Kampfreiches Eroberungsspiel mit genialem Kern – Cry Havoc von Portal Games (Rezension)

„Auf, auf, Männer, an die Waffen, heute zeigen wir es dem Feind. Wir gehen schnell rein, mit voller Feuerkraft und werden sie aus der Region hinausjagen, und dann vom ganzen Planeten. Der Feind hat sich eingegraben, aber ist uns zahlenmäßig unterlegen. Wir werden uns diesen Sektor zurückholen. Und keine Gefangenen. Also los. Gibts noch Fragen?“

Äh ja, was soll das? Das ist eine alltägliche Szene aus dem Brettspiel „Cry Havoc“. In diesem kartengesteuerten und regeltechnisch leicht gelernten Konfrontationsspiel mit nur sehr kleinem Glücksfaktor kämpfen wir um die wertvollsten Gebiete auf dem Planeten York und versuchen diese bis zuletzt unter Kontrolle zu halten. Das wollen aber bis zu vier Rassen, und so wird ständig gekämpft und Sektor für Sektor eingenommen und wieder verloren.

Und diese vier Rassen sind Topp und Flopp im Spiel. Sie sind völlig unterschiedlich, man muss mit jeder Rasse eine andere Strategie spielen. Die eine Rasse ist zu Beginn sehr stark, die andere erst im letzten Zug. Da muss man sorgfältig vorgehen und bei nur 15 Aktionen (evtl. sogar nur 12) im ganzen Spiel erkennt man, dass bereits ein schwächerer Zug das Spiel entscheiden kann. Und man braucht ein paar Spiele, um hinter die Spielweise seiner Rasse zu kommen und dann noch ein paar Spiele, um den Gegner kennenzulernen. So einwandfrei die Rassen ausbalanciert sind, so unmöglich ist es für Anfänger gegen erfahrene Spieler zu siegen. Und das Spiel mal so aus dem Schrank holen für einen gemütlichen Abend, nee, dafür ist das Spiel nicht gemacht.

Wer sich in ein Spiel hineinbeißen will, Spieler hat, die gleichgesinnt sind, und Konfrontationsspiele lieben, der hat hier ein fantastisches Spiel (mit kleinen Schwächen) vor sich, alle anderen Spieler werden an das Potenzial des Spiels nicht herankommen und werden es eher frustiert beiseite legen.

Warum sollte trotzdem jeder zumindest einmal das Spiel gespielt haben. Weil das Kampfsystem einfach genial ist. Einfach und genial. Dieses System ist der absolute Kracher, unbedingt ansehen. Kommt es zu einem Kampf (und das passiert eigentlich ständig) verteilt man seine Einheiten auf der Kampftafel beliebig auf drei Felder, zuerst der Angreifer, dann der Verteidiger. Eventuell hat man anschließend noch Strategiekarten auf der Hand, mit denen man nachträglich noch Einheiten verschieben kann (sehr, sehr wichtig, darum immer eine Karte auf der Hand behalten und sei es nur, den Gegner zu täuschen). Dann wird von oben nach unten der Kampf abgehandelt. Wer im obersten Feld die Mehrheit hat, erhält den umkämpften Sektor. Wer im mittleren Feld die Mehrheit hat, darf eine Einheit des Gegners gefangen nehmen. Und für jede Einheit im unteren Feld darf man je eine Einheit des Gegners töten. So ein Kampf geht schnell, ist spannend, es gibt keine „the winner takes is all“-Kämpfe, jeder hat Verluste einzustecken. Hab ich schon gesagt, wie genial dieses System ist?

Sollte man zu zweit oder dritt dieses Spiel spielen, hat man einen nahezu unüberwindbaren Feind: die vom Spielsystem gespielte Rasse. Die dahinterstehende (zufällige) AI ist aber so stark, dass man sich daran schon mal die Zähne ausbeißt.

Das Material ist erstklassig, die Grafiken sehr stimmungsvoll, es ist ein echter Augenschmauß, nur der Spielplan ist leider ziemlich unübersichtlich geworden. Die Regeln sind gut geschrieben,mit vielen Beispielen. Man darf sich nicht abschrecken lassen von den 16-seitigen Regeln, das Spiel ist rein spieltechnisch leicht gelernt, es zu gewinnen und auch Spaß daran zu haben, das dauert (siehe oben).

 

FAZIT
Für die richtige Zielgruppe ist es ein Hammer, für alle anderen eher mühsam und nicht zu empfehlen. Spieler, die sich in ein Spiel hineinbeißen wollen (man braucht schon mehr als fünf Spiele, um das Potenzial zu erkennen), die gleichgesinnte Mitspieler haben und Kampfspiele mit kaum Glücksfaktoren lieben, finden hier ihr ideales Spiel. Alle anderen sollten zumindest einen Blick darauf werfen, denn das Kampfsystem ist genial.Das Spiel hat seinen Reiz für zwei und drei Spieler, richtig klasse wird es mit vier Spielern.

Es ist kein Spiel, das ich mal schnell aus dem Schrank hole und dann wieder verstauben lasse. Dieses Spiel will und muss gespielt werden, sonst ist es eher ein „ich-spiel-einfach-vor-mich-hin“-Spiel und ärgere mich hinterher, warum mein 15-Punkte-Vorsprung in der letzten Runde umgedreht wurde, ohne dass ich weiß, was ich denn besser machen hätte können.

 

+ geniales Kampfsystem

+ tolle Grafik und Material

+ bei weniger als 4 Spielern sehr starke AI der vom Spiel gesteuerten Rasse

+ schnell erklärt aber

– viele Spiele nötig, um das Potenzial des Spiels zu erkennen

– unübersichtlicher Spielplan

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen 
bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form 
verwendet wurde.

 

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