Ein dickes Ding – “Feudum” erschlägt Expertenspieler mit Arbeit und Spaß (Rezension)

„Hä???“ – das war nicht nur mein Statement nach dem Regelstudium. Selten war ich so ratlos nach dem Lesen der Spielregeln wie beim Spiel „Feudum“. Und selten hat mich ein Spiel so allein gelassen.

Und dabei ist das Spielprinzip einfach. Ich habe elf Karten in meinem Deck, suche am Rundenbeginn vier aus und dann wird eine Karte nach der anderen ausgespielt und die entsprechende Aktion ausgeführt. Die Kartenaktionen sind (meist) verständlich und man weiß (mit der Zeit), was jede Karte bedeutet.

Aber was soll ich damit? Was muss ich machen? Womit macht man die Punkte, die ich zum Gewinnen brauche? Und welche Aktionen führen mich dorthin?

Man hätte den Spieleinstieg etwas besser gestalten können. Das Regelheft erklärt fast alles sehr genau, aber es fehlen die Beispiele. Ein Bild sagt mehr als viele Worte, leider ein Spruch, den die Spielregeln nicht kennen. Schade, es würde manches einfacher machen. Und ein Fingerzeig in die Richtung „Da geht’s lang“ wäre wünschenswert.

Jetzt, ein paar Spiele später, nachdem es „Klick“ gemacht hat, äh nein, nachdem es oft „Klick klick klick“ gemacht hat, sieht man Zusammenhänge, sieht man Strategien, sieht man Wege. Und zwar so viele, dass es mehr als reizvoll ist, das Spiel nochmal zu spielen, um Neues auszuprobieren.

Und all das ist ungewöhnlich für ein Spiel. Es liegt da im Regal und sagt nicht: „Komm, spiel mich!“, nein, er liegt da und wartet, bis der Spieler sagt, jetzt will ich was Forderndes. Feudum drängt sich nicht auf, es wartet auf den Spieler. Und der muss wollen.

Es ist ein absolut reines Expertenspiel. Man muss sich darauf einlassen, man muss es erkunden wollen, man muss es beherrschen wollen, man muss es spielen wollen. Sonst kommt man in der großen weiten Welt dieses Spiels unter die Würfel.

Es ist ein Spiel mit einer sehr offenen Welt. Vieles ist möglich, fast zu vieles. Da ist der Ersteindruck „Hä?“ ganz normal. So viele Möglichkeiten, so viele Wege, und die Zusammenhänge im Spiel (und irgendwie hängt fast alles zusammen) machen den Einstieg extrem schwer.

Hej, wir Expertenspieler wollen das aber doch so, oder? Wir beißen uns in Spiele und probieren uns aus. Wäre diesem Spiel zu wünschen, denn es ist ein Hammer. Ich hab jetzt einige Spiele hinter mir und kratze an der Oberfläche, entdecke selbst immer Neues und staune über die Weitsicht des Spielautors. Was für ein tolles Spiel, das zwar jede Menge Schwächen hat, aber es ist ein hammerhartes, absolut forderndes, strategisch komplexes Spiel, das man sich ansehen sollte, wenn man zur Zielgruppe gehört.

Es ist viel drin in diesem Spiel. Die Kartenauswahl ist genial, denn man will stets mehrere Karten spielen als nur vier. Die Gilden im Spiel sind eine Perle. Sie beeinflussen sich gegenseitig, bzw. ich kann geschickt Einfluss auf Gilden nehmen und damit dem Mitspieler das Leben etwas schwerer machen, wenn er auf eine bestimmte Gilde setzt. Ich habe viele Möglichkeiten im Spiel, Punkte zu generieren, so ist eigentlich stets etwas zu machen, vorausgesetzt, ich plane etwas länger. Kurzfristig ist dem Spiel nicht zu kommen, das klappt nicht.

Was gefällt mir nicht? Zum einen die Grafik, die ist gewöhnungsbedürftig und leider viel zu klein auf den Karten. Zu viel Beiwerk, zu viel Grafik, zu wenig Zweck. Da war der Grafiker zu sehr in seinen Stil verliebt als dass er an die praktische Bedeutung von Icons gedacht hätte. Und das wird noch schlimmer. Auf dem Spielbrett sind Wege (für Schiffe) eingezeichnet, die man kaum erkennt. Vor allem, wenn mal auf dem Brett Verkehr ist. Ist ja nett, einen Weg für ein U-Boot mit kleinen Luftbläschen anzudeuten. Aber klar erkennbar wäre der Weg spielbarer gewesen. Kleine Buchstaben neben Orten, die man braucht, wenn man ab und zu Waren zu den Orten legt, schön und gut. Nur stehen normal Figuren und andere Waren dort. Da ist es ein Gefummel, bis man all das sieht und entdeckt. Das ist echt ein großes Problem, das ein komplexes Spiel tatsächlich kompliziert macht, es ist fizzelig und völlig ohne Grund aufwändig bei der reinen Organisation der vielen vielen beweglichen Teile. Und man muss fast nach jeder Aktion neu nachzählen, wer in welcher Gilde jetzt die Mehrheit hat, wer abgestiegen oder aufgestiegen ist in der Gunst der Gilden (es gibt Spielhilfen im Internet, ohne die würd ich nicht mehr spielen wollen).

Abgesehen von der Grafik gibt es ein paar Spielmechaniken, die mir zu aufgesetzt vorkommen. Hätte man da nicht ein bisschen streichen können? Für den Spieleinstieg wäre es gut gewesen. Drei verschiedene Boote für verschiedene Wege oder die Megareiseleiste, irgendwie fühlen sich solche Teile als Fremdkörper im Spielfluss an.

Dass man vom Spiel unter bestimmten Umständen (wenn man einen Ort zu einem Lehen ausgebaut hat) gezwungen wird, seine Mitspieler anzugreifen, ist ein wenig schade, denn viele Spieler mögen den Aufbauaspekt des Spiels und werden dann als die fleißigsten Aufbauer und in der Regel damit als die am wenigsten aggressiven Spieler zum Angriff genötigt. Was dazu kommt, man muss gut vorbereitet sein für einen Angriff (Verteidigung wird bevorzugt), so dass man seine Strategie langfristig entsprechend planen muss. Also muss mit jedem Aufbau auch der Kampf mit eingeplant werden. Man kann aber auch viele Minuspunkte akzeptieren, aber will man das?

 

FAZIT

So, um was geht es denn eigentlich in „Feudum“, einen wirklich heftigen Expertenspiel mit offener Welt und vielen, vielen Möglichkeiten? Durch geschickte Kartenwahl, dem Einsetzen der richtigen Figuren, dem Halten und Ausbauen von Orten, dem Erkunden der Welt, dem geschickten Benutzen oder Beeinflussen von Gilden, dem Warenwirtschaftssystem und vielen anderen Dingen versucht man mehr Punkte zu generieren als die Mitspieler, von denen insgesamt fünf (mit Erweiterung sechs) am Tisch sitzen können. Es dauert etwa sieben bis zehn Runden, dabei sollte man (nach dem Regelstudium) mit einer dreiviertel Stunde pro Spieler rechnen. Achtung, für das Regellernen sollte man eineinhalb bis zwei Stunden mitbringen!

Das Spiel ist hochkomplex aber von der Mechanik her nicht kompliziert. Die Mechanik ist schnell erklärt, die Zusammenhänge machen das Spiel zu einem strategischen Kracher. Die offene Welt zu einem fordernden Spiel, das oft, vor allem an Anfang, erarbeitet sein will. Dabei lässt einen das Spiel allein und die Spieler müssen ihren Weg in dieser Welt suchen.

Das ist so faszinierend wie frustierend. Wer sich nicht hineinbeißen will, wer nicht Würfel fressen will, der sollte das Spiel im Schrank lassen, zu viel Frust steckt anfangs darin. Wer Geduld hat, sich auf wirklich Neues einstellen will und Zeit mitbringt, der wird hier einen Schatz entdecken, der einem Rohdiamanten gleicht, aber trotz der Rohheit sehr wertvoll ist. Eine vernünftige Redaktionsarbeit hätte dem Spiel mit viel Feinschliff gut getan, aber auch so sollten sich geduldige Expertenspieler hineinstürzen. Manche werden es bereuen, andere werden es lieben.

Ich bin nach einigen Spielen und beim Integrieren der vielen Zusatzmodule immer noch an einem Punkt, wo ich gern mal „Hä???“ sage, aber ich habe das Gefühl, ich sehe Licht am Ende des Tunnels. Hoffen wir, es ist nicht eines der Monster im Spiel oder der Zug.

 

BEWERTUNG

+ hammerkomplexer Strategiekracher

+ einfache Mechanik

+ extreme Verzahnung

+ viele Erweiterungsmodule

– fummelige Handhabung

– fizzeliges ständiges Nachjustieren der Spielstände

– teils schlechte, nicht spielorientierte Grafik

 

(Eine Rezension von Gerhard Hany)

Hinweis zur Gender-Formulierung: Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen 
bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit nur die weibliche oder männliche Form 
verwendet wurde.

 

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“Expertenspiel”

(Stern-Abzug wegen nicht spieloptimaler Grafik)

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