Spannender Ackerbau am Mississippi – “Riverboat” von Lookout Spiele (Rezension)

Mississippi, 19. Jahrhundert. An den Ufern des „Old Man River“ arbeiten wir als Landarbeiter und Händler. Wir nutzen günstige Gelegenheiten, um mehr Siegpunkte zu machen als unsere Mitspieler. Dabei schicken wir Arbeiter auf unsere Felder und bauen verschiedene Gemüsesorten an. Unsere Erzeugnisse verschiffen wir auf Flussschiffen („Riverboats“) auf dem Mississippi. Wir setzen Gutachter ein, die für uns „günstige Gelegenheiten“ nutzen, denn diese bringen die erhofften Siegpunkte.

Diese Geschichte erzählt uns „Riverboat“, ein Spiel von Michael Kiesling aus dem Lookout-Verlag, gezeichnet von Klemens Franz. Muss ich mehr über dieses Spiel sagen?

Michael Kiesling, einer aus dem genialen Autorenduo Kramer/Kiesling, der zuletzt mit „Azul“ einen verdienten Megaerfolg landen konnte. Grafiker Klemens Franz, der allein schon Grund genug dafür ist, ein Spiel zu kaufen. Der Lookout Verlag, der mit tollem Material und redaktionell hervorragend bearbeiteten Spielen stets für erfolgreiche und gelungene Spiele sorgt.

Eigentlich muss man nicht mehr sagen, um sofort loszulaufen, um im Fachhandel seines Vertrauens das Spiel zu kaufen. Wenn der Leser zwischen den Zeilen mein Zögern herausliest, dem will ich gern mehr dazu erklären.

Zuerst mal eine wichtige Feststellung: das Spiel macht Spaß. Was bei der Erklärung noch als komplexes Spiel erscheint, wird spätestens nach der ersten gespielten Runde als regeltechnisch einfach, weil klar strukturiertes Spiel deutlich. Fünf Phasenkarten geben die fünf Phasen in jeder der vier Runden vor. Diese Karten werden zu Beginn einer Runde von den Spielern gewählt und anschließend Phase für Phase von allen Spielern abgearbeitet. Dabei hat der Spieler, der die Phasenkarte gewählt hat, einen kleinen Bonus.

In der ersten Phase werden zufällig acht Landschaftskarten gezogen. Man setzt einen Arbeiter auf ein entsprechendes Landschaftsfeld auf seinem Spielertableau. In der zweiten Phase nimmt man sich Ackerfruchtplättchen und legt sie auf die mit Arbeitern besetzten Landschaftsfelder. In der dritten Phase kann man die Arbeiter von den Äckern nehmen und die geernteten Früchte an Schiffe liefern, die, in begrenzter Anzahl, im Hafen warten. Dabei muss man gleiche Gemüsesorten liefern, und je mehr man liefern kann, umso besser ist der Bonus, der das belieferte Schiff bietet. Dann kommt die wichtigste Phase, denn jetzt kann jeder Spieler eine der ausliegenden „Günstige Gelegenheitskarten“ wählen. Diese sind wie Auftragskarten, ihre Erfüllung bringt die notwendigen Punkte. Aber erst, wenn sie in der fünften Phase auch mit einem Gutachter besetzt werden können. Erst dann werden sie gewertet. Da kann schon mal der Gutachter fehlen. Noch schlimmer, man hat mehr Karten als man werten darf (in jeder Runde nur zwei, in der letzten drei).

Bei all dem sollte man nicht vergessen, Arbeiter nach New Orleans zu schicken, denn am Ende gibt es für die Mehrheit noch einmal dicke Punkte. Und den Hafenmeister sollte man auf der Leiste weiterziehen, denn nur die Schiffe werden am Ende gewertet, die der Hafenmeister hinter sich gelassen hat. Und nur der Spieler erhält für seine Schiffe volle Punktzahl, dessen Hafenmeister am weitesten vorne steht, die anderen nur halbe Punkte.

Dass man zusätzliche dicke Punkte holen kann, wenn man Brunnen oder Scheunen auf seinen Feldern baut oder es schafft, die Felder einer Gebietssorte abzudecken, macht das ganze Spiel noch interessanter, aber natürlich auch komplexer. Punkte lauern an allen Ecken und Enden und man darf eigentlich keine der Möglichkeiten außer acht lassen, um am Ende wirklich vorn mit dabei zu sein.

Das Spiel wird durch die fünf Phasen klar strukturiert. Jede Phase wird von jedem durchlaufen, der Startspieler einer jeden Phase erhält einen kleinen Vorteil, viel größer aber ist der Vorteil, dass der Spieler, der die Phasenkarte hat, als erstes in dieser Phase am Zug ist. Dies ist von entscheidender Bedeutung. Zuerst ein Schiff auswählen zu dürfen, heißt in der Regel, ein gutes Schiff den Mitspielern vor der Nase wegzuschnappen. Der kann zwar ein Schiff aus der Ablage kaufen, das kostet aber Münzen, und die sind selten im Spiel.

Zuerst eine „Günstige Gelegenheit“ wählen zu dürfen, ist noch viel entscheidender. Auch hier aber gilt, man kann sich mit einer Münze aus dem Nachziehstapel jederzeit eine Karte auswählen, dafür erhält man aber keinen Bonus. Erster bei der Wahl der ausliegenden Ackerfruchtplättchen zu sein, ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Oder gar erster zu sein in der ersten Phase bringt einen weiteren Arbeiter, die im Spiel nämlich knapp werden können, wenn ich von meinen insgesamt 13 Arbeitern zuviele nach New Orleans schicke (für die Mehrheitenwertung), dann fehlen diese zum Arbeiten auf den Feldern.

Wie man sieht, es gibt herrlich verzwickte Wahlmöglichkeiten im Spiel, allesamt durchaus fordernd. Man hat stets mehrere gute Möglichkeiten, muss sich aber für eine entscheiden. Langfristige Planung gehört ebenso dazu wie kurzfristig sich anbietende Möglichkeiten zu nutzen.

Dabei ist durchaus von spielentscheidener Bedeutung, die Mitspieler im Auge zu behalten und lieber einmal einen weniger optimalen Zug zu machen, der aber den Mitspieler eine für ihn gute Möglichkeit zunichte macht.

Was jetzt alles vielleicht komplex oder gar kompliziert erscheint, spielt sich aber sehr flüssig und mit wenig Downzeit.

 

FAZIT

„Riverboat“ ist ein Kennerspiel der leichteren Sorte und damit auch für fortgeschrittene Familien geeignet. Die Spannung bleibt bis zuletzt, denn erst in der letzten Runde werden die richtig großen Wertungen eingefahren, da kann man von weit hinten noch gut aufholen. Der Wiederspielreiz ist vorhanden, denn die Auslage der Karten variiert und die aufgedeckten Gebietskarten sind zufällig, so ergeben sich immer neue Ansätze für das Spiel. Die Interaktion zwischen den Spielern ist dadurch gegeben, dass man dem Mitspieler Karten, Schiffe oder Plättchen vor der Nase wegschnappen kann, eine direkte Konfrontation ist nicht vorhanden.

Das Spielgefühl, ein Landbesitzer am Mississippi zu sein, kommt nicht auf, natürlich ist es ein abstraktes Spiel, das nicht durch „Flussromantik“ punktet, sondern durch flotten Spielfluss und angenehme Spieltiefe.

Die Grafiken sind wunderschön und spielfördernd, auch wenn die Farben der Gebiete nicht wirklich einfach zu unterscheiden sind und die dankenswerterweise darauf abgebildeten kleinen Symbole etwas zu klein ausgefallen sind. Das Material ist gewohnt sehr gut, leider muss ich aber dem Verlag einen dicken Minuspunkt geben. Die Punkteplättchen sind winzig. Das ist eine elende Fummelei, vor allem zu Beginn des Spiels, wo alle Plättchen sehr nah beisammen liegen. Der erfahrene Spieler nimmt dafür kleine Holzwürfel oder Scheiben aus seinem Besitz. Da hätte der Verlag deutlich bessere Arbeit leisten können.

Was bei meinem Spiel auch auffällt (und nach Rückmeldung von zwei weiteren Spielbesitzern) drehen sich die Spielbretter ganz leicht nach oben. Ein Nachbiegen nach unten bringt nur für kurze Zeit eine Lösung. Das Problem, das sich dabei ergibt: Die Spielbretter liegen nicht flach auf, sondern nur in der Mitte und sind leicht zu erschüttern. Da man auf seinem Spieltableau ziemlich fizzelig Plättchen zwischen und an bereits gelegte Plättchen unter die Arbeiterfiguren legen muss, ist es nicht unbedingt vorteilhaft, wenn das Brett „schwimmt“ – vor allem bei den winzigen noch fizzeligeren Punkteplättchen. Denn man braucht zwei Hände, um Plättchen zu legen und eine dritte Hand, das Brett zu halten. Ob das bei allen Spielen so ist oder nur bei den drei, die mir bekannt sind, kann ich nicht sagen. Dem Spiel selbst tut das keinen Abbruch, es ist nur etwas lästig.

 

BEWERTUNG

Hm, was soll ich zu „Riverboat“ sagen? Kiesling, Lookout, Franz – da waren die Erwartungen so hoch, dass ich trotz des sehr guten Spiels anfangs enttäuscht war. Das Spiel ist mir zu glückslastig (dafür, dass es ein Optimierspiel von doch ca. 90 min Länge ist) und zu wenig ausbalanciert. Kommen die richtigen Gebietsfelder, habe ich einen optimalen Spielbeginn, liegen die richtigen Wertungskarten aus, läuft das Spiel. Bin ich bei der Wahl der Phasenkarten an der richtigen Position, habe ich deutliche Vorteile. Bei mehreren Vierer-Partien gewann stets der zweite Spieler, meist gefolgt vom vierten Spieler. Ob das nur Zufall war bei meinen Testpartien? Das muss sich noch zeigen. Aber sehr stark erscheint mir, dass ich als Startspieler einer Runde in einer Viererpartie die erste Phasenkarte wählen darf und anschließend noch die fünfte verbliebene erhalte (mit dem Bonus). So habe ich als Startspieler der zweiten (!) Runde zunächst den Vorteil, dass ich in der ersten Runde die Auswahl aus noch vier Phasenkarten habe und in der zweiten Runde zwei Phasenkarte erhalte. Ein guter Spielstart ist durchaus wichtig für dieses Spiel, vorausgesetzt, das Glück ist einem in dieser Phase hold. Aber wenn nicht wirklich Pech in der Auslage kommt, scheint mir die Position des zweiten Spielers als sehr stark. Als letzter Spieler in der ersten Runde habe ich dafür die Vorteile in der letzten, vierten Runde, dass ich die meist entscheidende Phasenkarte wählen kann und noch eine obendrein erhalte (mit Bonus).

Anders bei Dreierspielen, wo mir dieser Vorteil nicht aufgefallen wäre. Dafür ist das Spiel zu dritt weitaus weniger konkurrenzdiktiert als zu viert. Zu Zweit spielt sich das Spiel flott und mit wenig Stress untereinander, wirkt dabei fast zu solitär.

Bei mir ist der Funke für dieses Spiel noch nicht übergesprungen, obwohl ich es gerne mögen würde. Daher bin ich bei der endgültigen Bewertung unschlüssig, vergebe aber trotzdem 4 Punkte, zum einen wegen der einladenden Spielegrafik, zum anderen, weil ich am Spieltisch oft genug erlebe, dass das Spiel (bei allen Kritikpunkten) Spaß macht. Das tut es auf alle Fälle, und wenn man über kleinere Materialfehler und vielleicht einem etwas weniger ausbalancierten Spielprinzip hinwegsehen kann, dann hat man mit „Riverboat“ ein wunderschönes, einfaches Kennerspiel, das auch geeignet ist für erfahrene Familien. Und ich werde das Spiel gerne weiterhin spielen (was ja wohl ein großes Lob für ein Spiel ist) und vielleicht fühle ich mich irgendwann auch wohl am „Old Man River“. Schließlich klingt das ja schon so, als wärs für mich gemacht.

 

+ klar strukturierter Spielablauf
+ wenig Wartezeit
+ tolle Grafik
+ spannend bis zuletzt
– fizzelige Handhabung
– wirkt unausgewogen
– kleinere Materialfehler, Punkteanzeige materialtechnisch indiskutabel

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen 
bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form 
verwendet wurde.

 

Die folgende Bewertung erfolgt innerhalb der Kategorie:
“einfaches Kennerspiel oder Familienspiel für Fortgeschrittene”

  • ... Altergruppe bis 12 Jahre
  • ... Altergruppe 13-49 Jahre
  • ... Altergruppe 50-75 Jahre
3.7

Kurzfassung

Titel: Riverboat
Autor: Michael Kiesling
Grafik: Klemens Franz
Verlag: Lookout

Spieleranzahl: 2-4 Spieler
Altersempfehlung Verlag: Ab 10 Jahren
Eigene Einschätzung: Ab 12 Jahren
Spieldauer: 90 Minuten

generationen-tauglich: bedingt, Grafiken sind zu klein, Handhabung des Spielmaterials schwierig
jungundalt-tauglich: geeignet von 12 bis 70

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