Ja, ich habs getan – mein Erlebnis mit “Invisible Ink” von Huch!

Ich glaube, der Spieler hat einen natürlichen Selbsterhaltungstrieb. Nähert er sich einem Spiel, das so gar nicht seinem Geschmack entspricht, tritt ein heftiger Fluchtreflex auf. Manchmal aber kann man sich dem nicht entziehen, da sitzt man an einem Tisch und irgendwer (ich kenn den nicht … mehr!) packt ein „Spiel“ auf den Tisch und alle wollen es spielen. Fast alle. Ich täusche spontane Ohnmacht und akute Erblindung vor, hilft nicht, der Gruppenzwang gibt mir keine Chance.

Dies ist der Bericht meines tollkühnen Selbstversuches, meines wagemutigen Experiments „Invisible Ink“ von Huch! zu spielen.

Wir (also die anderen) einigen uns darauf, die „Experten-“Variante zu spielen. Das gilt als Zugeständnis an mich, der allgemein als Vielspieler bekannt und in der Selbsteinschätzung Expertenspieler ist. Wer an der Reihe ist – und es kommt jeder dran! – zieht eine Karte, auf der zwei Begriffe stehen. Den einen Begriff muss er auf Papier zeichnen. Alle anderen Spieler raten. Wer den Begriff errät, erhält Punkte (Mikrofilme), aber wehe, man sagt der zweiten Begriff auf dem Zettel, das gibt Punkteabzug und man muss einen der Mikrofilme wieder abgeben. Auch der Zeichner wird belohnt, wenn innerhalb einer bestimmten Zeit (die Sanduhr läuft) jemand den gezeichneten Begriff errät.

Das Spiel geht solange (lange lange), bis alle Mikrofilme vergeben sind. Wer die meisten hat, hat gewonnen.

Das Spielprinzip ist alt und bekannt. Man hätte es also ruhig im Schubladen lassen können. Aber dieses Spiel hat noch einen Kniff. Einen Würfel. Der Zeichner würfelt und der Würfel bestimmt, wer Brillen aufsetzen muss. Das Gemeine an den Brillen: Wer sie aufhat, sieht nicht, was gezeichnet wurde. Hat der Zeichner die Brille auf, sieht er nicht, was er da zu Papier bringt. Haben die Ratenden die Brillen auf, sehen sie nur die Bewegung des Stiftes, nicht aber die Zeichnung. Und natürlich gibt es auch die Variante, dass alle Brillen auf haben. Fehlt nur noch die Variante, wo nicht mal mehr ein Stift gebraucht wird, aber das kommt in der Erweiterung 😉

So, nun ist Zeichnen nicht wirklich mein Fachgebiet. Meine Kunstlehrer in der Schule konnten meinen Künsten nichts abgewinnen, und ich belasse es für mich beim Betrachten von Kunst und nicht beim selber herstellen. Auch wenn die Zeichnungen neben dem Telefon durchaus kunstwürdig wären … meiner Meinung nach. Aber wagemutig stürze ich mich in das Abenteuer.

Der Spielerklärer will uns das Prinzip erklären, denkt sich einen Begriff aus und zeigt uns, wie das Spiel abläuft. Er würfelt, setzt die Brille auf, nimmt den Stift und beginnt zu zeichen.

Er hat gerade mal einen halben Kreis vollendet, da sprudeln die Ideen: „Ball“ – „Ring“ – „Planet“ – „Scheidung“ – „Ei“ – „Mondlandung“ – „Hühnerstall“ – „Wir alle“

Der Zeichner hat den Kreis mittlerweile abgeschlossen.

„Ich hab doch schon Ball gesagt.“ – „Vielleicht muss man das genauer sagen“ – „Fussball“ – „Elfmeter“ – „Sportverletzung“ – „Mannschaftssport“ – „Wir alle“

„Wir alle?“ frage ich nach. „Ja, der Kreis umschließt uns alle“, bekomme ich als Antwort. „Ja, aber wäre da nicht ein Rechteck besser geeignet, das auszudrücken? Wenn sich eine Gemeinschaft trifft, dann doch in einem Zimmer, das ist eckig. Oder in einem Haus, das ist eckig. Oder auf einem Sportplatz, der ist …“. „Schon gut“ werde ich unterbrochen. Ich hänge meinen Gedanken noch kurz nach und finde sie genauso wenig zur Lösung beitragend wie meine Mitspieler.

Aber dann die Wendung. Der Zeichner streicht seinen gezeichneten Kreis durch und zeichnet um den Kreis ein großes Rechteck. Alle sehen mich bewundernd an.

„Haus“ – „Wohnung“ – „Sportplatz“ – „Spielecafe“

Wieder sehen sie mich an. „Ja, da spielen alle zusammen in einem eckigen Raum“.

Mittlerweile hat der Zeichner neue Kreise unter den durchgetrichenen gezeichnet.

„Eier“ – „Eierschachtel“

„Nee,“ sage ich. „Wenn es Eierschachtel wäre, dann wär das viel zu einfach. Eierschachtel ist doch kein schwerer Begriff.“

Das gibt allen zu denken. Es muss was Kompliziertes sein.

„Boulekugelnaufbewahrungskoffer“ (anerkennendes Nicken) – „Muffins in einer Tupperbox“ – „Tiefziehteil für irgendein Spiel“ (manche sehen mich an und wissen nicht genau, was ich damit meine) – „Das ist ein Spielbrett“ – „Mensch ärger dich nicht“ (Ja das wäre jetzt eine willkommene Abwechslung).

Eierschachtel scheidet aus, denn der Zeichner hat nur links Kreise gezeichnet und macht jetzt rechts Linien neben die Kreise. Nach dem aufgeregten Geplapper der letzten Sekunden tritt eine angenehme Stille ein.

„To-Do-Liste“ – „Einkaufszettel“ – „Personenregister“ – „Apfelsortenkatalog“

Und wieder herrscht kurzes ratloses Schweigen, während der von allen angestarrte „Apfelsortenkatalog“-Spieler die Achseln zuckt.

Der Zeichner ergänzt seine Zeichnung und malt Pfeile um das Rechteck, die auf uns zeigen.

„Abschussliste“ (ich würd ja nur den drauf setzen, der das Spiel auf den Tisch brachte) – „Warnhinweise“ – „Namensliste“ (sehr einfallslos) – „Wir alle“

„Wir alle ist aber kein Begriff.“ – „Und wir hatten ihn schon“ – „Aber die Pfeile, das sind doch wir alle“ – „Und die Kreise, das Rechteck?“

„Ich bin dafür, dass wir abstimmen, was es sein könnte“, schlage ich vor, wohlwissend, dass das nicht regelkonform ist. Hier spielt nämlich jeder gegen jeden.

„Stimmzettel“, sagt mein Nachbar. Der Zeichner nickt, nimmt sich zwei Mikrofilme und gibt zwei weitere meinem Nachbarn.

„Ist ja fast das gleiche wie Wir alle“, sagt mein Gegenüber. Ich grolle etwas, denn es war mein Spruch, der ihn auf diese Idee brachte.

„Wie kommt man bei einem Halbkreis auf Mondlandung?“ wird nachgefragt. „Kreis ist gleich Mond, etwas komplexerer Begriff: Mondlandung!“ erhält er wie selbstverständlich die Antwort. „Bei den meisten anderen solchen Spielen wär das richtig gewesen.“

Jetzt geht es also richtig los. Ich zeichne. Ich darf als einziger etwas sehen. Mein Begriff ist „Farbeimer“, nicht verwenden darf man das Wort „Pinsel“. Ich male ein Rechteck.

„Gemeinschaft“ – „Sportplatz“ – „Spielbrett“ – „Wir alle“ …

Das Spiel geht noch über viele weitere solcher Runden. Interessant zu beobachten, dass mit zunehmender Spieldauer die Stimmen immer lauter, die geratenen Wörter (die natürlich nicht richtig sind) immer ausgefallener werden und die Spieler immer weniger ans Gewinnen als mehr an den Spaß am Erfinden von noch seltsameren Zusammenhängen denken. Die Diskussionen, dass man manche Zeichnung ja beim besten Willen nicht erkennen kann, dass Zeichnungen mehr als offensichtlich sind, dass manche Begriffe „ja soooo einfach“ sind und man selbst immer die allerkompliziertesten hat, die Zustimmung der Mitspieler, dass meine Zeichenlehrer recht hatten – all das macht aus „Invisible Ink“ ein sehr launisches und sehr spaßiges Erlebnis. „Spiel“ will ich dazu immer noch nicht sagen, aber es hat doch seinen ganz vergnüglichen Charakter.

Leider ist das nicht immer so. Es kommt auf die Gruppe an. Es kann auch zu einem sehr trockenen „Zeichnen und Raten“-Spiel werden. Manche Spieler kommen mit der Aufgabe nicht zurecht, die Zeichnung nur anhand der Bewegung des Stiftes zu erraten. Wer nämlich sehr oft beim Zeichnen absetzt, macht es nahezu unmöglich, zu erraten was gemeint ist. Wer wenig Erfahrung mit Zeichnen hat, wird damit nicht klarkommen, wenn er selbst nicht sieht, was er zeichnet. Und da die Methode ausgewürfelt wird, ist auch ein beträchtlicher Glücksfaktor dabei, ob ich „richtig“ zeichnen darf oder es eben nicht darf.

Wer das Spiel ernst nimmt, wird nicht viel Spaß daran haben (sorry für dieses Wortspiel). Da braucht es schon die richtige Gruppe und vielleicht ein bestimmtes Maß an „Vorglühen“, dass das Ding lustig und unterhaltsam wird. Aber dann ist es die Gruppenstimmung und weniger das Spiel selbst. Da gibt es bessere Partyspiele als dieses Zeichenspiel.

Die Ausstattung ist gut, die beiliegenden Brillen sind nur aus Pappe und werden wohl viele Spiele nicht überstehen, die Stifte sind normale gelbe Textmarker, die man jederzeit nachkaufen kann. Schön ist die Verpackung, da sieht man in die Schachtel auf die beiliegenden Brillen.

FAZIT

Das Experiment ist für mich geglückt, weil ich die richtigen Leute am Tisch hatte. Andere Spielrunden waren eher langweilig und mühsam (als zeichnerisches Untalent eher eine Qual). Zeichnen und erraten ist ein schönes Spielprinzip, durch die Brillen kommt kein zusätzlicher Reiz in diese Art von Spiel, erschwert eher den Zugang und macht die Einstiegshürde für Leute, die sich nicht so gerne in den Vordergrund stellen, schwierig.

Für Familien durchaus ein Versuch wert, Kids haben Spaß daran, mit zunehmenden Alter überfordert das Spiel durch das viele Durcheinander beim Begrifferaten und beim Versuch zu zeichnen, ohne etwas zu sehen.

 

BEWERTUNG

+ viele Begriffskarten für Abwechslung im Spiel
+ Stifte auch nachkaufbar (normale gelbe Textmarker)
+ zwei unterschiedliche Varianten
– Brillen nicht besonders stabil
– alle reden durcheinander

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen 
bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form 
verwendet wurde.

 

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“kreatives Familienspiel”

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