Überraschend und überraschend gut – „Moorea“ von dlp games (Rezension)

Kennen Sie Orleans? Dieses geniale Bag-Building-Spiel vom dlp Verlag? Oder den vielleicht besseren Nachfolger „Altiplano“ von dlp? Nein? Sie haben etwas versäumt. Oder „Yokohama“, den wirklich guten Import aus Japan, auch von dlp? Alles drei Kennerspiele, Qualität und Spielgenuss vom Feinsten. Der Verlag dlp hat damit ein paar Kracher im Portfolio, die fast schon zum Blindkauf eines jeden weiteren Spiels von dlp einladen.

Wer jetzt „Moorea“ von dlp kauft, wird überrascht sein. „Moorea“, ein einfaches Kartenspiel, wie es vom Spielprinzip her schon etliche gibt. Der Komplexitätsanspruch richtet sich dabei nach der angestrebten Zielgruppe: Kids ab 8 Jahren. Was für eine Überraschung, sollte man ein ähnlich komplexes Spiel wie die oben angegebenen erwartet haben.

Wie spielt sich Moorea? Es gibt Karten: Rohstoffe, Werkzeuge und Produkte. Man hat zu Beginn sechs Karten auf der Hand, zieht jedesmal eine Karte nach, in der Regel vom verdeckten Nachziehstapel, mit Hilfe einer einmal gekauften Werkzeugkarte auch von den drei offen ausliegenden Karten. Dann passt man oder man vollführt eine Aktion mit den Karten, die man auf der Hand hat. Entweder kauft man sich eine der ausliegenden Werkzeuge, die einem deutliche Vorteile im Spiel verschaffen (z. B. erhöht sich mit einem Werkzeug die Anzahl der Karten, die man auf der Hand halten darf, oder man darf bis zu zwei Karten ziehen statt nur einer usw.). Oder man kauft eine der zehn ausliegenden Produktkarten, die bringen ebenfalls Vorteile. Oder ein Lager, das einem für jede entsprechend darunter geschobene Karte am Spielende Punkte bringt. Oder man kauft lukrative Punktekarten oder veredelte Produkte, die man zum Kauf noch besserer Karten benötigt. Dies geht solange reihum, bis der Nachziehstapel für die Produkte leer ist. Nach einer letzten Runde werden anschließend die Punkte zusammengezählt. Wer die meisten hat, ja klar, ist Sieger.

Einfach gesagt, man sammelt Karten auf der Hand, um mit bestimmten Kombinationen Punkte zu sammeln. Das kennt man zur Genüge. Und der Komplexitätsgrad des Spiels ist sehr gering. Und das überrascht. Denn eigentlich erwartet man von dlp Strategie-Schmankerl. Oft genug haben sie bewiesen, dass sie es drauf haben. Und dann „nur“ ein harmloses Kartenspielchen?

Aber die Überraschung kehrt sich schnell in Freude um, denn das Spiel funktioniert. Es macht richtig Spaß. Nicht nur wegen der sehr guten und sehr spielfördernden Grafik und dem ausgezeichneten Material. Es spielt sich flott und ohne viel Nachdenken, trotzdem steht man immer wieder vor kniffligen Überlegungen: Spiele ich die Karten aus und kaufe mir eine Punktekarte oder hoffe ich im nächsten Zug noch eine passende Rohstoffkarte zu ergattern und eine noch bessere Karte kaufen zu können. Kaufe ich eine Produktkarte, weil sie mein Mitspieler unbedingt will, oder lasse ich sie ihm liegen? Verzwickt ist das manchmal und das macht das Spiel auch für verwöhnte Expertenspieler zu einem netten flotten Zwischendurchspiel.

Für Familien- und Gelegenheitsspieler absolut empfehlenswert. Es spielt sich schnell, auch zu fünft am Tisch und man ist ständig in Spannung, ob die ausliegende Karte noch liegenbleibt für mich, ob ich die richtige Karte ziehen kann, wie sich die Werkzeugkarten auswirken, und wieviele Punkte meine Mitspieler eigentlich schon gesammelt haben. Bis zuletzt ist die Frage nach dem Gewinner offen, denn der letzte Zug kann nochmal schöne Punkte bringen, wenn man es geschickt anstellt.

Und auch wenn die Werkzeuge sehr mächtig sind, muss man nicht alle haben, um gewinnen zu können. Manchmal ist es sinnvoller, seine Rohstoffkarten anderweitig einzusetzen als auf die teuren Werkzeuge zu sparen.

Zwei Kritikpunkte seien aber erwähnt. Zum einen, auch wenn ich die Grafik gelobt habe: Man muss vor dem Spiel die Produktkarten in zwei Stapel trennen. Ausschlaggebend dafür ist eine römische Zahl am rechten Rand der Karten. Die ist nicht nur auf verschiedenen Positionen auf der Karte, sondern auch in der Randfarbe der Karte gehalten, was sie manchmal schwer zu erkennen macht. Da hätte man der Spielbarkeit mehr Platz einräumen sollen statt auf eine schöne Kartengrafik zu achten.

Das zweite Problem ist wie immer bei so Kartenspielen die ersten sechs Karten, die man auf die Hand bekommt. Ich hatte Spiele, da bekam ein Mitspieler fünf und einmal sogar sechs gleiche Rohstoffe (trotz intensivem Mischen) auf die Hand und startete gleich zu Beginn mit einer der guten und sehr teuren Werkzeuge. Und damit war das Spiel gelaufen. Er durfte von Anfang an statt nur einer zwei Karten ziehen. Das war uneinholbar. Aber auch drei gleiche Rohstoffe zu Beginn auf der Hand können das Spiel entscheiden. Da wäre eine ausgewogenere Startvorgabe besser (vielleicht nur mit drei Handkarten starten?). Aber da das doch selten vorkommt und eine Partie nicht viel Zeit in Anspruch nimmt, gleicht sich dieser Vorteil beim nächsten Spiel (hoffentlich) wieder aus.

Der Glücksfaktor ist natürlich vorhanden, gerade zu zweit kann er sich sehr hoch anfühlen. Wenn ich eine Karte aus der Auslage nehme, decke ich eine neue Karte auf und die kann optimal für den Mitspieler sein. Da kann man sich schonmal ärgern, anders als bei mehr Spielern am Tisch, da ist die Erwartung, dass einer der vor einem Spielenden mir eine gute Karte aufdeckt, größer als das Gefühl, vom Pech verfolgt zu werden. Je mehr Spieler mitspielen, desto besser wird das Spiel, da die Wartezeit zwischen den Zügen sehr kurz ist und man ja sowieso ständig die Auslagen im Auge behält, ob die Karte liegenbleibt, eine bessere nachkommt oder es eine Runde für den Eimer ist.

 

FAZIT

Moorea ist ein einfaches und doch spaßiges Kartenspiel für Familien- und Gelegenheitsspieler, das richtig Laune macht und flott gespielt ist. Auch Expertenspieler haben hier ein kleines Zwischendurch-Absackerchen, dass das Gehirn entspannt und trotzdem nicht seicht und simpel ist. Das Spiel bietet ständig kleine knifflige Entscheidungen. Aber kein einzelner Zug entscheidet über Gewinn und Verlust, das Spiel verzeiht vieles. Der Glücksanteil ist gefühlt moderat und fällt gegenüber der Spielspannung wenig auf. Grafik und Material sind vorbildlich (bis auf das kleine Problem der seitlichen Markierung) und das Material ist in der Schachtel dank des durchdachten Tiefziehteils sehr gut aufgeräumt.

Interaktion im Spiel kommt dadurch auf, dass man dem Mitspieler Karten vor der Nase wegschnappen kann, direkte Konfrontation gibt es nicht. Die wichtigen Werkzeugkarten gibt es in ausreichender Anzahl. Die Spannung wächst, weil die Produktkarten nach und nach besser werden und man wenig Überblick hat, wer wieviele Punkte hat. Der Wiederspielreiz ist hoch, denn die Karten werden vor jedem Spiel neu gemischt und hoffentlich auch das Glück.

Erklärt ist es schnell, die Anleitung ist gut geschrieben, manche Dinge hätten ausführlicher beschrieben sein können.

Der dlp-Verlag überrascht mit diesem einfachen Kartenspiel, rundet damit sein Angebot nach unten ab und hat mit Moorea ein sehr schönes kleines Spielchen im Sortiment, das ich wirklich empfehlen kann. Auch wenn man das Spielprinzip schon kennt, ist es hier einfach rundum gelungen verpackt. Und so ergibt Moorea auch Sinn, zwischen den Schwergewichten Orleans und Altiplano braucht man einen leichten Zwischendurch-Absacker.

Moorea gehört in jedes Spielregal, für Familien sowieso, für Expertenspieler passt es ideal zwischen die anderen dlp-Spiele. Und damit ist dem Verlag die Überraschung gelungen, nicht nur schwere Brocken zu können, sondern auch ein sehr spielwürdiges Leichtgewicht für Kids ab 8 und eigentlich alle Spieler im Angebot zu haben. Klare Kauf- und Spielempfehlung.

 

BEWERTUNG

+ tolles Material in vorbildlicher Schachtel
+ spielanregende Grafik
+ schell erklärt
+ spannend bis zuletzt
– kleine Grafikschwäche (Randnummer schwer erkennbar)
– Starthand zu glückslastig (vielleicht mit weniger Karten auf der Hand beginnen?)

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen 
bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form 
verwendet wurde.

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“Kartenspiel für Familien und Gelegenheitsspieler”

  • ... Altergruppe bis 12 Jahre
  • ... Altergruppe 13 - 49 Jahre
  • ... Altergruppe 50 - 75 Jahre
  • ... Altergruppe über 75 Jahre
4.5

Kurzfassung

Titel: Moorea
Autor: Reiner Stockhausen
Grafik: Klemens Franz
Verlag: dlp games

Spieleranzahl: 2-5 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 8 Jahren
Spieldauer: 30 Minuten

senioren-tauglich: bedingt geeignet, da die Auslage mit 17 offen liegenden Karten unübersichtlich wird
generationen-tauglich: sehr geeignet für Spieler von 8 bis 80, da hat jede Altersgruppe ihren Spaß

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