Expo 1906 – ein Expertenspiel von Gotha Games (Rezension)

Was da in so tristen Farben und langweiliger Aufmachung daherkommt (und wohl deswegen von den meisten Spielern übersehen wird) ist ein ausgeklügelter Strategiekracher, der es in sich hat.

Wir sind Teilnehmer an der Weltausstellung 1906 in Mailand. Dabei versuchen wir, neueste Innovationen vorzustellen und der Welt und der Fachjury vorzustellen und die anderen Nationen (Mitspieler) zu schlagen.

Das Spiel vereint zwei grundlegende Mechaniken in sich. Zum einen ein Kartendeck mit 5 Karten. Aus diesem wähle ich eine Karte aus, spiele sie und führe die Aktion durch. Im nächsten Zug wähle ich eine weitere Karte und spiele sie aus. Eine der fünf Karten erlaubt mir, alle Karten wieder zurück auf die Hand zu nehmen. Das ist bekannt. Man kann die Karten durch aufgewertete Karten ersetzen. Das ist auch bekannt. Richtig knifflig wird es, weil ich nicht die gleiche Karte spielen darf, die mein rechter Mitspieler gespielt hat. Das kann einem schon mal den geplanten Zug verderben. Und man kann den Mitspieler vortrefflich blockieren.

Die zweite Mechanik ist das Zusammenstellen seines Ausstellungsraumes. Hier werden die neuen Maschinen platziert (Tetris lässt grüßen). Aber an jede Maschine müssen die Rohstoffteilchen angebaut werden. Das ist anfangs sehr einfach, weil genug Platz ist. Aber mit der Fortdauer des Spiels wird immer weniger Platz. Und wer anfangs zu sorglos mit dem Platz umgegangen ist, stellt plötzlich fest, dass er nichts mehr unterbringen kann. Wer nicht von vornherein richtig plant, verschenkt so manche wichtigen Punkte.

Dann gibt es da noch die Jury, die sich für Dampf oder Strom entscheidet. Das kann man beeinflußen, aber die lieben Mitspieler machen das auch. So steht meist erst am Ende fest, welche Technologie und damit welche Maschinen besonders gewertet werden. Setzt man auf Dampf und die Jury entscheidet sich für Strom (weil die meisten gespielten Plättchen im Jury-Bereich Strom zeigen), dann geht man eben leer aus.

Fazit
Das sind nur ein paar Aspekte eines vielschichtigen und gut verzahnten Spiels. Was am Anfang locker-leicht zu spielen ist, wird mit zunehmender Spieldauer fordernder und verzwickter.

Das Spiel ist für Expertenspieler großartig und immer wieder spannend. Gelegenheitsspieler sind wegen der komplexen Verzahnungen der Aktionen wirklich gefordert, Familien sollten eher die Finger davon lassen.

Dieses Spiel fordert aber auch Geduld. Um eine Maschine zu bauen, braucht es mehrere Spielzüge. Das dauert, und der liebe Mitspieler blockiert so manchen Zug, und es dauert noch länger. Geht aber allen so. Wer schnelle Schritte auf der Punkteleiste erwartet, ist hier fehl am Platz. Alles entwickelt sich langsam, aber beständig.

Ein feines Expertenspiel, das mit mehreren geschickt kombinierten Spielmechaniken überzeugen kann. Nicht abschrecken lassen von der tristen Grafik, die Materialqualität ist sehr gut, die Farben hätten frischer sein können.

Für Experten klare Spielempfehlung, Gelegenheitsspieler können schon mal einen Blick darauf werfen, Familien finden sicher andere geeignetere Spiele. Auch solo spielbar, aber erst mit 3, noch besser mit 4 Spielern richtig reizvoll.

 

1-4 Spieler, 60-90 min, ab 12 Jahre, von Remo Conzadori und Nestore Mangone, Grafiken von Giorgio De Michele, erschienen bei Gotha Games

+einfacher Spielablauf

+ große Spieltiefe

+ Thema gut eingebunden

+ spannend bis zuletzt

– langweilige Farbgebung

– Frühe Fehler rächen sich später

(eine Rezension von Gerhard – Teammitglied vom Spielecafé der Generationen)

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