und jeder musste sehr fein seine Möglichkeiten abwägen, um nicht durch einen unbedachten Zug zu weit zurückzufallen, bzw. den Mitspielern gute Möglichkeiten offen zu lassen. Aber auch diesmal war die Strategie, Aufträge zu erfüllen, zu stark gegenüber den anderen Siegwegen. Da sich diese Strategie in den meisten Spielen als siegreich erweist, gibt es diesmal für die Unbalance schlechtere Punktewerte.

Marco Polo – 14 Punkte (5, 4, 3, 2)

 

ALTIPLANO – dieses Jahr neu. Der Nachfolger von Orleans, das wegen des störenden Glücksanteils letztes Mal aus den Top 4 fiel. Dieses Mal hat der Autor vieles besser gemacht: Mein Beutel wird nicht mehr mit Figuren gefüllt, die dann nie wieder herauskommen (das „Abt-Syndrom“ bzw. der „Bermuda-Beutel“, mittlerweile geflügelte Wörter). Das Bewegen zu den Orten, um dort entsprechende Aktionen zu machen, ist eine neue Stufe der Herausforderung. Generell ist der Komplexitätsgrad leicht angestiegen. Was nicht gefällt, sind die unterschiedlichen Startvorgaben der Spieler. Die sind zu wenig ausbalanciert. Wer nach der zweiten Runde bereits Karten kaufen kann, hat deutliche Vorteile gegenüber denen, die das erst nach der dritten oder vierten Runde können. Schade für ein sonst sehr tolles Spiel.

Altiplano – 13 Punkte (5, 3, 3, 2)

 

AZUL – gemeinsam in die Challenge gewählt. Normal ist das „Spiel des Jahres“ kein Spiel für das Xtrem Gaming (wir können nur Kennerspiele). Dieses Mal aber hat Azul alle Spieler beeindruckt. Die Spieltiefe, die man erst nach ein paar Partien erahnt, die Variante auf der unbedruckten Rückseite, die direkte Konfrontation, indem man dem Gegner Spielsteine wegstiehlt, das alles machen aus Azul ein starkes Spiel auch für Expertenspieler. Für ein absolutes Spitzenspiel fehlt die Komplexität und die verschiedenen Siegstrategien. Auch ist das Spiel zu abstrakt, als das man sich in das Spiel „hineinleben“ kann. Auch wenn es bei der Challenge wenig Punkte erreicht, haben es alle Spieler auf dem Schirm und bewerten Azul für einen Absacker oder einem Zwischendurchgang als ideal.

Azul – 12 Punkte (4, 3, 3, 2)

 

HEAVEN AND ALE – das Gastgeberspiel und immerhin ein nominiertes Spiel für das „Kennerspiel des Jahres“. Übrigens gewann „Die Quacksalber von Quedlinburg“, ein einfaches Familienspiel ohne Anspruch. Wieder einmal war das Challenge-Team mit der Wahl mehr als unzufrieden. Wie schlägt sich das unterlegene Spiel? Der Vergleich zu dem von allen für sehr gut befundene Egizia ist naheliegend. Leider vermisst man das Thema in „Heaven and Ale“ und so wird es eine staubtrockene Angelegenheit. Es ist herausfordernd, manche Dinge sind sehr schön miteinander verzahnt, aber irgendwie sprang der Funke nicht über. Zu mechanisch, zu mathematisch, zu „normal“.

Heaven and Ale – 8 Punkte (3, 2, 2, 1)

 

KEYPER – nach stets fallenden Punkten vielleicht wieder ein Siegerspiel? Alle lieben die Key-Serie, besonders Keyflower hat jeder im Regal. Und Keyper setzt noch eines drauf. Zwar diesmal kein genialer Auktionsmechanismus, aber Worker-Placement perfekt abgestimmt auf ein herausforderndes und vielschichtiges Warenwirtschafts-Spiel. Jeder Spieler war bei der Regelerklärung begeistert, im Spiel noch mehr, denn es passt alles zusammen. Es spielt sich eigentlich leicht und locker, obwohl es eine wunderschön komplexe Angelegenheit ist, ohne trocken zu wirken oder in öde Rechnerei auszuarten. Die klappbaren Pläne sind „Schnickschnack“, aber unterstützen die Leichtigkeit des Spiels, obwohl es hinter der Leichtigkeit ein heftiger Hammer ist. Wow!

Keyper – 21 Punkte (6, 5, 5, 5)

 

THUNDER ALLEY – ungewöhnlich, dass ein englischsprachiges Spiel auf dem Tisch landet. Noch dazu eines, das man in Deutschland kaum kaufen kann. Leider. Sehr sehr schade. Denn das Spiel entpuppt sich als phantastisch. Mit Rennspielen können die Jurymitglieder in der Regel nichts anfangen. Aber wenn es so taktisch daherkommt wie Thunder Alley, wenn es so fordernd ist, mit soviel Interaktion zwischen den Spielern und dabei extrem spannend und dramatisch ist bis zur Zielüberquerung – dann sind alle begeistert und wundern sich, wieso eine solche Perle nicht im Spielermarkt zu finden ist. Kartengesteuert fährt man Nascar-Rennen (das ist wohl der Grund, dass es auf dem europäischen Markt keine Rolle spielt), aber eigentlich ist der Kurs egal. Es ist ein so dichtes, schnelles und nervenaufreibendes Spiel, und je mehr Spieler dabei sind desto besser. Vier Spieler passt, bis zu sieben können teilnehmen, und es ist zu keiner Sekunde langweilig.

Thunder Alley 18 Punkte (6, 5, 4, 3)

 

HASPELKNECHT – das Spiel, das wieder einmal lange Diskussionen auslöst. Bereits das letzte Mal spaltete Haspelknecht die Jury. Während die einen es für genial halten, taten sich andere schwer. Zuviel Glück, warfen die einen in die Diskussion, notwendige Strategieanpassung, forderten die anderen. Wenn man gewinnt, ohne das eigentliche Thema zu berücksichtigen (Kohleabbau), dann ist das nicht gut gelöst. Gegenargument, auch bei Marco Polo muss man nicht nach Peking reisen um zu gewinnen. Unter der Haube versteckt sich aber ein sehr feines Spiel, da waren dann doch alle Spieler einer Meinung, fast. Aber gegenüber der letzten Challenge ein deutlicher Abstieg, Problem war, dass das Spiel beim Thema Langzeitspaß nicht überzeugen konnte. Das nächste Mal vielleicht mit Erweiterung?

Haspelknecht – 12 Punkte (5, 3, 3, 1)

 

CLANS OF CALEDONIA – mit viel Vorschusslorbeeren bedacht tritt das Spiel gegen die starke Konkurrenz an, und lässt manchen Mitbewerber alt aussehen. Wunderschönes Warenwirtschaftsspiel, perfekt gelöste Organisation auf dem Tisch, das ganze Material zwar etwas zu klein, dafür ist das Spiel umso größer. Einzig die anscheinend übermächtigen Aufträge bringen das sonst sehr gut ausbalancierte Spiel und die Wertung etwas ins Wanken. Trotzdem für alle ein Gewinn für den Spieltisch und Daumen hoch für eine weitere Verbreiterung unter der Spielgemeinde.

Clans of Caledonia – 18 Punkte (5, 5, 4, 4)

 

ZHAN GUO – fast schon traditionell bildet dieses Spiel den Abschluss der Challenge. Und trotz der anstrengenden Tage des Xtrem Gaming waren die Erwartungen wieder einmal sehr groß. Zhan Guo ist das wohl unterschätzteste Spiel im Wettbewerb. Gut dass es eine Neuauflage erlebt und jeder sollte zugreifen, denn es verbirgt sich ein kniffliges, forderndes und richtig gutes kartengesteuertes Spiel in der Box. Jedesmal mit neuen Herausforderungen kann es mit vielschichtigen Spielmöglichkeiten und vielen Siegstrategien überzeugen. Der Glücksfaktor, zur richtigen Zeit die richtigen Karten zu bekommen ist relativ hoch, aber noch nicht spieleinschränkend. Im Gegenteil, es ist für die eigene Strategie wichtig, sich auch auf solche Hindernisse vorzubereiten. Wieder einmal ein perfekter Abschluss für die Challenge.

Zhan Guo – 18 Punkte (5, 5, 4, 4)

 

ERGEBNIS

Mit elf tollen Spielen war die Challenge wieder einmal ein voller Erfolg. Jeder der Spieler hatte seine persönlichen Favoriten gefunden, lange wurde noch über die Vorzüge der einzelnen Spiele diskutiert. Dass nur vier Spiele in die nächste Challenge gehen können, bedauerten die Spieler, denn auch unter den „Verlierern“ sind wirkliche Perlen. Thunder Alley entschied das Stechen um Platz 4 vor Clans of Caledonia und Zhan Guo deutlich für sich. Der alte Sieger ist auch der neue, Snowdonia konnte die Jury wieder einmal begeistern. Die Plätze 2 bis 4 sind neu verteilt und bringen frisches Blut in die Top 4 – ein für manche überraschendes aber völlig in Ordnung gehendes Ergebnis.

– Auszeichnung für das schönste Spiel (Material und Grafik): Lisboa

– Sonderpreis der Jury für das beste Zwischendurchspiel: Azul

– Überraschung der Challenge: Thunder Alley, ein Rennspiel das überzeugen kann

– Enttäuschung des Wettbewerbs: Heaven and Ale, Bierbrauen von der staubtrockensten Seite

Die Jury der Summer Challenge: Rollo („Seit wann mag ich Rennspiele?“), Matze („Können wir das nochmal spielen?“), Tschibu („Wie hieß das letzte Spiel, das wir gespielt haben?“) und Hage („Spielt sich wie das letzte, nur ganz anders!“).

Den Jury-Pokal für die beste Performance erhielt Matze, nur knapp vor seinen Verfolgern. Und auch nur, weil er in drei Spielen haarscharf den Tiebreak gewinnen konnte.

 

Danke fürs Lesen, bis zur nächsten Xtrem Gaming Challenge!

 

Die Wertung und die TOP 4

1. (1.) Snowdonia 22
2. (-) Keyper 21
3. (-) Lisboa 19
4. (-) Thunder Alley 18

5. (-) Clans of Caledonia 18
6. (2.) Zhan Guo 18
7. (4.) Marco Polo 14
8. (-) Altiplano 13
9. (-) Azul 13
10. (3.) Haspelknecht 12
11. (-) Heaven and Ale 8

 

(Ein Bericht von Gerhard Hany (Hage) – Bewertung erfolgte nach bestem Wissen und Gewissen rein subjektiv)

 

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen 
bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form 
verwendet wurde.

Hits: 446

Kommentare sind geschlossen